Theodor Fontane Chronik: Ideal geeignet für ein Google-Maps-Mashup

Im November dieses Jahres wird ein bemerkenswertes Buch erscheinen: die Theodor Fontane Chronik von Prof. Dr. Roland Berbig.

Worum geht’s in dem Buch?

Die Chronik von Leben und Werk des Schriftstellers Theodor Fontane schließt nach der 2006 erschienenen Bibliographie die zweite seit langem beklagte Lücke in der Fontane-Forschung. Erstmals werden alle zugänglichen Quellen zur Lebens- und Werkgeschichte Fontanes systematisch erschlossen und die daraus gewonnenen Informationen nach Einzelrubriken (Tagesereignisse, Begegnungen, Arbeit, Lektüre, Drucke, Briefe von und Briefe an Fontane) geordnet und chronologisch präsentiert. Jeder Eintrag wird mit seiner Quelle nachgewiesen. Die Chronik stützt sich dabei sowohl auf die umfangreichen Brief- und Tagebücher-Editionen der letzten Jahrzehnte als auch auf unveröffentlichte Materialien aus Archiven. (Quelle: Walter de Gruyter)

Weitere Informationen zu dem Buchprojekt finden sich bei der HU Berlin:

Ziel des Projektes ist es, eine umfassende Sammlung von Daten zu Fontanes Leben als chronologisch geordnete Liste so aufzubereiten, daß für die Fontane-Forschung, aber auch für andere (literatur-)historische Forschungsinteressen ein informatives, vielfältiges und zuverlässiges Nachschlagewerk entsteht. Gerade im Fall Theodor Fontanes scheint ein solches Unternehmen erfolgversprechend: Fontanes ereignisreiches, eng mit der Zeit- und der Literaturgeschichte verwobenes Leben bietet reichhaltiges und reizvolles Material und kann überdies – im Vergleich zu anderen Autorenviten – als hervorragend dokumentiert gelten. Mit Hilfe einer dichten, gut strukturierten Chronik ließen sich sowohl einzelne Informationen schnell verifizieren, als auch Verknüpfungen und Kontextualisierungen unter verschiedensten Fragestellungen herstellen. (Quelle: HU Berlin)

Es handelt sich bei der Chronik also um einen unglaublichen Schatz an Informationen. Für jeden Tag im Leben des Schriftstellers werden alle verfügbaren Informationen aufgelistet. So lässt sich weitgehend rekonstruieren, was er wann wo warum gemacht hat. Doch nicht nur sein Leben wird so erschlossen. Gleiches gilt für sein Werk und konkret für seine Figuren. Um einen Eindruck von der Art der Informationen zu vermitteln, liste ich hier beispielhaft die Daten zu zwei Januartagen des Jahres 1882 auf:

17.1.82 Di 

• F besucht die Karl-Blechen-Ausstellung in der Nationalgalerie

• Besuche bei Alexandrine Gräfin zu Eulenburg und bei dem Pfarrer der französischen Klosterkirche Albert Cazalet

• Diner bei Carl Robert Lessing

• abends Geburtstagsbesuch bei Marie von Wangenheim (66)

18.1.82 Mi 

• nachmittags Besuch bei Professor Behrendt, einem Verwandten Karl Blechens; F erhält Einblick in »so ’was wie Blechens italienisches Tagebuch«

• Gesellschaft bei August von Heyden; Gespräch mit Ernst von Wildenbruch über dessen Tragödie Harold und mit General Wilhelm von Fabre du Faure über Bismarck (67)

B an Wilhelm Hertz (68)

Solche Daten, wo auch immer sie wie im Falle Fontanes erhalten und entsprechend aufbereitet sind, scheinen mir ideal geeignet zu sein für eine Verknüpfung mit dem Fundus weiterer im Internet verfügbarer Daten – z.B. in Form von Mashups:

Mashup (von engl.: „to mash“ für vermischen) bezeichnet die Erstellung neuer Medieninhalte durch die nahtlose (Re-)Kombination bereits bestehender Inhalte. (Quelle: Wikipedia)

Bei der Fontane Chronik stelle ich mir insbesondere eine Kombination der vorliegenden Daten mit den geographischen Daten von Google Maps hochreizvoll vor. So ließe sich eine Welt- oder doch zumindest Europa-Karte erstellen, auf der all die Orte markiert wären, an denen sich Fontane zu irgendeiner Zeit seines Lebens aufgehalten hat. Zudem könnte man sich für einzelne Orte, Straßen und sogar Häuser die Aufenthalte Fontanes anzeigen lassen und würde erfahren, wann und aus welchem Grunde er dort gewesen ist.

Ein ganzes Leben ließe sich so abbilden. Doch nicht nur das. Selbst einzelne Romane, Erzählungen und Gedichte könnten in die Betrachtung einbezogen werden. Besonders spannend wären die Verknüpfungen von Leben und Werk. So ließe sich bspw. darstellen, dass er 1868, 1877 und in den frühen 1880er Jahren in Thale am Harz zur Sommerfrische weilte und dass später ebendort der erste Teil seines 1887 in Buchform erschienenen Romans Cécile spielte. Eine ganze Fülle solcher interessanter Zusammenhänge würde sich auftun dank dieser Art der Datenaufbereitung und -verknüpfung.

Noch als Anregung: Ein Webprojekt, das seit einigen Jahren Ähnliches umzusetzen versucht, ist Handlungsreisen.de:

Im Februar 2004 entstand die Idee, die Handlungsorte der Literatur auf einer Weltkarte einzuzeichnen. Daraus wurde der Atlas für Handlungsreisen.de – ein Kartenwerk der Literatur, gespeist von zahlreichen Leserinnen und Lesern. Mit seiner Hilfe lässt sich das Wechselspiel zwischen Orten und Literatur entdecken.