Schlagwort: buchhandel

Wer im Internet Bücher kauft, macht sich des Diebstahls verdächtig?

Diese Aussage des Verlegers Jochen Jung in ‚Die Presse‘ ist für mich eine Art Essenz des weit verbreiteten nicht-unternehmerischen Denkens in der Buchbranche, das letztlich einfach nur arrogant ist und zu Recht dazu führt, dass die Kunden sich abwenden, wo sie darauf treffen:

Heute sind reale Geschäfte für immer mehr Menschen nur noch eine Art Musterausstellung: Man schaut sich die Dinge an, probiert sie aus, entscheidet sich und geht dann nach Hause und bestellt am Computer. Und wer noch einen Schritt weiter ist, der findet gleich im Netz den größten Musterkoffer überhaupt und füllt seinen Warenkorb dort. Das erspart ihm das Wochenendgedränge in der U-Bahn und im Kaufhaus, und schon nach wenigen Tagen kommen die Sachen mit der Post ins Haus. Es ist kaum übertrieben, wenn man dieses Verhalten als eine Art Diebstahl betrachtet. Der stationäre Handel, egal ob mit Kleidung, Elektronik oder zum Beispiel Büchern, bezahlt Miete, Arbeitskraft, Ausbildung und Know-how, um am Ende die richtige, angesagte, verlangte Ware im Geschäft auslegen und anbieten zu können. Dass sich dann Menschen ohne jede Kaufabsicht dieser Möglichkeiten bedienen, ist zwar nicht verboten, aber unanständig ist es doch. Und unklug ist es auch, denn natürlich führt der schrumpfende Umsatz zu abnehmenden Einkünften, und eines Tages wird die Tür an einem Samstagabend geschlossen und am Montagmorgen nicht mehr aufgemacht: Der Musterkoffer bleibt zu.

Ich finde diese Ansprüchlichkeit unerhört und kann nicht glauben, dass im Sommer 2013 noch immer solche Texte gedruckt werden. Es ist also nicht die Schuld des Buchhändlers, wenn der Kunde bei ihm nichts kauft, sondern die Schuld des Kunden? Es ist also nicht der Job des Buchhändlers, das lokale Angebot ausreichend attraktiv zu machen und – wo nötig – das Geschäftsmodell anzupassen? Sogar, wer direkt und ohne Berührung mit dem Buchhandel im Internet kauft, macht sich des Diebstahls verdächtig? Absurd.

Aus meiner Sicht ist dies wieder einmal ein Zeichen für ein Denken, auf das ich immer wieder treffe und das meiner Meinung nach davon geprägt ist, dass die Buchleute in den vergangenen Jahrzehnten einfach zu erfolgreich waren – inkl. aller Privilegien wie der Buchpreisbindung etc. Das hat viele von ihnen wohl träge gemacht und zu der Einstellung geführt, der Kunde möge bitte von alleine kommen und wer dies nicht tut, tut Unrecht.

Man kann ja um all das, was Jochen Jung wichtig ist, im Sinne eines Buy Local bitten, was ich prima finde, aber man kann es doch nicht allen Ernstes auf diese Art einfordern. Vor allem sollten wir im Internet-Kontext endlich mal vorsichtiger mit Verbalkeulen wie „Diebstahl“ umgehen, damit sie sich nicht völlig abnutzen und unbrauchbar werden an Stellen, wo sie wirklich notwendig wären.

(via Buchreport)

Der aktuelle Boykott des Amazon-Verlags schafft Best Practices für eine Welt ohne stationären Buchhandel

Bei paidcontent.org findet sich ein interessanter Artikel über das aktuelle Buchprojekt von Tim Ferriss, dem ersten Autor, der von Amazons neuem New Yorker Verlagszweig „New Harvest“ unter Vertrag genommen wurde und der zuvor schon sehr erfolgreich zwei Bücher bei dem Random-House-Verlag Crown herausgebracht hat. Nun ist es so, dass aufgrund der angespannten Wettbewerbssituation stationäre Buchhändler wie die größte US-Kette Barnes & Noble und viele Indie-Buchhändler den Verkauf des am 20.11. in Print erscheinenden Amazon-Verlagstitels boykottieren. Auch das E-Book wird von vielen Händlern ignoriert.

Ich kann das gut nachvollziehen, bin mir aber nicht so sicher, ob das sehr klug ist. Es mag die Entwicklung von Amazon kurzfristig hemmen. Zugleich zwingt es Amazon aber auch, Wege zu finden, ohne den Buchhandel klar zu kommen. Es werden also Best Practices geschaffen, die die Welt ohne stationären Buchhandel bereits vorweg nehmen. Und wenn Amazon das erstmal eingeübt hat, stehen die etablierten Player bestimmt nicht besser da.

Dabei helfen die Autoren natürlich mit. Interessant finde ich, wie Tim Ferriss seine Buchprojekte verknüpft und auch die Random-House-Tochter dazu bewegt hat, diesem Ansinnen stattzugeben:

He announced on his blog today that the digital editions of The 4-Hour Workweek and 4-Hour Body will be updated with a sample chapter from The 4-Hour Chef, and The 4-Hour Chef will contain excerpts from the two earlier books. “This is something that I effectively brokered. It made such straightforward business sense to cross-promote between the books,” Ferriss told me. He said it wasn’t hard to get Crown to agree to include the sample chapter of 4-Hour Chef in the earlier titles, though the Crown ebooks won’t include buy links back to Amazon.

Selfpublishing-Beratung als Chance für den stationären Buchhandel

Joe Wikert macht sich darüber Gedanken, wie Perspektiven für stationäre Buchhandlungen ausssehen könnten:

If in-store coffee shops were the game-changing idea of the ’90s, what’s the new one for the current decade?

Er schlägt vor, Selfpublishing-Beratung anzubieten – ähnlich wie das Apple in seinen Geschäften für seine Themen tut:

Self-publishing is red-hot and still gaining momentum. But what’s sorely lacking in the self-publishing world is a reliable place to go to ask all the questions. (…) Take a page out of Apple’s playbook and create a Genius Bar service for customers interested in self-publishing. Establish your location as the place to go for help in navigating the self-publishing waters. Remember, too, that most of the income earned in self-publishing is tied to services, e.g., editing, cover design, proofreading, and not necessarily sales of the finished product. Consider partnering with an established expert in these areas or build your own network of providers. The critical point is to evolve your business into something more than just selling books.

Ein guter Ansatz für manche Buchhandlungen wie ich finde. Interessanterweise gibt es ja sogar Buchhandlungen, die mit dem Verkauf von Selfpublishing-Publikationen erfolgreich sind.

Beispiel für Innovationshemmnisse in der Buchbranche – das gewachsene Verhältnis Verlag-Buchhandel

Es ist ja kein Geheimnis, dass in Zeiten von Branchenumbrüchen etablierte Unternehmen oft auf der Strecke bleiben, weil sie den Innovationssprung nicht bewältigen. Denn wenn sie neue Geschäftsmodelle erproben, untergraben sie damit oft ihre bestehenden und einträglichen Erlösquellen. Daher gehen Innovationen dann auch meist nicht von den etablierten Unternehmen aus, sondern von Markt-Neulingen.

Inzwischen heißt es ja auch oft, die Buchbranche hätte die Digitalisierung verschlafen. Ganz so krass ist es nicht. Zweifelsohne hat sie sich in der Gesamtheit aber auch nicht mit Begeisterung darauf gestürzt. Das hat auch mit dem oben beschriebenen Zusammenhang zu tun. Hinzu kommen aber auch ein paar Branchenspezifika:

Traditionell sind die drei „Sparten“ der Buchbranche (Verlage bzw. „herstellender Buchhandel“, Zwischenbuchhandel und „verbreitender Buchhandel“) sehr eng verbunden, was im Börsenverein des Deutschen Buchhandels zum Ausdruck kommt, der damit als Branchenverband ziemlich einzigartig ist:

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V. ist weltweit der einzige Verband, der alle drei Handelsstufen unter einem Dach vereinigt – Verlage, Buchhandlungen, den Zwischenbuchhandel, Antiquariate und Verlagsvertreter.

Zudem steht der „verbreitende“ Buchhandel noch immer für ca. die Hälfte des Branchenumsatzes:

Der stationäre Buchhandel und die dortigen Akteure sind auch die einzige Zielgruppe, welche viele Verlage in der Vergangenheit wirklich gut kannten. Daher ist der ganze Bereiche „Social Media“ mit seinem Endkunden-Direktmarketing-Ansatz vielen Verlagen auch so neu und fremd.

Jedenfalls führt diese gewachsene Struktur und die daraus folgende Mentalität dazu, dass viele Neuerungen und Experimente der Verlage vom Buchhandel attackiert werden. Das ist von außerhalb der Branche nicht unbedingt ersichtlich, wo es dann schnell heißt, die Buchverlage könnten Innovation einfach nicht. Aber natürlich müssen Verlage auf ihre – noch immer – Hauptkunden zumindest rhetorisch Rücksicht nehmen, was dann häufig auch zu einer neuralgische Punkte meidenden Sprache führt.

Sehr gut illustriert wird der ganze Zusammenhang durch ein Beispiel, auf welches ich vor ein paar Tagen beim Börsenblatt gestoßen bin. Dort wird berichtet:

Bastei Lübbe startet in diesem Jahr ein rein digitales Programm „Digital First“. Dessen Inhalte erscheinen als Erstveröffentlichung in digitaler Form, wie die Kölner mitteilen. (…)

Jetzt könnte man denken: Das ist ja überaus erfreulich. Da wird experimentiert. Da wird Zukunft erprobt …

… Denkste! Wie lautet der einzige Kommentar, der von Esther Giese, Inhaberin des Buchladen Sülzburgstraße, stammt?:

Ich werde daraus Konsequenzen ziehen und nur die nötigesten Titel bei Lübbe bestellen. Lübbe versucht den Buchhandel auszuklammern. (…)

Ergo: Auch das Verlagsleben ist nicht ganz so einfach, wie es von außen manchmal scheint.

Bildquelle: Namensnennung Bestimmte Rechte vorbehalten von Phil Roeder

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Buchhändlerin: Nur weil etwas nicht Buchkaufhaus ist, ist es nicht klein im Sinne von hilflos und unprofessionell

Die Wortwahl sagt viel über das Denken aus und das Denken beeinflusst maßgeblich das Tun und den Erfolg. Dies umso mehr, wenn es um eine Branche im Wandel und die dortigen Unternehmen geht. Daher gefällt es mir gut, wie die selbstständige Buchhändlerin Regina Moths (Literatur Moths) in der aktuellen Ausgabe des buchrepot.magazin schon ganz grundsätzlich bei der Einordnung ihres Unternehmens einhakt:

Literatur Moths ist nicht groß. 130 qm, zwei Buchhändlerinnen plus Aushilfen, 2000 Titel. Aber klein? Der herantastende Gesprächseinstieg, dass es großen Filialisten wie auch vielen kleineren Standortkollegen ja nicht so gut gehe, schlägt bei Regina Moths zumindest gleich Funken: „Ich wehre mich gegen das Etikett klein, wir sind unabhängig. Nur weil etwas nicht Buchkaufhaus ist, ist es nicht klein, erst recht nicht im Sinne von hilflos, unprofessionell oder bedauernswert. Das ist ein Haltungsschaden, den ich immer wieder korrigiere.“ Und: „Bitte keine Solidaritätskäufe.“

Regina Moths zieht nachfolgend den Vergleich mit einem Dallmayr-Geschäft, in dem ja auch niemand den Einkauf damit begründe, dass man Aldi nicht unterstützen wolle. Man suche solche Geschäfte gezielt auf, weil sie etwas Besonderes bieten. Diese Art von Selbstbewusstsein und Betonung der eigenen Stärken (Sortimentsqualität durch rigorose Auswahl) gefällt mir sehr gut.

Denn Chancen, echte Kaufanreize zu bieten, gibt es auch heute noch im Buchhandel – anderes Beispiel: Motto zeigt, dass Self-Publishing eine Chance für den Buchhandel ist

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