Gedanken zu Appellen der Web-Szene und deren Wirkung

Ich habe ja im Rahmen meiner Beratungstätigkeit auch viel mit Entscheidern in Buchverlagen und anderen Medienunternehmen zu tun, die sich vielleicht auch nicht alle jeden Tag stundenlang im Web bewegen. Das sind zumeist sehr intelligente Leute, die nicht grundsätzlich ein Problem mit dem Internet haben und ihm gegenüber oft sogar sehr aufgeschlossen sind. Sie sind aber eben auch kritische Geister und hinterfragen Dinge, die in der Web-Szene eher selbstverständlich sind.

Wenn man sich nun also darüber beklagt, dass Unternehmen gewisse Dinge anders handhaben als man sich das wünschen würde – und solche Klagen liest man ja täglich im Web – besteht die Herausforderung doch darin, die eigenen Argumente sachlich und gern auch wiederholt so zu vermitteln, dass die Wahrscheinlichkeit möglichst hoch ist, dass sich Entscheider in Unternehmen diesen Argumenten gegenüber öffnen. Dies alles auf der Grundlage der Kenntnis der Zwänge und limitierten Möglichkeiten der anderen Seite. Mein Eindruck ist, dass die Web-Szene in dieser Hinsicht noch erfolgreicher agieren könnte.

Denn wenn man eine Wirkung erzielen möchte, sollte man – immer wieder – Brücken bauen sowie sachlich und konstruktiv so argumentieren, dass die Gegenseite ein Argument annehmen kann, ohne ihr Gesicht zu verlieren. Allzu oft liest man aber Texte beispielsweise von Bloggern, die polemisieren und verbal spalten und sich dann aber wundern und mindestens zwischen den Zeilen bitterlich darüber beklagen, dass sie nicht gehört werden. Klar, die anderen mögen auch polemisieren, aber das sollte kein Grund sein, es ihnen nachzumachen. Zudem habe ich beim vergleichenden Lesen von US- und deutschen Blogs öfter den Eindruck, dass gerade bei uns jene Blogger, die mal ein paar mehr Leser gewonnen haben, oft einen etwas oberlehrerhaften Ton annehmen. Da wird dann jeder zweite Beitrag tendenziell genervt damit eingeleitet, wie früh und wie oft man einen Gesichtspunkt schon beleuchtet hat und dass es die anderen einfach nicht kapieren können oder wollen.

Das ist natürlich nur mein subjektiver und etwas pauschal und überspitzt formulierter Eindruck. Wenn sowas aber tatsächlich vorkommen sollte, dann wundert es mich auch nicht, dass viele Leute in der Wirtschaft und Politik nicht zuhören – allein schon, weil sie sich nicht wie ein Kind belehren lassen wollen. Natürlich sind die Dinge auch hier nicht monokausal. Doch gerade die Freunde des Netzes wollen doch etwas verändern und sollten sich bemühen, möglichst konstruktiv vorzugehen und sich nicht selbst eines Teils ihrer potenziellen Wirkung zu berauben.

Denn sachlich zu kritisieren gibt es ja genug. Manches davon hat Markus Spath neulich in einem Beitrag zusammengefasst, der auf 5 Jahre seines Blogs live.hackr zurückgeblickt und sehr lesenswert reflektiert, was in der Zeit so alles geschehen ist. Dabei hat er auch einen Aspekt beleuchtet, welcher die Entwicklung im Web seiner und auch meiner Meinung nach hemmt. Der ist nicht neu, wird aber von Markus Spath gut auf den Punkt gebracht:

es gibt viele gute köpfe auch im deutschen web, aber mit der kollektiven kompatibilität mit dem web ist es so eine sache. irgendwie läuft es mit selbstauferlegten fussfesseln herum. für das dahinmurksen gibt es wohl viele gründe, zumindest einen strukturellen, den ich sehr spannend finde, möchte ich erwähnen:

das nicht ertragen können, dass ein anderer aus der eigenen existenz ungefragt und ohne direkte bezahlung irgendeinen nutzen zieht.

dieses grundgefühl zieht sich durch alle schichten und ist – so verständlich auch die haltung ist, wer wollte das schon – im web die blockade schlechthin.

paradigmatisch wird das von der kulturindustrie repräsentiert: zeitungsverleger halten es nicht aus, dass eine nachricht ohne direkte bezahlung gelesen wird und dass google davon sogar finanziell profitiert, musikverwerter halten es nicht aus, dass ein track ohne bezahlung angehört oder als untermalung einer slideshow benutzt werden kann und dass google davon sogar finanziell profitiert, (…)

dass auch die produzenten vorteile davon hätten, wenn sie ihre objekte/produkte netzwerktauglich machten, ist dabei egal. ich schneide mir lieber der finger ab, bevor ein anderer von meiner leistung profitiert, ohne dass ich direkt bezahlt werde oder mein explizites einverständnis gebe, und den finger schneide ich mir übrigens ganz sicher nicht ab, also fordere ich umfassende kontroll- und sanktionssysteme, die diesem treiben der nutznießer einhalt gebieten. die kosten für die systemische verunmöglichung von missbrauch sind aber üblicherweise um faktoren höher, als der tatsächliche schaden selbst.

im web gilt aber (mit o’reilly): erzeuge mehr wert als du abschöpfst. niemand im web will die produzenten, egal jetzt ob gross oder klein, um die früchte ihrer arbeit bringen. aber man muss sich vom anspruch befreien, die gesamte wertschöpfungskette kontrollieren zu können und jeden tropfen wert abschöpfen zu müssen. gefragt ist nicht das pochen auf sein recht und das festbetonieren von monetarisierungsmodellen und der krieg gegen die fans, gefragt sind neue geschäftsmodelle unter den bedingungen des webs. dass man nicht jeden track und jeden artikel verkaufen (oder oft nur lizensieren) kann, bedeutet nicht, dass man damit kein geld verdienen kann.

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