Theodor Fontanes Gönnergalerie – Crowdfunding im 19. Jahrhundert

Eine meiner Tätigkeiten neben dem eigentlichen Job ist mein Engagement als Vorstandsmitglied der Theodor Fontane Gesellschaft. Viele, die den Namen Theodor Fontane nur hören, machen sogleich lange Gesichter. :) Ich finde aber sowohl sein Werk als auch sein Leben sehr interessant und die Beschäftigung damit überaus bereichernd. Besonders schön sind die Momente, da man wieder einmal feststellt, dass doch nicht alle Dinge dieser Welt in unserer Zeit erfunden wurden, obwohl wir uns das immer gern einbilden. Das Thema Crowdfunding gehört ja bekanntlich dazu.

Ende September hielt mein Vorstandskollege Professor Dr. Roland Berbig (HU Berlin) in Leipzig einen sehr interessanten Vortrag zu diesem Thema: „Fontanes Gönnergalerie. Ein typologischer Streifzug von MacDonald über Franz Kugler bis Heinrich von Mühler“. Eine lesenswerte Zusammenfassung von Uta Beyer findet sich im von mir eingerichteten Blog der Fontane-Gesellschaft.

Hier folgen ein paar Auszüge, die zeigen, dass Crowdfunding in Form eines Mäzenatentums im 19. Jahrhundert für Schriftsteller einer der Wege war, um zu existieren. Viele der heutigen Erlösquellen gab es nicht und es ist ja nicht unwahrscheinlich, dass es sie auch künftig nicht mehr in der heutigen Form geben wird, sodass wir uns langsam wieder an die Situation des 19. Jahrunderts annähern werden. Insofern dürfte auch das Thema Mäzenatentum wieder wichtiger werden. Eine Beschäftigung damit lohnt also, weil sich auch hier aus der Vergangenheit Vieles lernen lässt.

Berbig skizzierte zunächst das Ende des klassischen Mäzenatentums, das einen literarischen Markt eröffnet habe, auf dem sich die Autoren des 19. Jahrhunderts zu bewähren hatten. Gleichsam erschienen weiterhin sogenannte moderne Mäzene im Literaturbetrieb, die als (literarische) Gönner für Schriftsteller mehr oder weniger umfassend gewirkt und deren Werke vermittelt und medial beworben haben (Gönnerinnen und Autorinnen sind hier stets mitgemeint). Die angenommene Dankbarkeit Schutzbefohlener widerspiegelte sich vielfach in den mit dem jeweiligen Förderer geführten Korrespondenzen, die üblicherweise mit Anreden wie „Hochverehrter Freund, sehr verehrter Gönner“ eingeleitet wurden. Die damals modische Charakterisierung als Gönner beinhaltete demzufolge keine einfache Geschäftsbeziehung, sondern kennzeichnete darüber hinausgehend eine komplexe, vielfach freundschaftliche Verbindung zwischen dem Mentor und seinem Stifter, die auch als Wohltäterschaft oder Protektorat ihre Funktion verrät.

Auch die Motive von damaligen Mäzenen kamen zur Sprache:

Am Ende des Rundgangs durch die Gönnergalerie Theodor Fontanes unterschied Berbig gemeinsame Motive von unterschiedlichen Anlässen, den Dichter gefördert zu haben: Während einerseits das Poetische die Verbindungslinie zwischen Stifter und Stipendiat geschaffen habe und somit soziale Differenz vermitteln konnte, waren andererseits sachliche Gründe ausschlaggebend, den heimatländisch-repräsentativen Autor zu managen. Diese ambivalenten Ursachen aus heutiger Zeit betrachtend, warf Berbig die Frage auf, ob das aktuelle Wissen um die politische Haltung und grundsätzliche Lebenseinstellung einzelner Protektoren deren Gönnertum im Nachhinein schmälert. Schließlich aber hielt er fest, dass die Geber und Beschützer im weitesten Sinne als Karrierehelfer fungiert haben, als Lektoren tätig waren, als Vermittler und Sponsoren wirken konnten, sodass sich eine Typologie aus den in der Gönnergalerie auswahlweise betrachteten Personen ableiten lässt, die als Mischtyp kategorisiert werden kann, wenn Edelsinn, Freundschaft und Güte, Einfluss und Macht einander ergänzt und in der Gesamtheit eine multiple Gönnerschaft erzeugt haben.

—————————————————-
Abo + Austausch: Feed, E-Mail, Facebook, Google+, Twitter, Xing, LinkedIn

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.