Schlagwort: buch

Wenn deutsche Schriftsteller über die Zukunft des Papier-Buches philosophieren

Auf boersenblatt.net findet sich ein Bericht zu einer Diskussion im Berliner Literaturhaus über die „Die Zukunft der Bücher“. Teilgenommen hat u.a. der Schriftsteller Thomas Lehr, welcher auf die Frage, ob „die gigantische digitale ‚backlist der Menschheit‘ nicht die Zukunft des gedruckten Buches“ gefährde, Folgendes antwortete:

Zu überlegen sei, welche Sparten des Schrifttums betroffen seien und welche nicht: So würden wissenschaftliche Zeitschriftenaufsätze zum e-journal, während sich die technologische Überlegenheit des Papierbuches zum Beispiel im wissenschaftlichen Standardwerk manifestiere.

Ohne Worte …

Interessant sind auch die weiteren Statements im Beitrag. Ich finde solche Diskussionen witzig, weil sie fast immer vom Status quo der Technikentwicklung ausgehen und diesen dann in die Zukunft verlängern. Zudem wird meist eh nur die aktuelle Mehrheitsmeinung wiedergegeben, mit der man sich nicht angreifbar macht, aber auch nicht zu rückständig wirkt. Diese Mehrheitsmeinung sah vor ein paar Jahren natürlich noch so aus, dass man die heutigen Floskeln nicht hätte äußern dürfen. Derzeit ist es jedenfalls so, dass fast alle feststellen, dass die leichte Unterhaltungsliteratur „selbstverständlich“ ins Digitale abwandere, aber „das gute Buch“ selbstverständlich nicht. In ein paar Jahren wird das natürlich anders aussehen und argumentiert werden. Immer schön der aktuellen Technik- und Käufer-Entwicklung folgend.

Verbessert „Fifty Shades of Grey“ den Ruf von Fan-Fiction?

Fifty Shades of Grey“ ist nicht nur unfassbar erfolgreich, sondern auch Fan-Fiction (von „Twilight“), die ja zumindest in professionellen Kreisen nicht den besten Ruf hat. Ich bin gespannt, ob sich die Wahrnehmung nun zumindest ein Stück weit ändern wird. Zu wünschen ist es, denn Fan-Fiction ist für alle Beteiligten eine große Chance …

Zum Fan-Fiction-Zusammenhang bei Fifty „Shades of Grey“:

(Video, 5 min. – Achtung, am Ende kommt Werbung.)

via: pbsarts.tumblr.com

Gemeinsamkeit zwischen der Zukunft von Foto und Buch: Alte Begriffe passen nicht mehr

3sat berichtete vor ein paar Tagen über die Ausstellung „State Of The Art Photography„. Hintergrund: Die Digitalisierung führt aktuell zu einer Diskussion, was die Fotografie von heute und morgen eigentlich ist:

Die Annäherung an die Bildende Kunst ist ganz sicher ein Thema. Was für den Betrachter wie eine Zeichnung aussieht, ist Fotografie. Auch Körper werden inszeniert, als seien sie von einem Bildhauer erschaffen. Fotos sind mittlerweile inflationär vorhanden. Viele Künstler bedienen sich dieser Bilderflut und arbeiten mehr als Archivare oder Sammler, denn als Fotografen. Sie fotografieren nicht mehr selbst, sie wählen aus.

Große Fotografen und Hochschullehrer wie Andreas Gursky wissen nicht einmal mehr, wie das heißen sollte, was sie da lehren:

„Das zu benennen, was wir machen, ist gar nicht so einfach“, sagt Gursky. „Es ist keine Malerei, es ist eindeutig Fotografie und auch keine eindeutige Fotografie. Als man mich an die Akademie berufen hat, wusste man nicht, wofür man mich berufen soll. Dann war es erst einmal ein Lehrstuhl für Freie Kunst. Das war Quatsch, denn Bildhauerei, Malerei ist auch Freie Kunst, jetzt ist es eine Professur für Bildkunst.“ Bildkunst – weil die Disziplinen nicht mehr klar voneinander zu trennen sind.

Auch „fremde“ Techniken kommen zum Einsatz:

Selbst die klassische Fotokamera wird von vielen Künstlern wie Mischa Kuball infrage gestellt. Er bedient sich eines Röntgenapparats um seine Polaroid-Kamera abzubilden. Mischa Kuball interessiert der Übergang vom realen Objekt zum Abbild. „Ich bin konzeptueller Künstler“, sagt er, „der mit dem Medium Fotografie arbeitet. Für diese Ausstellung habe ich mich sehr engagiert, weil ich gerne etwas zeigen möchte, was so aussieht wie Fotografie, was aber mit dem Bild, das wir von Fotografie haben und dem Verständnis davon nichts mehr zu tun hat.“

All das passt sehr gut zu den Zukunftsdiskussionen rund um das Buch und den Buchmarkt, wie wir sie derzeit immer wieder erleben. Da wird oft so diskutiert, als ob sich die eine Zukunft beschreiben ließe. Doch die Zukunft wird in dieser Hinsicht nicht nur facettenreich sein. Wir stellen vielfach auch hier fest, dass die alten Begriffe schlicht nicht mehr passen und den Blick auf die Zukunft eher behindern als ihn hilfreich zu leiten:

Was ist ein Buch? Das zentrale Unterscheidungsmerkmal des Buches scheint zu sein, dass hier in den meisten Fällen die Schriftform dominiert:

„Als materielles bzw. physisches Objekt oder elektronisches Speichermedium ist das Buch Produkt eines handwerklich oder maschinell geprägten Herstellungsprozesses. Es besteht aus einen Trägermaterial (…) und den darauf aufgebrachten Sprach- und Bildzeichen (…).
(…)
Als Zeichenträger speichert das Buch nicht nur Sprach- und Zahlzeichen (…), sondern auch Musiknoten (…) und Bilder (…). Entwicklung und Geschichte des materiellen Gegenstandes Buch verweisen aber auf eine Dominanz der sprachlichen Zeichen, auf die die Ökonomie der Buch-Formen ausgerichtet ist. In der Buch-Kommunikation findet Sprache die ihr gemäße Ausdrucks- und Überlieferungsform durch das Medium der Schrift.“
(Quelle)

Es gab aber schon immer auch kuriose Bücher – so wie die Kuthodaw-Pagode, das angeblich größte Buch der Welt:

Die Kuthodaw-Pagode (Pagode der Königlichen Verdienste) ist eine 1868 fertiggestellte Anlage in der myanmarischen Stadt Mandalay. Sie besteht aus 729 pavillonartigen Tempeln, in denen je eine weiße Mamorplatte liegt. (…) Auf den Marmorplatten ist der Pali-Kanon niedergelegt, das Leben und die Lehren Buddhas.

Man kann den Buchbegriff also auch weiter fassen und wie im Fall der Kuthodaw-Pagode von „Buchformen“ sprechen, was dann auch die Steintafel und die Schriftrolle umfasst:

„Buchformen, vom Trägermaterial und der Art seiner Weiterverarbeitung abhängige physische Form der Speicherung längerer zusammenhängender Texte oder mehrerer Texteinheiten, die auch illustriert sein können.“ (Quelle)

Doch auch hier dominiert die Schriftform. Was aber passiert, wenn die digitale Technologie alte Buchformen ablöst?:

„Die Geschichte der Buchformen zeigt zwar, dass phasenweise mehrere Buchformen nebeneinander Bestand haben und verwendet werden können (z.B. Codex und Buchrolle, Handschrift und Druck); in aller Regel jedoch löst die auf innovativen Technologien basierende Buchform mittel- und langfristig die Vorgängerform ab.“ (Quelle)

Natürlich könnte man dann noch zwecks Abgrenzung gewisse Prinzipien betonen, für die Bücher bisher standen. Nick Carr benennt vier solche Fixpunkte:

  • Integrity of the page
  • Integrity of the edition
  • Permanence of the object
  • Sense of completeness

Dann stellte sich aber die Frage, welchen Wert die Übertragung dieser Fixpunkte auf die digitale Welt hat. Inhalte zu fixieren und abzuschließen, wird sicher auch künftig einen Wert darstellen. Viele der Fixpunkte von Büchern werden aber von anderen Medienformen wie der Film-DVD oder der Musik-CD geteilt. In der Übertragung auf die digitale Welt wäre eine solche Abgrenzung daher also nicht buchspezifisch. Wahrscheinlich ist es zunächst sinnvoller, die Durchlässigkeit der elektronischen Form über eine Umkehrung dieser Fixpunkte deutlich zu machen, so wie es Kevin Kelly tut.

Interessanterweise spricht ja auch der Börsenverein des Deutschen Buchhandels als Buchbranchen-Verband seit geraumer Zeit nicht mehr vom Buch, sondern vom Prinzip Buch und hat dazu sogar einen Gestaltungswettbewerb ausgerufen. Ich weiß nicht, ob man sich über die Mitgestaltungschance freuen oder aufgrund einer möglichen Ratlosigkeit an zentralster Branchen-Stelle sorgen sollte:

„Das Prinzip Buch“ – anhand dieses Begriffes diskutiert die Buchbranche die digitale Entwicklung des Marktes. Hinter dem Prinzip steht der Gedanke, dass Inhalte in vielen Erscheinungsformen angeboten werden – als Print-Bücher, E-Books, Hörbücher oder für mobile Endgeräte. Bedeutet diese Entwicklung ein Umbruch oder ein Neudenken der Buchbranche? Wir laden die Teilnehmer ein, das „Prinzip Buch“ zu hinterfragen und gestalterisch zu erfassen. Grundsätzliche Leitfragen bei der Ausarbeitung können sein:

  • Was hat es mit dem „Prinzip Buch“ auf sich?
  • Wie sieht die Zukunft des Buches aus?
  • Wie sieht das Buch in der Zukunft aus?
  • Wie wird unser Leseverhalten von den Entwicklungen beeinflusst?
  • Welche Auswirkung hat der digitale Wandel auf unser Denken, auf die Kunst, auf unsere Gewohnheiten?

Der Fokus auf ein vermeintliches Prinzip Buch führt aus meiner Sicht in alle möglichen Richtungen, aber nicht unbedingt in die Zukunft, wenn man die Breite des Buchmarktes im Blick hat. Neue Medienformen von den alten her zu denken, funktioniert nur bedingt. Das Kennzeichnende am Buch ist – wie oben erwähnt – v.a. die Schriftdominanz, also eine Textlastigkeit. Doch wie sinnvoll ist ein Fokus auf dieses Unterscheidungsmerkmal bei digitalen Produkten? Man muss sich nur die ersten so genannten „enhanced e-books“ anschauen, um zu sehen, wie sehr die Grenzen der Inhalte-Arten verschwimmen.

Je länger ich darüber nachdenke, desto stärker wird meine Überzeugung, dass der Buchbegriff eher hinderlich ist beim Nachsinnen über die Zukunft. Vielleicht sollten wir dem künftigen Nischenmarkt der P-Books den Buchbegriff überlassen und für neue Produkte auch neue Begriffe nutzen. Für mich hat die Zukunft des Buches weniger mit der Technik zu tun. Technisch möglich ist fast alles. Viel entscheidender ist, was der Leser bzw. Kunde eigentlich will. Hier liegt der Schlüssel zur Zukunft. Für das aber, was der Kunde jeweils will, wird man jede geeignete Technik und Inhalte-Art nutzen müssen bei der Entwicklung künftiger Produkte und Services. Hier eine Unterscheidung nach Schrift-, Ton- oder Bewegtbilddominanz vorzunehmen, scheint mir wenig hilfreich zu sein. Interessanterweise ist gerade die alles entscheidende Kenntnis der Endkundenbedürfnisse bei vielen Verlagen heute kaum gegeben. Sie beschränkt sich bisher oft auf Verkaufszahlen.

Viel spannender finde ich die Frage nach der künftigen Bedeutung von Schrift überhaupt. Wir sind heute „people of the screen“ und nicht mehr „people of the book“. Bildschirme umgeben uns überall. Die Technik hinter diesen Bildschirmen wird immer leistungsfähiger und das Inhalte-Angebot wird immer reichhaltiger. Da heute jeder ins Internet schreiben kann, nimmt natürlich auch die absolute Textmenge zu. Doch Schrift wurde irgendwann mal erfunden als Hilfsmittel, um mit Botschaften Raum und Zeit zu überbrücken. Nun können wir dafür dank Internet aber auch die gewissermaßen „natürlicheren“ Formen Bewegtbild und Ton verwenden und das im Gegensatz zu früher ohne hohe Kosten. In vielen Fällen ist das auch sinnvoll. Ich könnte mir daher gut vorstellen, dass die relative Bedeutung von Schrift zurückgehen wird.

Bildquelle: NamensnennungKeine Bearbeitung Bestimmte Rechte vorbehalten von World/In/My/Eyes

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Der Medienwandel als Blütezeit der hinkenden Vergleiche

Vergleiche hinken bekanntlich immer. Manche liegen aber schon förmlich am Boden – oder man selbst nach der Lektüre … ;)

Besonders hübsch finde ich den von Ralf Frenzel, Verleger des Tre Torri Verlages, der mir in der Oktober-Ausgabe des buchreport.magazin über den Weg gelaufen ist:

Ohne die Gewürze Bits und Bytes geht es also nicht …
Ja, aber das gedruckte Buch wird immer die Herleitung sein. Es gab in den 70er-Jahren die Schlagzeile „Das Kino ist tot, es lebe das Video“. Wo ist denn heute das Video und wo ist die DVD? Das Kino ist immer noch das wichtigste Medium, um einen großen Film wirklich in den Markt zu heben. Dass die Verwertungsstufen schneller aufeinander folgen, ist eine andere Frage.

Da passt aus meiner Sicht einiges nicht zusammen: Die Zeit seit den 1970ern ist nur bedingt vergleichbar mit der durch das Internet dominierten Zeit. Ich glaube auch nicht, dass das E-Book zum papiernen Buch im gleichen Verhältnis steht, wie die DVD zum Kino. Da gibt es ganz grundlegende technische Unterschiede. Ich glaube weiterhin nicht, dass das gedruckte Buch immer die Herleitung für digitale Bücher sein wird, sondern eher anders herum. Das besonders Erfolgreiche wird auch künftig zu Papier gebracht werden. Dafür muss es sich aber im digitalen Raum bewährt und eine Nachfrage aufgezeigt haben. Außerdem bleibt noch die Frage, wie groß dieser Markt für Gedrucktes sein wird im Vergleich zu heute. Nur dass einer existieren wird, heißt ja noch nicht, dass sich alle heutigen Akteure auch zukünftig dort werden betätigen können.

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Geschäftsmodelle vom Ergebnis her denken: Publikums-Verlage als Erlebnis-Agenturen

Viele Geschäftsmodelle, die ich interessant finde, sind vom Ergebnis her gedacht. Siri versteht sich nicht als Suchmaschine, bei der die Recherchelast bei mir als Nutzer liegt, sondern als „do engine„, die über APIs gesteuert mein Problem direkt löst. Ich sage einfach, dass ich ein gutes Restaurant für 3 Personen an Ort x zur Zeit y suche und Siri erledigt die Sache. Auch Apps wie MyTaxi funktionieren so ähnlich. Gewissermaßen als „do engines“ fungieren auch zunehmend Fachverlage wie Haufe und andere, die sich mittlerweile weniger als Verlage denn als Problemlöser verstehen, die Softwarehäusern gleichen. Auf welchem Wege und mit welchen Mitteln das Problem des Kundens gelöst wird, ist dabei absolut zweitrangig.

Was aber ist mit Publikumsverlagen, die weniger Nutzwertiges verlegen? Bei ihren Kunden, den Buchkäufern, gibt es meist kein so leicht sachlich abgrenzbares Problem, das zu lösen wäre. Doch geht es hier wirklich um das Buch ansich? Ich glaube nicht. Im Endeffekt erzeugen gute Bücher bei der Lektüre besondere Erlebnisse, welche die Kundenerfahrung prägen. Genau diesen Ansatz kann man ebenfalls vom Ergebnis her denken. Daher muss ich in diesem Zusammenhang immer wieder an einen Film denken, den ich vor ca. 10 Jahren gesehen habe: „The Game“ mit Michael Douglas in der Hauptrolle. Dort gibt es ein Unternehmen, welches seinen Kunden anbietet, Personen in Spiele zu verwickeln, bei denen die Grenzen zwischen der Spiele- und der normalen Alltagswelt verschwimmen, wodurch sie umso stärker wirkende Erlebnisse erzeugen:

(…) ein geheimnisvolles Geschenk: ein Spiel, das von der Firma Consumer Recreation Services (CRS) angeboten wird und sein Leben verändern soll. (…) Auf der anschließenden Geburtstagsparty von Nicholas stellt sich heraus, dass die gefährlichen Abenteuer von CRS bis ins kleinste Detail geplant waren. Auch die Waffe, mit der Nicholas auf seinen Bruder geschossen hatte, war manipuliert. Sein Vermögen ist nach wie vor unangetastet – das schreckliche Geschehen war tatsächlich nur ein Spiel.

Das wäre sicher ein interessantes und attraktives Modell für etliche Publikumsverlage. Wenn man ein Geschäftsmodell von dieser Warte aus entwickelt, wird auch sofort deutlich, dass es nicht um bestimmte Medienarten wie Bücher geht, sondern um alles, was im konkreten Fall notwendig ist, um ein angestrebtes Erlebnis zu erzeugen.

Belletristik-Verlage wie Hoffmann und Campe setzen ja schon heute auf Spiel-Effekte, bisher aber primär, um gedruckte Bücher zu bewerben, die nach wie vor die wichtigste Erlösquelle sind. So hat die Agentur vm-people vor kurzem im Auftrag des Verlages ein ARG (Alternate Reality Game) names „Unberührbar“ entwickelt, mit dem ein weitgehend unbekannter Titel ins Gespräch gebracht werden sollte:

Bei einem ARG haben die Teilnehmer die Möglichkeit, mit Haut und Haaren in eine Geschichte einzutauchen und die Figuren aus einem Buch live zu erleben. (…) Anders als bei konventioneller Ankündigungswerbung über Printanzeigen und Plakate, sollte „Cagot“ über die Verbreitungswege von Social Media den Weg zum Leser finden. Frei nach dem Motto: eine Geschichte mit einer Geschichte vermarkten!

Ich könnte mir vorstellen, dass das Geschäftsmodell des heutigen Verlagsdienstleisters vm-people zukunftsträchtiger ist als das vieler Verlage selbst, deren Produkte heute auf diesem Wege noch beworben werden.

Neu ist das ja alles nicht. Vor gut einem Jahr wurde bspw. im Filmbereich auf sehr interessante Weise versucht, den Kinobesucher direkt in die Geschichte einzubeziehen und dadurch dessen Erlebnis zu intensivieren:

(Video, 3 min.)

Der Gedanke wurde auch hier weiterentwickelt, um Kinoerlebnisse als Real-Life-Spiel auf die Straße – ins „Outernet“ – zu transportieren:

(Video, 1:20 min.)

Ich meine auch, dass ich irgendwann mal etwas von einer Agentur gelesen hätte, bei der man für andere Leute Erlebnisse im Alltag buchen konnte – in verschiedenen Extremheitsgraden. Kennt da jemand einen Anbieter? Wer kennt andere interessante Beispiele für Real-Life-Games?

UPDATE – interessante Plattformen:

needaproblem.com (via Kerstin Hoffmann)
Gidsy (via Joerg Leupold)

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Gary Vaynerchuk will mit seinem neuen Buch ein spannendes Thema besetzen: The Thank You Economy

Im Oktober 2009 hatte ich hier im Blog dieses Video von Gary Vaynerchuk gepostet, in welchem er sein Verständnis einer so genannten „Thank You Economy“ skizziert, deren Wirken jeder Blogger aus dem Alltag kennt, die aber zunehmend auch für Unternehmen sichtbare Bedeutung bekommt:

The world of content is shifting so fast and word of mouth marketing is moving even faster, these two collide to create the “Thank You Economy”

Video (3 min.):

 

Nun versucht Vaynerchuk dieses spannende Thema mit seinem nächsten Buch zu besetzen, das im März 2011 bei HarperCollins erscheinen soll. Das Buch wird eben diesen Titel tragen: The Thank You Economy. Eine kluge Themenwahl, wie ich finde:

„The Thank You Economy isn’t some abstract concept or wacky business strategy. It’s the way we buy and sell, the way we’re interacting as consumers, as employees, as entrepreneurs on all levels, right now. The way our marketplace functions has been evolving right before our eyes. Top-down, one-way exchanges are gone, replaced by relationships based on open, honest, and constant communication between customers and business. Today, individuals and brands that out-care and out-love their competition – those emphasising quality, value, responsiveness, and attention to detail, among other essentials – see the biggest returns. Gary Vaynerchuk contends that the people and companies harnessing the word-of-mouth power provided by multiplatform media – those that can shift their outlook and operations to be more customer-aware and fan-friendly – will pull away from the pack and profit in today’s markets. In „The Thank You Economy“, he dissects the companies on the leading edge, showing how they are succeeding – and sometimes failing. Laying out the ideas and insight that support this enormous change, Vaynerchuk explores these emerging connections – from consumer to consumer and business to business and everything in between. Passionate and persuasive, he reminds us that, surviving and thriving today it takes more than just hard work-it takes a heartfelt thanks to those who make it possible.“

 

Das Interessante an dem Thema ist ist, dass sich die Grundlagen für die „Thank You Economy“ nicht so leicht lernen lassen. Dies verdeutlicht eine Anekdote, die Mirko Lange öfter mal erzählt:

Ich war vor etwa einem halben Jahr auf einer Blogger-Konferenz in Minneapolis. Einer der Redner war Scott Monty, der „Chief Social Media Officer“ von Ford. Er erzählte eine Anekdote über den amerikanischen Komiker Bill Cosby. Der hatte einen kokainabhängigen Freund, und Cosby fragte ihn: „What is so wonderful about cocaine?“ Der Freund antwortete unumwunden: „Hey, it’s so great because it intensifies your personality!“ Und nach einem kurzen Zögern fragte Cosby verdutzt zurück: „But what, if you are an asshole?“.

Social Media ist das Kokain der Kommunikationsbranche, sagte Scott Monty und er trifft damit den Nagel auf den Kopf: Social Media intensiviert die Persönlichkeit eines Unternehmens! Man könnte es auch anders ausdrücken: Früher hieß PR “Tue Gutes und rede darüber“. Heute heißt es „Sei wirklich gut und lass Dir dabei zuschauen“.

Über das Fan-Sein bei Facebook

Es ist auffällig, dass sich Facebook bisweilen allein schon deshalb in Deutschland schwer getan hat, weil die Leute die auf der Plattform verwendeten Begriffe als nicht passend empfinden. So heißen die Kontakte dort Freunde, sodass immer wieder gern Diskussionen geführt werden, an deren Ende oft die wenig überraschende Feststellung steht, dass es sich vielfach tatsächlich nicht um „echte“ Freunde, sondern einfach nur um Kontakte handelt, zu denen lockere Verbindungen hergestellt werden.

Ein ebenso beliebtes Thema war bis vor kurzem der Begriff „Fan“ bei den Facebook-Seiten. Warum sollte ich Fan eines Unternehmens sein, wenn ich mich einfach nur für deren Neuigkeiten interesse? Bin ich deshalb schon ein Fan? Und wollen die Unternehmen eigentlich, dass ihre Kunden Fans sind oder sollten nicht andere Arten von Beziehungen angestrebt werden? Inzwischen hat sich dieses Thema insofern entschärft, als dass jetzt von Personen gesprochen wird, denen etwas gefällt. Das klärt allerdings nicht die Frage, wie man diese Personen nun nennen soll? In den „Gefällt-mir“-Feldern bzw. Like Boxes wird noch immer der Begriff Fan verwendet.

An diese Begriffsverwirrung musste ich jedenfalls denken, als ich heute begonnen hatte, dieses interessante Buch zu lesen: Fans. Soziologische Perspektiven. Beim Verlag heißt es: „Fans systematisch analysiert: Der erste grundlegende Band zu einem weit verbreiteten Phänomen

Zu Beginn des Buches (S. 12) wird eine Nominaldefinition des Begriffes Fan geliefert. Folgt man dieser, sind Fans „Menschen, die längerfristig eine leidenschaftliche Beziehung zu einem für sie externen, öffentlichen, entweder personalen, kollektiven, gegenständlichen oder abstrakten Fanobjekt haben und in die emotionale Beziehung zu diesem Objekt Zeit und/oder Geld investieren.

Ich finde diese Definition interessant, weil sie mögliche Gründe offenbart, warum so viele Leute bei Facebook den Begriff Fan für sich abgelehnt haben, wenn es darum geht, Seiten bspw. von Unternehmen zu abonnieren. In den meisten Fällen dürfte es schon daran scheitern, dass keine leidenschaftliche Beziehung vorliegt. Ich kann mich auch für die Informationen eines Anbieters interessieren, ohne diese gleich leidenschaftlich zu verfolgen. Indem ich die Nachrichten aber dennoch abonniere, deute ich eine Beziehungsintensität an, die in der Form gar nicht vorliegt.

Weiterhin wird betont, dass das Fan-Sein zwingend mit Handlungen verbunden sei, bei welchen Fans Zeit und/oder Geld investieren. Hier könnte man kritisch hinterfragen, wieviele „Fans“ in Rankings wie diesen auch tatsächlich Zeit in Form von Aufmerksamkeit für die Nachrichten der Unternehmen aufwenden. Die reine „Fan“-Zahl sagt über das tatsächliche Fan-Sein noch nicht viel aus.

Interessant finde ich aber auch den Definitionsbestandteil „extern“, der eine gewisse Distanz ausdrückt. Im Buch heißt es hinsichtlich der Abgrenzung der Fan-Beziehungen von anderen Arten von Beziehungen: „Das Fanobjekt ist dem Fan extern. Damit lässt sich das Fan-Sein abgrenzen von Freizeitaktivitäten, bei denen die Menschen selbst aktiv sind.“ Ist es das, was bspw. Unternehmen heute bei Facebook anstreben? Wollen sie nicht zunehmend Kunden, die Teil einer involvierten Community sind, die die Unternehmens-Produkte aktiv mitgestaltet, sodass es sich dabei nicht mehr nur um ferne Fan-Objekte handelt?

Unabhängig von der vielleicht etwas akademischen Beschreibung des „Fan“ finde ich es interessant, welche unterschwelligen Gedanken man mit einer solchen Begriffswahl u.U. auslösen kann.

Bildquelle: Photocapy (Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.0 US-amerikanisch)