Meine Eindrücke von der TOC-Frankfurt-Publishingkonferenz

Am 11. Oktober durfte ich als Pressevertreter kostenlos die TOC-Frankfurt-Publishingkonferenz besuchen und will deshalb hier noch von meinem Eindruck berichten. Für mich war es der erste Besuch auf der TOC Frankfurt, weshalb ich relativ unbefangen bin.

Von der inhaltlichen Seite war ich offen gestanden ähnlich wie Wolfgang Tischer etwas enttäuscht. Der Anspruch der Konferenz ist es meinem Eindruck nach ja schon, einen Blick voraus zu werfen und neue Perspektiven für’s Publishing-Business aufzuzeigen. Bis auf 2 Sessions fand ich die Speaker eher langweilig. Die ersten 2 Keynotes kamen über eine Mischung aus Eigenwerbung und Appellen à la 2008 („Das Internet ist tooootal wichtig, so ganz allgemein …“ und „Nutzt doch bitte die Chancen, keine Angst“) nicht hinaus. Ich habe nichts gegen Eigenwerbung, aber man sollte doch etwas Relevantes dabei lernen. Die dritte Keynote war interessant, mit einem Typographie-Thema für die Breite des Publikums aus meiner Sicht aber nicht passend.

Später besuchte ich dann bspw. einen Vortrag der Beraterin und Autorin Aliza Sherman, die zu den Anwesenden über Marketing-Instrumente wie zu Grundschülern sprach. Sinngemäß: „Hey!! Und jetzt gibt’s auch Foursquare – so viele Chancen für Autoren, man könnte so viel tun. … Und es gibt auch noch Slideshare – wow!!“ Etc. Ich bewundere das Präsentationsgeschick und die Energie, welche sie zeigte. Beides fehlt vielen Speakern auf anderen Konferenzen (da schließe ich mich ein), von daher war auch das interessant, aber nicht unbedingt ein Grund zu kommen.

Interessanter fand ich den Vortrag von Sebastian Posth, der über das Thema Current Developments in Setting Standards for Rights Licensing and Sales Metadata sprach. Hier wurde einmal mehr deutlich, dass im Bereich des E-Book-Vertriebs noch grundlegendste Standards entwickelt werden müssen. Da stehen wir noch ganz am Anfang. Sebastian Posth machte sehr deutlich, dass er offen für den Austausch und das gemeinschaftliche Pushen des Themas ist. Erreichbar ist er bspw. über seinen Twitter-Account @sposth. Angeblich sollen auch die Vortragsfolien irgendwo bei Slideshare hochgeladen werden, ich finde sie aber derzeit nicht.

[Update 02.11.11] Hier finden sich Video und Slides zum Vortrag von Sebastian Posth. [/Update 02.11.11]

Am spannendsten fand ich diese Session: „Publishing Startups and the Investment Ecosystem in the EU“ mit Christophe Maire, Justo Hidalgo, Richard Nash, Matt Tempelis. Hier wurde an konkreten Beispielen beleuchtet, was für Start-ups im Publishing-Bereich wichtig ist, wie es mit der Investment-Beschaffung aussieht, wie die Bedingungen in den wichtigsten Städten der EU sind und was das Ökosystem insgesamt voran bringen könnte. Es wurde auch die zunehmend starke Rolle Berlins beleuchtet. So erzählte ein Gründer aus Stockholm, der gerade nach Berlin umgezogen ist, wie er dort einmal im Café saß, sich über das Geschäft unterhielt und dann von einem VC angesprochen wurde, der zufällig mitgehört und das Gehörte interessant gefunden hatte. Sowas würde in Stockholm nicht passieren, sagte er. Insgesamt wurden folgende Dinge festgestellt: Es gibt wenig VCs, die sich im Publishing-Markt engagieren. Im Raum anwesend war kein einziger, was – so die Teilnehmer – im Musik-Bereich ganz anders gewesen wäre. Ursachen sahen die Teilnehmer darin, dass es in den letzten Jahren zu wenig interessante Start-ups als Investmentmöglichkeiten gab, weil sich der Markt erst entwickelt. Wo hinein hätten VCs vor 5 Jahren investieren sollen im Verlagsmarkt, so die Frage. Da ging es eher um Prozessoptimierung in den Verlagen, warf jemand aus dem Publikum ein. Demzufolge gebe es auch zu wenig Gründer, die den VCs in der Vergangenheit schon gutes Geld beschert hätten. Wäre das anders, dann wäre die Chance höher, dass sich VCs auch engagieren, wenn sie die konkete Neugründung fragwürdig finden – einfach weil sie den in der Vergangenheit bereits erfolgreichen Gründern vertrauen. Angenehm bei der ganzen Session war auch, dass Leute aus vielen größeren europäischen Städten anwesend waren und alle Anwesenden vom Moderator aktiv mit einbezogen wurden. Kleine Vortragsformate wechselten sich ab mit Fragen in die Runde und offenen Diskussionen. Sehr angenehm interaktiv und lebendig das Ganze.

Das führt mich zur letzten Anmerkung. Ich finde, dass die Formate auf Konferenzen wie der TOC Frankfurt, auf der Frankfurter Buchmesse und andernorts interaktiver werden müssen. Die Teilnehmer kommen doch meist nicht primär, weil sie sich schlaue Vorträge anhören wollen. Es geht vielmehr darum, eine Plattform für den direkten Austausch zu schaffen, wodurch ein Mehrwert für das Vor-Ort-sein erzeugt wird, den es sonst so nicht gäbe. Es geht als Teilnehmer gerade nicht darum, passiv irgendwelchen Schulvorträgen zu lauschen. Zudem war die erste Keynote der TOC Frankfurt für 8:30 Uhr angesetzt, also relativ früh, und startete letztlich erst mit einer halben Stunde Verspätung. Der Effekt war, dass sofort bei den Frageteilen und den Pausen, die dem Austausch dienen, gekürzt wurde. Das wiederum führte dazu, dass viele Leute aus den – vielfach ohnehin nicht so interessanten – Vorträgen und Panels flüchteten, um sich auf den Gängen zu unterhalten. Ähnliches habe ich schon öfter beobachtet. Konzeptionell besser finde ich da durchlässige Formate wie bspw. die Table Sessions auf dem E:PUBLISH 2011 – Kongress

Insgesamt hat sich der Besuch der TOC Frankfurt aber auf jeden Fall gelohnt, weil ich interessante Gesprächspartner getroffen habe.

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2 Kommentare

  1. Wibke Ladwig

    Danke für den Einblick, Leander. Was mich noch interessieren würde: Wie war denn das Publikum gestrickt? Gemischt, homogen, wenn ja, aus welcher Ecke?

    Was Deine Anmerkung betrifft, sehe ich das auch so: Mehr Interaktivität, Erfahrungsaustausch und (moderierte) Diskussionen, weniger reine Vorträge. Letztlich haben dann alle mehr davon und niemand kann sich in die reine Konsumentenhaltung zurückziehen. Wie beim Barcamp: Wenn man will, dass es gut wird, muss man selber etwas anbieten oder sich aktiv beteiligen. Das spiegelt meiner Meinung nach auch gut die veränderte Kommunikation (nicht nur) im Web wider.    

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