Schlagwort: buchhandel

Wer im Internet Bücher kauft, macht sich des Diebstahls verdächtig?

Diese Aussage des Verlegers Jochen Jung in ‚Die Presse‘ ist für mich eine Art Essenz des weit verbreiteten nicht-unternehmerischen Denkens in der Buchbranche, das letztlich einfach nur arrogant ist und zu Recht dazu führt, dass die Kunden sich abwenden, wo sie darauf treffen:

Heute sind reale Geschäfte für immer mehr Menschen nur noch eine Art Musterausstellung: Man schaut sich die Dinge an, probiert sie aus, entscheidet sich und geht dann nach Hause und bestellt am Computer. Und wer noch einen Schritt weiter ist, der findet gleich im Netz den größten Musterkoffer überhaupt und füllt seinen Warenkorb dort. Das erspart ihm das Wochenendgedränge in der U-Bahn und im Kaufhaus, und schon nach wenigen Tagen kommen die Sachen mit der Post ins Haus. Es ist kaum übertrieben, wenn man dieses Verhalten als eine Art Diebstahl betrachtet. Der stationäre Handel, egal ob mit Kleidung, Elektronik oder zum Beispiel Büchern, bezahlt Miete, Arbeitskraft, Ausbildung und Know-how, um am Ende die richtige, angesagte, verlangte Ware im Geschäft auslegen und anbieten zu können. Dass sich dann Menschen ohne jede Kaufabsicht dieser Möglichkeiten bedienen, ist zwar nicht verboten, aber unanständig ist es doch. Und unklug ist es auch, denn natürlich führt der schrumpfende Umsatz zu abnehmenden Einkünften, und eines Tages wird die Tür an einem Samstagabend geschlossen und am Montagmorgen nicht mehr aufgemacht: Der Musterkoffer bleibt zu.

Ich finde diese Ansprüchlichkeit unerhört und kann nicht glauben, dass im Sommer 2013 noch immer solche Texte gedruckt werden. Es ist also nicht die Schuld des Buchhändlers, wenn der Kunde bei ihm nichts kauft, sondern die Schuld des Kunden? Es ist also nicht der Job des Buchhändlers, das lokale Angebot ausreichend attraktiv zu machen und – wo nötig – das Geschäftsmodell anzupassen? Sogar, wer direkt und ohne Berührung mit dem Buchhandel im Internet kauft, macht sich des Diebstahls verdächtig? Absurd.

Aus meiner Sicht ist dies wieder einmal ein Zeichen für ein Denken, auf das ich immer wieder treffe und das meiner Meinung nach davon geprägt ist, dass die Buchleute in den vergangenen Jahrzehnten einfach zu erfolgreich waren – inkl. aller Privilegien wie der Buchpreisbindung etc. Das hat viele von ihnen wohl träge gemacht und zu der Einstellung geführt, der Kunde möge bitte von alleine kommen und wer dies nicht tut, tut Unrecht.

Man kann ja um all das, was Jochen Jung wichtig ist, im Sinne eines Buy Local bitten, was ich prima finde, aber man kann es doch nicht allen Ernstes auf diese Art einfordern. Vor allem sollten wir im Internet-Kontext endlich mal vorsichtiger mit Verbalkeulen wie „Diebstahl“ umgehen, damit sie sich nicht völlig abnutzen und unbrauchbar werden an Stellen, wo sie wirklich notwendig wären.

(via Buchreport)

Der aktuelle Boykott des Amazon-Verlags schafft Best Practices für eine Welt ohne stationären Buchhandel

Bei paidcontent.org findet sich ein interessanter Artikel über das aktuelle Buchprojekt von Tim Ferriss, dem ersten Autor, der von Amazons neuem New Yorker Verlagszweig „New Harvest“ unter Vertrag genommen wurde und der zuvor schon sehr erfolgreich zwei Bücher bei dem Random-House-Verlag Crown herausgebracht hat. Nun ist es so, dass aufgrund der angespannten Wettbewerbssituation stationäre Buchhändler wie die größte US-Kette Barnes & Noble und viele Indie-Buchhändler den Verkauf des am 20.11. in Print erscheinenden Amazon-Verlagstitels boykottieren. Auch das E-Book wird von vielen Händlern ignoriert.

Ich kann das gut nachvollziehen, bin mir aber nicht so sicher, ob das sehr klug ist. Es mag die Entwicklung von Amazon kurzfristig hemmen. Zugleich zwingt es Amazon aber auch, Wege zu finden, ohne den Buchhandel klar zu kommen. Es werden also Best Practices geschaffen, die die Welt ohne stationären Buchhandel bereits vorweg nehmen. Und wenn Amazon das erstmal eingeübt hat, stehen die etablierten Player bestimmt nicht besser da.

Dabei helfen die Autoren natürlich mit. Interessant finde ich, wie Tim Ferriss seine Buchprojekte verknüpft und auch die Random-House-Tochter dazu bewegt hat, diesem Ansinnen stattzugeben:

He announced on his blog today that the digital editions of The 4-Hour Workweek and 4-Hour Body will be updated with a sample chapter from The 4-Hour Chef, and The 4-Hour Chef will contain excerpts from the two earlier books. “This is something that I effectively brokered. It made such straightforward business sense to cross-promote between the books,” Ferriss told me. He said it wasn’t hard to get Crown to agree to include the sample chapter of 4-Hour Chef in the earlier titles, though the Crown ebooks won’t include buy links back to Amazon.

Selfpublishing-Beratung als Chance für den stationären Buchhandel

Joe Wikert macht sich darüber Gedanken, wie Perspektiven für stationäre Buchhandlungen ausssehen könnten:

If in-store coffee shops were the game-changing idea of the ’90s, what’s the new one for the current decade?

Er schlägt vor, Selfpublishing-Beratung anzubieten – ähnlich wie das Apple in seinen Geschäften für seine Themen tut:

Self-publishing is red-hot and still gaining momentum. But what’s sorely lacking in the self-publishing world is a reliable place to go to ask all the questions. (…) Take a page out of Apple’s playbook and create a Genius Bar service for customers interested in self-publishing. Establish your location as the place to go for help in navigating the self-publishing waters. Remember, too, that most of the income earned in self-publishing is tied to services, e.g., editing, cover design, proofreading, and not necessarily sales of the finished product. Consider partnering with an established expert in these areas or build your own network of providers. The critical point is to evolve your business into something more than just selling books.

Ein guter Ansatz für manche Buchhandlungen wie ich finde. Interessanterweise gibt es ja sogar Buchhandlungen, die mit dem Verkauf von Selfpublishing-Publikationen erfolgreich sind.

Beispiel für Innovationshemmnisse in der Buchbranche – das gewachsene Verhältnis Verlag-Buchhandel

Es ist ja kein Geheimnis, dass in Zeiten von Branchenumbrüchen etablierte Unternehmen oft auf der Strecke bleiben, weil sie den Innovationssprung nicht bewältigen. Denn wenn sie neue Geschäftsmodelle erproben, untergraben sie damit oft ihre bestehenden und einträglichen Erlösquellen. Daher gehen Innovationen dann auch meist nicht von den etablierten Unternehmen aus, sondern von Markt-Neulingen.

Inzwischen heißt es ja auch oft, die Buchbranche hätte die Digitalisierung verschlafen. Ganz so krass ist es nicht. Zweifelsohne hat sie sich in der Gesamtheit aber auch nicht mit Begeisterung darauf gestürzt. Das hat auch mit dem oben beschriebenen Zusammenhang zu tun. Hinzu kommen aber auch ein paar Branchenspezifika:

Traditionell sind die drei „Sparten“ der Buchbranche (Verlage bzw. „herstellender Buchhandel“, Zwischenbuchhandel und „verbreitender Buchhandel“) sehr eng verbunden, was im Börsenverein des Deutschen Buchhandels zum Ausdruck kommt, der damit als Branchenverband ziemlich einzigartig ist:

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V. ist weltweit der einzige Verband, der alle drei Handelsstufen unter einem Dach vereinigt – Verlage, Buchhandlungen, den Zwischenbuchhandel, Antiquariate und Verlagsvertreter.

Zudem steht der „verbreitende“ Buchhandel noch immer für ca. die Hälfte des Branchenumsatzes:

Der stationäre Buchhandel und die dortigen Akteure sind auch die einzige Zielgruppe, welche viele Verlage in der Vergangenheit wirklich gut kannten. Daher ist der ganze Bereiche „Social Media“ mit seinem Endkunden-Direktmarketing-Ansatz vielen Verlagen auch so neu und fremd.

Jedenfalls führt diese gewachsene Struktur und die daraus folgende Mentalität dazu, dass viele Neuerungen und Experimente der Verlage vom Buchhandel attackiert werden. Das ist von außerhalb der Branche nicht unbedingt ersichtlich, wo es dann schnell heißt, die Buchverlage könnten Innovation einfach nicht. Aber natürlich müssen Verlage auf ihre – noch immer – Hauptkunden zumindest rhetorisch Rücksicht nehmen, was dann häufig auch zu einer neuralgische Punkte meidenden Sprache führt.

Sehr gut illustriert wird der ganze Zusammenhang durch ein Beispiel, auf welches ich vor ein paar Tagen beim Börsenblatt gestoßen bin. Dort wird berichtet:

Bastei Lübbe startet in diesem Jahr ein rein digitales Programm „Digital First“. Dessen Inhalte erscheinen als Erstveröffentlichung in digitaler Form, wie die Kölner mitteilen. (…)

Jetzt könnte man denken: Das ist ja überaus erfreulich. Da wird experimentiert. Da wird Zukunft erprobt …

… Denkste! Wie lautet der einzige Kommentar, der von Esther Giese, Inhaberin des Buchladen Sülzburgstraße, stammt?:

Ich werde daraus Konsequenzen ziehen und nur die nötigesten Titel bei Lübbe bestellen. Lübbe versucht den Buchhandel auszuklammern. (…)

Ergo: Auch das Verlagsleben ist nicht ganz so einfach, wie es von außen manchmal scheint.

Bildquelle: Namensnennung Bestimmte Rechte vorbehalten von Phil Roeder

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Buchhändlerin: Nur weil etwas nicht Buchkaufhaus ist, ist es nicht klein im Sinne von hilflos und unprofessionell

Die Wortwahl sagt viel über das Denken aus und das Denken beeinflusst maßgeblich das Tun und den Erfolg. Dies umso mehr, wenn es um eine Branche im Wandel und die dortigen Unternehmen geht. Daher gefällt es mir gut, wie die selbstständige Buchhändlerin Regina Moths (Literatur Moths) in der aktuellen Ausgabe des buchrepot.magazin schon ganz grundsätzlich bei der Einordnung ihres Unternehmens einhakt:

Literatur Moths ist nicht groß. 130 qm, zwei Buchhändlerinnen plus Aushilfen, 2000 Titel. Aber klein? Der herantastende Gesprächseinstieg, dass es großen Filialisten wie auch vielen kleineren Standortkollegen ja nicht so gut gehe, schlägt bei Regina Moths zumindest gleich Funken: „Ich wehre mich gegen das Etikett klein, wir sind unabhängig. Nur weil etwas nicht Buchkaufhaus ist, ist es nicht klein, erst recht nicht im Sinne von hilflos, unprofessionell oder bedauernswert. Das ist ein Haltungsschaden, den ich immer wieder korrigiere.“ Und: „Bitte keine Solidaritätskäufe.“

Regina Moths zieht nachfolgend den Vergleich mit einem Dallmayr-Geschäft, in dem ja auch niemand den Einkauf damit begründe, dass man Aldi nicht unterstützen wolle. Man suche solche Geschäfte gezielt auf, weil sie etwas Besonderes bieten. Diese Art von Selbstbewusstsein und Betonung der eigenen Stärken (Sortimentsqualität durch rigorose Auswahl) gefällt mir sehr gut.

Denn Chancen, echte Kaufanreize zu bieten, gibt es auch heute noch im Buchhandel – anderes Beispiel: Motto zeigt, dass Self-Publishing eine Chance für den Buchhandel ist

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„Social Reading“ – Lesekreise als Direktmarketing-Chance für Verlage und Buchhandel

Der Tagesspiegel widmet sich aktuell dem Thema Lesekreise, wo ja letztlich in vielfacher Hinsicht das stattfindet, was wir im Digitalen gern mit „Social Reading“ umschreiben: In der Buchtanzgruppe:

Es wird gescherzt, durcheinandergeredet und gelacht. Diese soziale Komponente von Lesekreisen ist in England und den USA viel anerkannter als in Deutschland. In Amerika, wo es über eine halbe Million Lesekreise gibt, veranstalten Arbeitgeber Zirkel, damit die Mitarbeiter einmal im Monat miteinander ins Gespräch kommen – quer durch alle Hierarchien. So werden Orte geschaffen, an denen nicht jede Unterhaltung von Konkurrenzdruck begleitet ist.
(…)
Dem Autor würde gefallen, wie lebensnah hier mit seinem Buch umgegangen wird. Ganz persönlich wird etwa darüber gesprochen, wie der eigene Blick auf Amerika aussieht, private Reiseerinnerungen werden berichtet, jemand erzählt von einer anderen gemeinsamen Buchlektüre. Von derart idealen Lesern träumt der Buchhandel geradezu. In den USA hat sich die Verlagskultur darum schon längst umfangreich auf Lesekreise spezialisiert: Buchhändler bieten Räume für die Diskussionen an, Verlage bereiten Empfehlungslisten mit Buchtiteln vor. Und die berühmte Sendung „Oprah’s Book Club“ der TV-Moderatorin Oprah Winfrey war nicht nur einem Lesekreis nachempfunden, sondern stellte grundsätzlich Materialien zur weiteren Beschäftigung mit den Büchern bereit.

Hier wirkt wieder einmal das, was ich vor Jahren mit „Community First“ zu beschreiben versucht habe: Erst muss man die Menschen zusammen führen, was die eigentliche Herausforderung ist, dann erst kann man erfolgreich sein. Der Tagesspiegel-Autor Florian Kessler spricht daher ganz richtig von notwendiger Rudelbildung:

Auch in Deutschland geben Verlage seit Neuestem besondere Romanausgaben für Lesekreise heraus. Im Anhang finden sich dann etwa Interviews mit den Autoren, Werklisten und mögliche Fragestellungen für die Diskussion. In der taumelnden Buchbranche mit ihren fast 100 000 Veröffentlichungen pro Jahr kann so etwas vielleicht ein Unterscheidungsmerkmal sein. Vor allem ermutigt es zu einem Leben mit Büchern: Bildet Banden! Rudelbildung stützt den Buchmarkt!

Nicht nur aus meiner, sondern auch aus der Sicht des E-Commerce-Experten Jochen Krisch sind Lesekreise eine große Chance für das Direktmarketing, über das wir ja auch häufig sprechen, wenn es um das so genannte „Social Media Marketing“ geht:

http://twitter.com/#!/jkrisch/status/140210494232469504

 

Jochen Krisch sieht Shopping-Parties generell als ein Zukunftsthema:

Das Thema „Shopping Parties“ in seinen mannigfaltigen Ausprägungen sehen wir als eines der großen Zukunftsfelder für den neuen E-Commerce. (…) Am bezeichnendsten und am sichtbarsten ist der Wandel bei den branchenprägenden Tupperparties (PDF), mit denen Tupper hierzulande jährlich rund 230 Mio. Dollar (160 bis 170 Mio. Euro) oder etwa 10% des Gesamtumsatzes von 2,3 Mrd. Dollar erzielt. Siehe auch das Interview in der FAZ („Frauenversteher Rick Goings“) oder den Bericht über das boomende Frankreich-Geschäft von Tupperware.

Es gibt natürlich auch schon Buchhandlungen, die aktiv sind, wie bspw. die Buchhandlung Riemann in Coburg mit den „Buchpickern„. Meinem Eindruck nach sollten es aber viel mehr sein und diese könnten noch offensiver sein. – Wer kennt gute Beispiele?

Update 28.11.2011: Ein tolles Beispiel: Bücher zum Tuppern (via Patricia Schütz)

Bildquelle: Namensnennung Bestimmte Rechte vorbehalten von Vimages

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Motto zeigt, dass Self-Publishing eine Chance für den Buchhandel ist

Ich darf mal zwei Aussagen überspitzen, auf die ich nicht nur außerhalb der Buchbranche immer wieder treffe:

  • Der stationäre Buchhandel wird mehr oder weniger sterben.
  • Das nur Schund produzierende Self-Publishing ist die Pest.

Dass eine Chance gerade darin liegen kann, Beides zu verknüpfen, zeigt das Unternehmen Motto, auf das ich über Joachim Leser gestoßen bin. Immerhin ist das Unternehmen erst 2007 gegründet und mit Self-Publishing-Publikationen etabliert worden und hat seitdem Buchläden in Berlin, Zürich und Vancouver aufgemacht – in diesen Zeiten eine beachtliche Expansion:

Motto was started by Alexis Zavialoff around 2007, and initiated as a distribution company for Switzerland, specializing in magazines and fanzines, a service which hardly existed before on the Swiss territory. The number of available publications kept growing and it now comprises more than 3000 titles, the catalogue being constantly updated. After establishing collaborations with major international distributors, the interest in books and smaller self-published items came naturally and it now constitutes a major part of Motto’s focus.
(…)
In December 2008 Motto opened its first permanent bookstore, in Berlin-Kreuzberg. The store is a natural progression from the traveling temporary bookshops that Motto has organized since 2007
(…)
One of the main focuses of Motto is to offer the possibility of finding back issues of selected magazines, and also a wide selection of artists’ publications, including more experimental projects in sometimes very small print runs.

Wichtig als stationäre Buchhandlung aber ist, lokal zu denken und der Community vor Ort echte Gründe zu liefern, in den Laden zu kommen:

The location, an old frame factory in a Kreuzberg courtyard, strongly influences the spirit of the project. The space, a single room of 90 m², is furnished in old dark wood. Shelves and glass showcases allow a rotating display of selected publications. A long table and chairs in the middle of the space allow friendly browsing.

Motto Berlin regularly functions as a space for book and magazine presentations, as well as special evenings dedicated to different discussions around publishing about art, graphic design, photography, typography and related matters.

mehr über Motto

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Was macht den Buch-Besonderheits-Status aus?

Es stellt sich ja die Frage, was die Perspektive des Buchhandels in Zeiten der Digitalisierung und des Social Webs ist. Der Fokus auf das Lokale kann helfen, ist aber mit Sicherheit kein Allheilmittel. Nonbooks sind hier ein großer Hoffnungsträger, dem immer Platz in den Geschäften eingeräumt wird. Die Stuttgarter Zeitung widmet sich daher dem Nonbook-Trend: Non-Books sind die Hoffnung der Buchbranche

Der Ausblick:
(…)
Wird aus dem Buchhandel also der Handel mit Lifestyleartikeln? Leute, die sich damit auskennen, warnen davor. Denn noch sind Non-Books etwas anderes als Geschenkartikel. „In der Buchhandlungen lassen sich nur Produkte verkaufen, die im Anspruch dem Buch entsprechen. Sie müssen den Eindruck machen, etwas Besonderes zu sein. Nur dann kaufen die Leute, ohne allzu sehr auf den Preis zu sehen“, weiß die Gründerin des Non-Book-Marktplatzes auf der Buchmesse, Angelika Niestrath. „Sobald die Kernkompetenz Buch und damit der Anspruch verloren geht, fangen die Leute an, die Preise mit Nanu-Nana oder Butlers zu vergleichen.“ Bücher, sagt sie, veredeln. Sogar Nicht-Bücher.

Interessant finde ich v.a. die Frage, was diesen durch Bücher erzeugten Besonderheits-Status im Kern ausmacht und wie man ihn an anderer Stelle neu erzeugen kann? Das wäre ein spannendes Themenfeld für vertiefende Diskussionen. Apple hat es ja zweifelsohne auch geschafft, so einen Besonderheits-Status zu erzeugen, für den die Leute viel Geld ausgeben. Ich glaube nicht daran, dass er ohne einen Buch-Bezug automatisch fehlen muss.

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Buchhändler sagen zu Kunden: „buy local“ – Wir sagen zu Buchhändlern: „think & act local“

Der Umsatzanteil des stationären Buchhandels am gesamten Buchhandelsumsatz sinkt seit Jahren. Als Reaktion darauf hört man immer öfter den Appell „Buy Local„, dessen Internetseite von Michael Riethmüller (RavensBuch) stammt. Wer aber Lokalpatriotismus einfordert, offenbart auch, dass genau das notwendig ist. Es entsteht der Eindruck von Mitleidsargumenten.

Da stellt sich die Frage, wie sich der Buchhandel positionieren sollte, um gegen den Negativtrend zu steuern. Da denken natürlich viele schnell an das Trendthema „Social Media“. Wie lassen sich die ominösen „Social Media“ nutzen, um mehr Umsatz zu machen? Nun, ich denke bei solchen Fragen nicht nur an die „Social Media“ im engen Verständnis, sondern allgemein an die Instrumente des Internets, das von den technischen Voraussetzungen her per se „social“ ist. Die Frage ist immer nur, welche der „Social“-Potenziale genutzt werden sollen. Aus meiner Sicht gäbe es 3 spontan denkbare Ansätze für stationäre Buchhandlungen bei der Nutzung des Social Webs:

1.) Ein Buchhändler könnte versuchen, alle Bücher zu allen Themen des Sortimentes über einen Internetshop zu verkaufen und das technisch so gut zu machen, dass sich darauf der künftige Erfolg gründen lässt. Dann müsste er aber besser als Amazon sein, was ich für illusorisch halte. Hinzu kommt, dass selbst Amazon versucht, sich vom Versand physischer Objekte mithilfe seiner E-Reader, Tablets und Softwareangebote unabhängiger zu machen, was ein Buchhändler dann auch leisten müsste. Das erscheint aussichtslos.

2.) Ein Buchhändler könnte auch versuchen, relevante Themenfelder zu besetzen und auf diesen Bücher im Netz zu verkaufen. Dann aber konkurrierte er mit all den Themen-Spezialisten, die sich im Netz tummeln und einzelne Themenfelder komplett abdecken. Ein Mann wie Jochen Krisch hat mit seinem Blog Exciting Commerce bspw. das Thema E-Commerce besetzt und nutzt alle Erlösquellen, die zu diesem Thema passen: Werbung/Sponsoring, Veranstaltungen, Beratung, Job-Einträge – und auch Bücher. Wie aber will ein Buchhändler in diesem Wettbewerb gegen alle Themenspezialisten bestehen? Er kann es in den meisten Fällen nicht, vermute ich.

3.) Bleibt als dritte Option der geografische Bezug. Hier sehe ich das größte Potenzial. Hier wäre der Ansatz, sich (zunächst) auf die Erlösquelle des stationären Geschäftes zu fokussieren und die Internet-Tools unterstützend so einzusetzen, dass diese Erlösquelle gestärkt wird.

Es gibt unzählige Möglichkeiten, Social-Media-Instrumente einzusetzen, um den Umsatz im Geschäft vor Ort zu erhöhen. Wenn das Ziel aus Unternehmenssicht aber ist, dass die Kunden dem „buy local“ folgen, dann muss die Buchhandlung für Leute mit dem Lokalbezug aber auch etwas Interessantes bieten.

Das Wichtigste, um relevante Sortiments-Angebote machen zu können, ist zu wissen, was die Leute vor Ort umtreibt, was sie interessiert, wo es einen Informationsbedarf gibt. Viele Buchhändler sind ja in ihrer Stadt und ihrem Kiez fest verankert. Dennoch bietet das Social Web speziell in diesem Zusammenhang große Chancen – Stichwort Monitoring bzw. Marktbeobachtung. Denn bevor man umfangreiche eigene Inhalte auf Web-Plattformen erstellt und aussendet, sollte man die Plattformen zum Zuhören nutzen. In diesem Falle besteht der Vorteil zudem noch darin, dass der Umfang überschaubar ist, denn es sind nur diejenigen Nutzer für ein Monitoring relevant, die in der Umgebung wohnen und daher potenzielle Kunden sind. Das Schöne an den neuen Plattformen ist ja gerade, dass die Nutzer i.d.R. angeben, wo sie wohnen, und die Suchergebnisse darüber eingegrenzt werden können. Bei der erweiterten Twitter-Suche bspw. gibt es explizit die Option, in der Nähe eines Ortes zu suchen.

Neben der Beobachtung der Gespräche von Leuten aus dem Ort auf Plattformen wie Facebook und Twitter würde ich mir als Buchhändler besonders intensiv die derzeit vielerorts entstehenden hyperlokalen bzw. Kiez-Blogs anschauen. Beispiele sind der heddesheimblog und die Prenzlauer Berg Nachrichten. Diese Blogs beschäftigen sich nicht mit einer Region oder einer Stadt, sondern mit einem Stadtteil oder einem kleinen Ort. Dort steht dann idealerweise alles drin, was für die Menschen dort relevant ist – vom Schlagloch in der Straße bis zum Bäcker, der neu aufmacht. Wenn man aber weiß, was die Menschen in der unmittelbaren Nähe umtreibt, dann kann man ihnen auch die passende Lektüre anbieten, denn Bücher gibt es zu (fast) allen Themen dieser Welt.

Dann kommen wir aber zu einem entscheidenden Punkt. Es reicht nämlich nicht zu wissen, zu welchen Themen die Menschen etwas lesen wollen. Sie wollen ja nicht irgendwas angeboten bekommen, sondern das Beste auf dem jeweiligen Felde. Das führt uns aber zu dem Problem unter Punkt 2.) zurück. Es wird ja immer gesagt, dass Buchhändler gute Empfehlungen aussprechen, also mit ihrer Beratungskompetenz punkten sollen. Wir haben aber gesehen, dass sie bei den allermeisten Themen den jeweiligen Spezialisten im Netz in Sachen Beratungskompetenz unterlegen sind. Ich denke also, dass der Weg, wie ihn Thalia bspw. mit den Buchhändler-Empfehlungen auf der eigenen Website geht, ein guter Ansatz ist, aber letztlich zu kurz gedacht ist. Der Buchhändler sollte nicht unbedingt Empfehlungsgeber, sondern eher Empfehlungsmittler sein.

Die Idee wäre also zu wissen, welche Themen gefragt sind, und dazu die besten, weil vertrauenswürdigsten und relevantesten Empfehlungen der Experten einzuholen. Zu den Top-Leuten im Netz können ja heute Beziehungen sehr leicht aufgebaut werden – auch das heißt für mich „Social Media“ zu nutzen. Genau das ist aus meiner Sicht heute der Job eines Buchhändlers: die Empfehlungsvermittlung (über die Spiegel-Bestsellerliste hinaus). Wenn ich also weiß, dass Start-up-Literatur bei mir gefragt ist, dann sollte ich etwas ähnliches wie das Blog Gründerszene tun und mir Buchempfehlungen von den Gründern holen. Diese sind einfach glaubwürdiger als ein Buchhändler, der immer nur angestellt war. Daraus ließen sich dann wunderbare Tische zusammenstellen.

Das Thema ist dabei egal. Wenn Gartenzwerg-Literatur gefragt ist, dann wird sich auch dafür ein Experte im Netz finden. Natürlich kann ich auch im Ort selbst schauen und mir Tipps von lokalen Größen zusammenstellen lassen, zu denen die Kunden einen Bezug haben. Außerdem gewinnt der Buchhändler auch gleich Content für seine Website, der tendenziell interessanter ist als das, was er selbst schreiben würde.

Dies ist jetzt nur ein Beispiel, wie man lokal denken und handeln und dafür das Social Web einspannen könnte. „Social Media“ sind bei einem solchen Ansatz nicht – wie sonst oft – nur Selbstzweck und Spielzeug. Mögliche Ideen für diese Denkrichtung gibt es noch viele mehr. Auf jeden Fall finde ich solche Ansätze nicht nur spannender, sondern denke auch, dass sie wirkungsvoller sind als der einfache Aufruf: buy local.

Bildquelle: NamensnennungKeine Bearbeitung Bestimmte Rechte vorbehalten von Wintergeist

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