Das Internet ist ein Dorf

Ein Freund von mir hat vor Jahren seine Lehre in einem brandenburgischen Dorf gemacht. Wann immer ich ihn allein oder zusammen mit anderen Freunden während dieser Zeit dort besuchte, habe ich erfahren, was es heißen kann, in einem Dorf zu leben. Wenn wir die Straße entlang gingen, verlangsamten die vorbeifahrenden Autos ihre Geschwindigkeit und die Insassen schauten, wer denn da Fremdes im Dorf sei. Menschen kamen an die Fenster ihrer Häuser und schauten. Hinter dem eigenen Rücken hörte man es bisweilen tuscheln. Als Städter bekam man schnell das Gefühl, auf Schritt und Tritt beobachtet zu werden.

Eigentlich ist dieses Bild aber sehr gut auf das heutige Internet bzw. Social Web übertragbar. Schließlich ist eine der wichtigsten Veränderungen, die uns das Internet gebracht hat, die enge Verbindung der Menschen untereinander und die daraus folgende Transparenz. Im Gegensatz zur Anonymität einer Großstadt oder des „Web 1.0“ wird im Social Web wie auch in einem Dorf potenziell jeder Schritt beobachtet. Wenn dabei Besonderheiten auffallen – egal, ob positiv oder negativ – macht dies sehr schnell die Runde. Das hat einen disziplinierenden Effekt, indem es eine Ordnung schafft.

Wünschenswert wäre, dass diese Ordnung beinhaltet, dass man beispielsweise nicht irgendwelchen Nachbarn frech in die Fenster schaut oder auf andere Weise deren Privatsphäre verletzt, was man auch in einem Dorf nicht tun würde. Ebenso sollten wir es unterlassen, jede private Information, die heute durch das Internet öffentlich zugänglich ist, auch öffentlich zu machen und zu nutzen. Solche Probleme lassen sich nicht zur Gänze durch technische Vorkehrungen lösen, sondern erfordern eine gesellschaftliche Vereinbarung, wie wir mit diesen Dingen umgehen.

Vielleicht könnte man aber auch versuchen, das Bild des Dorfes auf die Wirtschaft zu übertragen: Jedes Dorf hat einen Dorfplatz und eine Dorfschänke, wo sich die Menschen versammeln und austauschen. Jene Unternehmen, denen es gelingt, solche Dorfplätze im Internet zu schaffen, werden sicher großen Gewinn daraus ziehen können. Ferner gibt/gab es in jedem Dorf Handwerker und Geschäftsleute wie Schmiede, Bäcker und Krämer. Meist gab es aber nur einen oder zwei von jeder Art. Wer hätte auch Bedarf für 5 Schmiede gehabt. Entsprechend könnte man argumentieren, dass man auch im Internet schauen sollte, dass man nichts anbietet, was es schon (mehrfach) gibt, sondern vielmehr versuchen sollte, einzigartig zu sein. Doch gerade im Medien- und speziell im Nachrichtenbereich scheint es mir noch immer so zu sein, dass viele Unternehmen das Gleiche tun und somit austauschbar sind. Manche sind zudem noch der Meinung, dass ihnen trotz Austauschbarkeit eine Bezahlung zustünde.

Interessant finde ich auch, was Seth Godin vor ein paar Monaten gesagt hat: „The only reason that brands exist is because they invented the road.“ Gemeint ist, dass jeder in einem Dorf weiß, ob Fritz der Schmied ein guter Charakter ist und sein Handwerk beherrscht oder ob er sich vor der Arbeit gern mal ein Schlückchen genehmigt und bei der Arbeit pfuscht. Wenn Letzteres der Fall ist, kann man sich aber sicher sein, dass es jeder im Dorf ganz schnell weiß. Marken, so Godin, wurden erst notwendig, als die Waren und Dienstleistungen aus dem Nachbarort kamen, wo man die Leute nicht mehr persönlich kannte. Durch das Internet kehrt sich das Ganze nun zumindest ein Stück weit um. Das sehen wir auch daran, dass Menschen als „Marken“ wieder wichtiger werden.

Soweit ein paar spontane Gedanken. Wie denken Sie darüber?

Bildquelle: kamshots (CC-Lizenz)

4 Kommentare

  1. Nessa

    Hallo Leander,
    Bild passt. Weiteres Beispiel: Im (fiktiven) Dorf kennt jeder jeden, einfach, weil er existiert. Grüßt und bestätigt dadurch Existenz, seiner selbst bewusst geht der Gegrüßte weiter. Heute verzweifeltes Wimmern um Aufmerksamkeit. Marke! USP! Branding … und wie das alles heißt. Und am Ende haben wir nicht mehr erreicht als das, was im Dorf selbstverständlich war. Man existiert und die anderen wissen davon.
    Gruß
    Nessa

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