US-amerikanische Internet-Plattformen setzen die technischen Standards

Vor ein paar Tagen hat Martin Weigert bei netzwertig einen aus meiner Sicht treffenden Beitrag über die technische Rückständigkeit von vielen deutschen Internetplattformen geschrieben:

Evolution des Webs: Friedliches Wettrüsten – aber ohne Deutschland

Traurigerweise sind die führenden deutschen Webunternehmen bei diesem globalen „friedlichen Wettrüsten“ um die beste, nutzerfreundlichste und innovativste Technik nicht mit dabei (…) Bei den deutschen „Dickschiffen“ hingegen werden in der Regel statt echter Funktionserweiterungen Mini-Updates und Werbekooperationen als Innovationen verkauft. Auch verweist man gerne darauf, dass die Nutzer zu viel funktionelles Klimbim sowieso nicht mögen würden. Wenn dann doch einmal eine grundlegende Neuerung ansteht, wird sie wie im Falle von Xings Applikations-Plattform gerne angekündigt, ist aber über ein Jahr später noch immer nicht zu sehen.

Zwei Tage später konnte Martin Weigert bei der Besprechung einer neuen Plattform von Web.de (Web.de Navigator) gleich das nächste Beispiel für die angesprochene technische Rückständigkeit vieler Web-Entwicklungen in Deutschland liefern:

WEB.DE Navigator: Social Web für 13 Millionen Nutzer

Das offensichtliche Kernfeature ist die zentrale Loginverwaltung für zahlreiche deutsche Social Networks, Social Web-Angebote und Onlineshops. Ähnlich wie das Hamburger Startup allyve setzt WEB.DE hierfür auf die zentrale Speicherung sämtlicher Logins (…) Wie bei allyve ist mir dieses Verfahren nur bedingt geheuer. Zugangsdaten auf einem Webserver zu speichern, ist grundsätzlich die schlechteste Alternative. Da kann der Anbieter noch so sehr auf die Sicherheit der Daten verweisen. Andere Wege der Authentifizierung wie z.B. über oAuth bieten einen erheblich sichereren Prozess, der User zudem nicht eine Entscheidung abfordert, ob sie nun ihre Benutzerkonten preisgeben sollen oder nicht.

Warum also ist die Technik so wichtig? Weil sie die Grundlage für viele Geschäftsmodelle im Internet ist. Ich hatte gleich im 5. Beitrag meines Blogs im Oktober 2008 darüber geschrieben, in welche Richtung die Entwicklung vieler Plattformen im Social Web geht:

Trends im Social Web

Hier erwähnte ich drei Modelle für Web-Plattformen, die in den USA auch damals schon seit Monaten öffentlich bekannt und diskutiert worden waren:

  • Identity Providers
  • Social Graph Providers
  • Content Aggregators

Viele US-amerikanische Plattformen haben sich seitdem konsequent in Richtung dieser Modelle entwickelt. Facebook bspw. deckt weite Teile aller drei Modelle sehr gekonnt ab, was ein nicht unwesentlicher Grund für deren enormen Erfolg ist. Leider haben die hiesigen Plattformen wie StudiVZ diese Entwicklungen zu lange entweder nicht wahr- oder nicht ernst genommen. Sonst hätten sie erkannt, dass eine entsprechende Technik die Voraussetzung für die Realisierung dieser Modelle ist.

Wo die Messlatte inzwischen liegt, zeigen die führenden US-Plattformen täglich im Internet und in Form von Demos bei vielen Veranstaltungen:

DEMO: Social data sharing will change lives and business

Bei dieser konkreten Veranstaltung namens DEMO präsentieren Max Engel (MySpace), Kevin Marks (Google), Joseph Smarr (Plaxo) und Dave Morin (Facebook), woran sie und ihre Unternehmen derzeit arbeiten und was sie ihren Nutzern schon heute ermöglichen. Joseph Smarr beschreibt auf seinem Blog, was die Vier auf der DEMO konkret demonstriert haben:

In addition to a lively discussion, we each demoed our “latest and greatest” efforts at opening up the social web. Max showed the first public demo of MySpace’s support for hybrid OpenID+OAuth login using a friendly popup, Kevin showed off how to add FriendConnect to any blog, and Dave showed off some new examples of Facebook Connect in the wild. I showed our new Google-optimized onboarding experiment with Plaxo, and revealed that it’s working so well that we’re now using it for 100% of new users invited to Plaxo via a gmail.com email address.

Ich empfehle jedem am Internet Interessierten, die 44 Minuten zu investieren und sich das Video der Veranstaltung anzusehen, um einen Eindruck davon zu bekommen, auf welcher Ebene sich heute der Wettbewerb solcher „Infrastrukturanbieter im Social Web“ abspielt: