Viele Diskussionen über den Medienwandel drehen sich nicht um den Medienwandel

Was mir gerade durch den Kopf geht:

Ich bin nun seit ein paar Jahren im Medienbereich beratend tätig und beschäftige mich hier vornehmlich mit Internet-Themen. Oft wird ja zu Recht beklagt, dass die Chancen des Internets tendenziell zu wenig und zu langsam genutzt werden. Schneller ginge es nur mithilfe der beteiligten Menschen. Immer wieder habe ich aber die Erfahrung gemacht, dass viele Menschen die Folgen des Medienwandels ablehnen. Das kann x Gründe haben, von denen ich nur einen möglichen aufgreifen will: Oft habe ich dabei nämlich das Gefühl, dass die Menschen gar nicht primär den Medienwandel ablehnen, sondern eine auf sich selbst bezogene Aussage treffen. Viele Diskussionen über den Medienwandel drehen sich eben nicht um den Medienwandel.

Man kennt das ja aus den Lebensrückblicken diverser Leute. Dort wird resümierend dann meist sinngemäß gesagt: „Ich würde auch aus heutiger Sicht nichts anders machen in meinem Leben, weil all das mich zu dem gemacht hat, der ich heute bin.“ Nun ist es aber so, dass die Arbeit allein schon zeitlich gesehen einen großen Teil unseres Lebens ausmacht. Der Job bestimmt also über die Jahre im großen Maße, wer wir sind. Die Menschen werden also mehr und mehr Aspekte ihrer Arbeit positiv betrachten, weil sie eben elementarer Bestandteil des eigenen Lebens geworden sind.

Wenn nun aber jemand viele Jahre in der Medienbranche tätig ist und ein anderer daher kommt und mit großem Schwung und mit viel Nachdruck vom Medienwandel redet und dass nun alles anders werde, weil das Alte ausgedient habe, wird Ersterer Letzteren oft zurückweisen. Letzterer denkt sich dann vielleicht, dass Ersterer gestrig sei. Vielleicht reden sie aber über ganz unterschiedliche Dinge. Vielleicht wird die Kritik am Bestehenden eben nicht nur als Kritik an der Sache empfunden, sondern als elementare Kritik an dem Menschen, der sie ausübt. Vielleicht wird sie deshalb oft schon ganz grundsätzlich zurückgewiesen.

Vielleicht sollten wir uns alle noch mehr darum bemühen, die Menschen mitzunehmen, wenn wir wollen, dass sie am Wandel mitwirken. Vielleicht sollten wir noch klarer machen, worüber wir sprechen, wenn wir über den Medienwandel und dessen Folgen reden. Vielleicht sollten wir auch ab und an betonen, dass deshalb nicht alles verkehrt und schlecht war und ist, was bisher getan wurde. Denn das Schlimmste, was uns passieren kann, ist, dass die Betroffenen sich selbst abgewertet fühlen und deshalb „zu machen“.

Nur ein paar ausschweifende Gedanken …

Namensnennung Bestimmte Rechte vorbehalten von Leonid Mamchenkov

7 Kommentare

  1. Auf „Menschen mitnehmen“ reagiere ich immer mit einem sarkastischen „Bin ich ein Bus-Unternehmen?“ ;-)
    Nein, ernsthaft: das stimmt alles so. Es geht aber neben einer theoretischen Ebene auch schlicht um Jobs. Und die Sorge darum, wie dieser morgen noch aussehen mag, ob er überhaupt noch benötigt wird. Einfach Zukunftsängste und völlig menschlich.
    Fatal ist, dass ein Gutteil jener Führungskräfte, die von „mitnehmen“ reden, sich in der Realität weigern, entsprechende Strukturen zu schaffen, das Thema „Change Management“ und „Workflows“ ist ja wieder in aller Munde (mit der Gefahr, wieder zu inhaltsleeren Buzzwords zu verkommen).
    Medienwandel heißt auch Job-Wandel. Job-Wandel bedeutet Unsicherheit und fördert Abwehrhaltung. Und das führt zu einer von den jungen, schnellen, agilen, manchmal auch maschinenstürmerischen Medienmenschen als „starr“ empfundenen Haltung.
    Das Einzige, das hilft, ist offene Kommunikation und Information. Keine Best-Practise-Folien, sondern pragmatische Hilfestellung und Diskussion für und über die Dinge, die da kommen werden.

    • Stimmt, der Ausdruck ist einigermaßen schrecklich :)

      Ich glaube, Change Management ist mind. schon ein Buzzword, wenn nicht weniger. Gerade unter Beratern ;)

      Und was die Rezepte betrifft, ist’s wohl immer noch am besten, man lebt es vor. Aber da renne ich hier ja offene Türen ein.

  2. Quasi Lebensrückblickend muss ich Steffen Meier recht geben:
    Medienwandel heißt seit geraumer Zeit an vielen Ecken der Medienbranche immer wieder vor allem: Wandel des Arbeitsplatzes bzw. dessen ersatzlose Streichung, wenn’s mit dem „mitnehmen“ mal wieder nicht so geklappt hat. Wohl dem, dessen Führungskräfte die Notwendigkeit von Change und dessen Management verstehen oder/und das sogar selbst beherrschen.
    (nostalgischer Gedanke: Erinnert sich eigentlich noch jemand an die Revolution, die das Telefax bedeutete?)

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