„Social Reading“ – Lesekreise als Direktmarketing-Chance für Verlage und Buchhandel

Der Tagesspiegel widmet sich aktuell dem Thema Lesekreise, wo ja letztlich in vielfacher Hinsicht das stattfindet, was wir im Digitalen gern mit „Social Reading“ umschreiben: In der Buchtanzgruppe:

Es wird gescherzt, durcheinandergeredet und gelacht. Diese soziale Komponente von Lesekreisen ist in England und den USA viel anerkannter als in Deutschland. In Amerika, wo es über eine halbe Million Lesekreise gibt, veranstalten Arbeitgeber Zirkel, damit die Mitarbeiter einmal im Monat miteinander ins Gespräch kommen – quer durch alle Hierarchien. So werden Orte geschaffen, an denen nicht jede Unterhaltung von Konkurrenzdruck begleitet ist.
(…)
Dem Autor würde gefallen, wie lebensnah hier mit seinem Buch umgegangen wird. Ganz persönlich wird etwa darüber gesprochen, wie der eigene Blick auf Amerika aussieht, private Reiseerinnerungen werden berichtet, jemand erzählt von einer anderen gemeinsamen Buchlektüre. Von derart idealen Lesern träumt der Buchhandel geradezu. In den USA hat sich die Verlagskultur darum schon längst umfangreich auf Lesekreise spezialisiert: Buchhändler bieten Räume für die Diskussionen an, Verlage bereiten Empfehlungslisten mit Buchtiteln vor. Und die berühmte Sendung „Oprah’s Book Club“ der TV-Moderatorin Oprah Winfrey war nicht nur einem Lesekreis nachempfunden, sondern stellte grundsätzlich Materialien zur weiteren Beschäftigung mit den Büchern bereit.

Hier wirkt wieder einmal das, was ich vor Jahren mit „Community First“ zu beschreiben versucht habe: Erst muss man die Menschen zusammen führen, was die eigentliche Herausforderung ist, dann erst kann man erfolgreich sein. Der Tagesspiegel-Autor Florian Kessler spricht daher ganz richtig von notwendiger Rudelbildung:

Auch in Deutschland geben Verlage seit Neuestem besondere Romanausgaben für Lesekreise heraus. Im Anhang finden sich dann etwa Interviews mit den Autoren, Werklisten und mögliche Fragestellungen für die Diskussion. In der taumelnden Buchbranche mit ihren fast 100 000 Veröffentlichungen pro Jahr kann so etwas vielleicht ein Unterscheidungsmerkmal sein. Vor allem ermutigt es zu einem Leben mit Büchern: Bildet Banden! Rudelbildung stützt den Buchmarkt!

Nicht nur aus meiner, sondern auch aus der Sicht des E-Commerce-Experten Jochen Krisch sind Lesekreise eine große Chance für das Direktmarketing, über das wir ja auch häufig sprechen, wenn es um das so genannte „Social Media Marketing“ geht:

http://twitter.com/#!/jkrisch/status/140210494232469504

 

Jochen Krisch sieht Shopping-Parties generell als ein Zukunftsthema:

Das Thema „Shopping Parties“ in seinen mannigfaltigen Ausprägungen sehen wir als eines der großen Zukunftsfelder für den neuen E-Commerce. (…) Am bezeichnendsten und am sichtbarsten ist der Wandel bei den branchenprägenden Tupperparties (PDF), mit denen Tupper hierzulande jährlich rund 230 Mio. Dollar (160 bis 170 Mio. Euro) oder etwa 10% des Gesamtumsatzes von 2,3 Mrd. Dollar erzielt. Siehe auch das Interview in der FAZ („Frauenversteher Rick Goings“) oder den Bericht über das boomende Frankreich-Geschäft von Tupperware.

Es gibt natürlich auch schon Buchhandlungen, die aktiv sind, wie bspw. die Buchhandlung Riemann in Coburg mit den „Buchpickern„. Meinem Eindruck nach sollten es aber viel mehr sein und diese könnten noch offensiver sein. – Wer kennt gute Beispiele?

Update 28.11.2011: Ein tolles Beispiel: Bücher zum Tuppern (via Patricia Schütz)

Bildquelle: Namensnennung Bestimmte Rechte vorbehalten von Vimages

—————————————————-
Abo/Austausch: Feed, E-Mail, Facebook, Google+, Twitter, Xing, LinkedIn, Über mich

8 Kommentare

  1. Vanades

    Meine lokale Buchhandlung bietet sowas diesen Dezember auch an: aber man muss sich vorher anmelden und Eintritt zahlen. :-(

    Ich hatte mal versucht einen thematischen Lesekreis auf die Beine zu stellen. Das Projekt haperte schon an interessierten Lesern, die einmal im Monat Zeit hätten haben sollen. Trotzdem hätte ich immer noch gerne eine monatliche Lesegruppe, einfach weil ich gerne mit anderen menschen über Bücher rede. Und am liebsten im direkten Kontakt, also von Angesicht zu Angesicht

    Dafür bietete das Amerika-Haus einen monatlichen Lesekreis an, wobei da nur Klassiker der amerikanischen Literatur besprochen werden und das Format auch nicht so ganz den eher privaten Lesegruppen entspricht, wie sie in den USA und UK existieren.

  2. Die NZZ hatte Ende Juni auch schon über Lesekreise berichtet: http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/literatur/das_buch_mit_vielen_augen_1.11066248.html 
    In Großbritannien ist das Potenzial von Lesekreisen übrigens auch von der Kaufhauskette Marks & Spencer erkannt worden, »die seit Jahren ein Lesekreis-Programm für Mitarbeiter betreibt und spezielle Räume, Imbisse und Getränke für Lesekreis-Treffen zur Verfügung stellt“, wie es im Artikel heißt. Ein sehr nachahmenswertes Beispiel, wie ich finde.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.