Gemeinsamkeiten der Pharma- und Medienbranche: „Erfindungen“ beleben das Geschäft

Derzeit wird ja der Fall des Medikaments „Regividerm“ heiß diskutiert. Es geht um finanzielle Interessen und mutmaßlich erfundene Geschichten, die auch Teile der Medien schlecht aussehen lassen.

Vor diesem Hintergrund ist ein Beitrag des Ärzteblattes über Marcia Angell, eine Ärztin und Kritikerin des US-amerikanischen Medizinbetriebs, lesenswert:

Das Problem ist das Streben nach Profit

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Furore machte Angell 2004 mit ihrem Buch The Truth About the Drug Companies: How They Deceive Us and What to Do About It. Darin wirft sie der Industrie vor, sich ihre Märkte regelrecht zu erschaffen, sprich: die Existenz von Krankheiten zu propagieren, bis der eigene Umsatz die Milliardengrenze übersteigt. So wurde Angell zufolge aus natürlicher menschlicher Schüchternheit ein klinisches Leiden, dass dank geschickter Public Relations (PR) inzwischen zur Volkskrankheit geworden ist. 1980 tauchte im Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders erstmals der Begriff „social phobia“ auf, die als eher selten bezeichnet wurde. Bis Mitte der 1990er-Jahre mutierte das Leiden zur „social anxiety disorder“, das ungemein häufig sein soll. Als Ursache für diese wundersame Progression macht Angell die PR-Bemühungen der Firma Glaxosmithkline aus, die ihr Antidepressivum Paxil® (Paroxetin) mit dieser Kampagne an Millionen unter pathologischer Schüchternheit leidende Amerikaner zu bringen suchte – mit Erfolg.
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Sowohl bei Pharma- als auch bei Medienunternehmen ist das Profitstreben der Hauptantrieb. Die Verbesserung der Gesundheit der Menschen bzw. die möglichst objektive Information der Menschen sind nachgelagerte Ziele. Entsprechend ist es theoretisch natürlich nie auszuschließen, dass es auch in der Medienbranche zu ähnlichen „Erfindungen“ von Themen kommt …

Bildquelle: Wikipedia (Public domain)

  • Nun ja, „Erfindungen“ der Medienbranche würde ich mir eigentlich mehr wünschen. Ich sehe kein spezifisches Problem des Profitstrebens bei Pharma oder Medien, darauf hin ist unsere Wirtschaftsordnung ausgerichtet. Die Frage ist meines Erachtens doch eher, unter welchen Bedingungen und Regeln dieses Streben nach Profit erfolgt bzw. erfolgen darf und wie das kontrolliert und gegebenenfalls auch sanktioniert wird.

    • Klar, die Rahmenbedingungen im System sind entscheidend und müssen stimmen, denn wir wollen ja auch keine Planwirtschaft. Ein Grundmisstrauen ist aber generell sinnvoll. Viele haben das, meiner Einschätzung nach, zu wenig.

      • Ich kann mir auch andere oder Misch-Wirtschaftssysteme vorstellen ;-)

        Eine gewisses Maß an Vor-misstrauen ist sicher ganz nützlich, wirklich helfen tut dann aber doch eher eine gewisse Literacy und umfassende Aufklärung.

        • Eigentlich hatten wir ja auch bisher vielerorts Mischsysteme ;)

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