Schlagwort: Buchmesse

Offensichtliche Agenda der Buchindustrie: Content-Mafia-Begriff, ACTA, Kulturkampf, Recht auf Vergessen

Ich gehe immer gern zur Eröffnung der Leipziger Buchmesse ins Gewandhaus, weil dort sehr gute Musik gespielt wird, bedeutende Menschen wortgewandt geehrt werden und man viele Bekannte aus der Branche trifft. Ich bin aber auch immer sehr gespannt auf die Rede des Repräsentanten des Buchindustrie-Verbandes, Prof. Dr. Gottfried Honnefelder, weil diese die aktuelle Position der Industrie quasi kondensiert darstellt. Das hat schon öfter Material für Blog-Beiträge ergeben. Ich kann jedem im Bereich der Medien Tätigen nur empfehlen, sich den Text der diesjährigen Rede durchzulesen, um ein Gefühl für die Standpunkte zu bekommen, die in dieser Direktheit in anderen Branchen vielleicht gar nicht formuliert würden.

Ich verstehe, dass man als Lobby-Gruppe klare Botschaften formulieren und in die Welt tragen muss, um zu wirken. Ich finde es dennoch sehr schade, dass diese Reden immer so spalterisch und auch von Unterstellungen nicht frei sind. In diesem Jahr habe ich das sogar noch extremer empfunden als bspw. im Vorjahr. Obwohl der politische Rahmen des Abends einer der Verständigung und des Miteinanders war, findet sich in der Rede – wieder mal – nicht ein Wort davon. Da heißt es nur: wir gegen die. Und beide Seiten werden auch noch falsch definiert. Sich gegenüber sieht man offensichtlich nur die wie immer unterstellte „Internetgemeinde„, mit der ein Kulturkampf drohe. Die eigene Partei wird mitsamt der Autoren gesehen, obwohl diese (zumindest bisher) noch nicht mal als Teil des Buchmarktes betrachtet werden und vielfach unzufrieden sind. Es würde ja schon reichen, wenn in so einer Rede mal wenigstens ein Halbsatz vorkäme nach dem Motto: Wir finden das Internet wichtig und versuchen, die Chancen zu nutzen. Aber nichts davon. So wird ein radikales Bild erzeugt, das zu Recht angegriffen wird und auch gar nicht dem entspricht, was sich vielerorts in der Branche und selbst im Börsenverein tut – Stichwort protoTYPE.

Die Rede legt aber auch die neuralgischen Punkte offen. Wer die Buchindustrie wirklich ärgern wollte, müsste den Begriff der „Content-Mafia“ weiter zementieren. Dieser stört die Beteiligten ganz gewaltig, weil er dem eigenen Selbstverständnis und den wirksamen Lobby-Argumenten zuwider läuft, was sehr deutlich wird:

Jetzt lese ich, die Verlagsmenschen seien als Rechteverwerter, Inhaber von Nutzungsrechten, als Makler von Inhalten Angehörige einer Content-Mafia. (…) Die Freiheit des Wortes ist die Basis der demokratischen Gesellschaft und damit der freien verlegerischen und buchhändlerischen Tätigkeit. Grundlage unserer Arbeit ist das Recht auf freie Meinungsäußerung und der Zugang zu jeglicher Information, wie es in Artikel 19 der Erklärung der Menschenrechte festgeschrieben ist. Verleger und Buchhändler setzen sich weltweit dafür ein. Verleger und Buchhändler wollen keine Zensur, sie setzen auf Meinungsfreiheit und auf den free flow of information.

Demzufolge argumentiert er an einigen Stellen mehr oder weniger aus der Defensive heraus und betont, dass man natürlich keine Zensur u.ä. wolle. Es kommt aber auch wieder heraus, dass Gegensätze kreiert werden, die so gar nicht bestehen. Es wird suggeriert, dass jeder, der gegen die Beibehaltung des Urheberrechts 100% in der heutigen Form gleich für die gänzliche oder weitestgehende Abschaffung sei.

Der Schutz des Urheberrechts und der freie Zugang zu Informationen sind zwei Anforderungen, die sich ergänzen, nicht widersprechen. Weder verhindert das Urheberrecht den freien Zugang zu Informationen noch sind Informationen garantiert weltweit zugänglich, wenn sie nicht mehr dem Urheberrecht unterliegen. Gleichzeitig bedeutet „free“ nicht „kostenfrei“ – das wäre ein Übersetzungsfehler. (…) Bemerkenswert an der Diskussion um den Schutz des geistigen Eigentums ist die Aggressivität, mit der sie im Internet geführt wird. Es bildet sich ein Graben. Auf der einen Seite stehen diejenigen, die den freien oder zumindest kostenfreien Zugang zu Information und Wissen verlangen unter Abschaffung oder völliger Veränderung des Urheberrechtes. Auf der anderen Seite befinden sich jene, die kulturelle Inhalte entdecken, veredeln und der Öffentlichkeit gegenüber sichtbar machen.

Das ist aber gar nicht der Punkt. Es geht den meisten nur um eine zeitgemäße Anpassung der Regelungen, sodass bspw. private Internet-Kommunikation nicht unterdrückt wird. Selbst zahlreiche Juristen und andere ernstzunehmende Köpfe plädieren für eine Anpassung in Zeiten des Internets. Ich habe die Herausforderung mal aus meiner privaten Internet-Nutzersicht geschildert. Das Problem ist, dass viele der Leute wie Prof. Dr. Honnefelder diese Nutzerperspektive nicht kennen.

Schlimm finde ich aber insbesondere, dass aus diesem ansich berechtigten Punkt …:

Die Freiheit, die eigene Meinung äußern und den eigenen Gedanken oder das eigene Werk dauerhaft publizieren zu dürfen, und die Freiheit, über die Verbreitung dieser Äußerung nach Umfang und Dauer selbst entscheiden zu können, gehören zusammen.

… ein „Recht auf Vergessen“ abgeleitet wird:

Frau Reding hat mit dem, was mit „Recht auf Vergessen“ gemeint ist, Recht. Wir müssen darüber entscheiden dürfen, wie wir die Freiheit der Meinungsäußerung nutzen wollen, in Form des Rechts sowohl die eigene Meinung mitteilen, als auch den Umkreis ihrer Veröffentlichung festlegen und ihre allgemeine und dauerhafte Verbreitung einschränken zu können.

Für mich bedeutet ein solches „Recht auf Vergessen“ tatsächlich so etwas wie Zensur, da man dann auf den Festplatten und in den Köpfen anderer Leute Informationen löschen müsste, die zuvor in die Welt hinaus entlassen wurden. Dazu passt, dass Prof. Dr. Honnefelder live vor Ort in Leipzig auch von eben jenem „Recht auf Vergessen“ gesprochen hat. Ich weiß das sicher, weil es mich wieder aufgeregt hat.

Am Ende versucht er die Kurve zu kriegen, indem er „enthüllt“, was der einzige Grund für Kritik vonseiten der „Internetgemeinde“ sein kann:

Man könnte diesem Befund entnehmen, dass es den Kritikern des bestehenden Urheberrechts eher um den Erhalt eines digitalen Raumes geht, in dem der Staat nichts zu suchen haben soll und in dem die Verfolgung von Straftaten unmöglich gemacht werden soll. Und nicht um Meinungsfreiheit und Demokratie.

Da dürfen wir uns ja alle angesprochen fühlen, inkl. vieler Kinder von Leuten aus der Buchbranche. Alles nur heimliche Straftat-Förderer und Anarchisten.

Die Frage ist doch, wo „Aggressivität“ und „drohender Kulturkampf“ herkommen, wie sie Prof. Dr. Honnefelder unterstellt? Aus meiner Sicht daher, dass Reden wie diese belegen, dass zum großen Teil an den eigentlichen Problemen vorbei diskutiert wird. Da werden Fronten aufgemacht, die so gar nicht bestehen. Viele der eigentlichen Herausforderungen werden aber gar nicht angesprochen. Das finde ich schade, weil sich in der Praxis vielerorts schon heute als logische Folge zeigt, dass die Buchbranche an sehr vielen Zukunftsdebatten und -lösungen tatsächlich nicht beteiligt ist.

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In eigener Sache: Ich unterstütze autoren@leipzig und das AutorenCamp als Kooperationspartner

Die Leipziger Buchmesse ist heute einer der wichtigsten Treffpunkte des gesamten deutschsprachigen Buchmarktes, was gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann, wenn man sich die Herausforderungen der geschichtlichen Ereignisse seit den 1930er Jahren vor Augen führt. Eine besondere Stärke der Leipziger Buchmesse ist das Begleitprogramm Leipzig liest mit Tausenden Literaturveranstaltungen an allen möglichen Orten der Stadt bis hin zur Bäckerei und zum Fleischer, das nur durch die Lesefreude des Leipziger Publikums möglich ist.

autoren@leipzig

In diesem Jahr gibt es einen neuen Schwerpunkt, der Leipzig liest ideal ergänzt: autoren@leipzig. Hier wird ein ganzes Spektrum an Angeboten für Autoren aller Art – von Verlagsautoren über Blogger bis hin zu Self-Publishing-Autoren – geboten, die ja vielfach ohnehin schon in Leipzig sind und so noch mehr Anreize bekommen, auf die Buchmesse zu kommen. Das ergibt nicht zuletzt deshalb Sinn, weil die Leser ja in dem Maße zunehmend selbst zu Autoren werden, in dem sie im Internet aktiv sind – Stichwort Prosument. Die Übergänge sind da inzwischen sehr fließend. Ich unterstütze autoren@leipzig also nicht nur deshalb, weil die Leipziger Buchmesse einer meiner Beratungskunden ist, sondern weil ich von der Sinnhaftigkeit dieses Ansatzes absolut überzeugt bin.

Viele der anwesenden Autoren suchen in Leipzig nicht „nur“ den Kontakt zum Publikum, sondern auch fachliche Anregung und Austausch. Daher wird es im Rahmen von autoren@leipzig ein breites Fortbildungs- und Netzwerkangebot geben, das ganz Verschiedenes umfasst:

  • Forum leipzig.liest.digital – Hier gibt es Informationsveranstaltungen zu erfolgreichem analogen und digitalen Marketing, zu Veröffentlichungen in E-Book-Form oder zur erfolgreichen Verlagssuche.
  • Digitales Wohnzimmer – Hier präsentieren sich unterschiedliche Internet-Literaturplattformen und geben Einblick in ihre Arbeit.
  • AutorenLounge – Hier haben Autoren und alle, die es werden wollen, die Möglichkeit, bei einem kleinen gastronomischen Angebot neue Kontakte zu knüpfen und Netzwerke zu pflegen.
  • Geschlossene Workshops – In Kooperation mit dem Literaturinstitut Leipzig können Verlage, die auf der Leipziger Buchmesse ausstellen, ihre Autoren für ein Fortbildungsprogramm anmelden. Hier geht es unter anderen um die professionelle Gestaltung des eigenen öffentlichen Auftritts oder die erfolgreiche Organisation und Durchführung von Lesungen.
  • Wissenschaftliche Untersuchung – Ebenfalls in Kooperation mit dem Literaturinstitut Leipzig erstellt die Leipziger Buchmesse eine wissenschaftliche Untersuchung, deren Ergebnisse Anfang März vorgestellt werden. Die Bedürfnisse von Autoren und Verlagen sollen in Bezug zueinander verifiziert und dabei soll auch untersucht werden, ob und auf welche Weise die Digitalisierung dieses Verhältnis beeinflusst bzw. wandelt. Dazu werden sowohl  Autoren als auch Verlage befragt.

Das komplette Fachprogramm steht ab dem 16. Februar auf www.leipzig-liest.de bereit.

AutorenCamp

Ein besonderes Highlight von autoren@leipzig ist das AutorenCamp – das erste BarCamp exklusiv für Autoren und deren Interessen. Warum ist das sinnvoll?

Dank Internet und digitaler Technik kann heute ansich jeder zum Autor werden. Aber es reicht ja nicht, „nur“ ein Buch zu veröffentlichen oder etwas ins Netz zu stellen, um gelesen zu werden. Man muss auch sichtbar sein. Das gilt für Verlagsautoren ebenso wie für Blogger und Web-Publisher.

Überhaupt gleichen die neuen technischen Möglichkeiten oft einem Dschungel, in dem man sich allzu leicht verlaufen und viel Zeit verlieren kann. So wird gefühlt jeden zweiten Tag eine neue Plattform im Internet als die Zukunft gefeiert oder es wird ein neues Tool als unabdingbar dargestellt. Zudem sind schon Plattformen wie Facebook eine Wissenschaft für sich. Das Gleiche gilt für die neuen Publikationsinstrumente wie E-Books, Kindle-Store, iBookstore etc.

Außerdem darf nicht vergessen werden, was selbst eine überaus erfolgreiche und ehemals reine Self-Publishing-Autorin wie Amanda Hocking für sich festgestellt hat: I want to be a writer. I do not want to spend 40 hours a week handling emails, formatting covers, finding editors, etc. Right now, being me is a full-time corporation.

Fakt aber ist, dass man sich als Autor mit den neuen Möglichkeiten wird auseinander setzen müssen. Auch viele Verlage gehen dazu über, spezielle Seminare für ihre Autoren anzubieten, um sie fit für die digitale Welt zu machen. Das Problem aber ist dabei, dass oft selbsternannte Social-Media-„Experten“ auf den Plan treten und versuchen, den Autoren die Welt zu erklären. Oder die technischen Geräte selbst werden – auch auf den Buchmessen – einfach nur präsentiert und es bleibt der Fantasie des betrachtenden Autors überlassen, was damit anzufangen sei.

Daher ist es eine tolle Sache, dass die Leipziger Buchmesse dieses Jahr am Buchmesse-Wochenende (17.-18.03.2012) mit dem AutorenCamp eine von „Mister BarCamp“ Franz Patzig mit meiner Unterstützung organisierte Plattform speziell für Autoren bietet. Die Grundidee ist, dass hier Autoren selbst ihren Kollegen vorstellen, wie sie mit den neuen Techniken umgehen, welche Erfahrungen sie gemacht haben und welche Fragen offen sind und diskutiert werden sollten. Also ein Austausch auf Augenhöhe unter Autoren. Thematisch ist die Veranstaltung aber offen. Es können alle Themen diskutiert werden, die Autoren interessieren. Es geht also nicht nur um Technik oder Selbstvermarktung.

Was muss ich als Autor tun, um teilzunehmen? Die Sache ist ganz unkompliziert. Einfach hier anmelden. Über die Plattform mixxt organisieren wir die Veranstaltung. Die Teilnahme an den beiden Konferenztagen wird im Verlauf dieser Woche freigeschaltet und schon jetzt kann sich jeder Autor auf die Warteliste setzen. Zudem können schon Themenvorschläge eingebracht werden, sodass die anderen sehen, worum es u.a. gehen könnte.

Natürlich ist eine solche Konferenz auch mit Kosten verbunden, weshalb sich Franz Patzig über Sponsoring-Anfragen ebenfalls freut.

Alle notwendigen Informationen zum offenen und interaktiven BarCamp-Format – einer „Unkonferenz – finden sich auf dieser Seite. Ich beantworte aber auch gern Fragen in den Kommentaren.

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Meine Eindrücke von der TOC-Frankfurt-Publishingkonferenz

Am 11. Oktober durfte ich als Pressevertreter kostenlos die TOC-Frankfurt-Publishingkonferenz besuchen und will deshalb hier noch von meinem Eindruck berichten. Für mich war es der erste Besuch auf der TOC Frankfurt, weshalb ich relativ unbefangen bin.

Von der inhaltlichen Seite war ich offen gestanden ähnlich wie Wolfgang Tischer etwas enttäuscht. Der Anspruch der Konferenz ist es meinem Eindruck nach ja schon, einen Blick voraus zu werfen und neue Perspektiven für’s Publishing-Business aufzuzeigen. Bis auf 2 Sessions fand ich die Speaker eher langweilig. Die ersten 2 Keynotes kamen über eine Mischung aus Eigenwerbung und Appellen à la 2008 („Das Internet ist tooootal wichtig, so ganz allgemein …“ und „Nutzt doch bitte die Chancen, keine Angst“) nicht hinaus. Ich habe nichts gegen Eigenwerbung, aber man sollte doch etwas Relevantes dabei lernen. Die dritte Keynote war interessant, mit einem Typographie-Thema für die Breite des Publikums aus meiner Sicht aber nicht passend.

Später besuchte ich dann bspw. einen Vortrag der Beraterin und Autorin Aliza Sherman, die zu den Anwesenden über Marketing-Instrumente wie zu Grundschülern sprach. Sinngemäß: „Hey!! Und jetzt gibt’s auch Foursquare – so viele Chancen für Autoren, man könnte so viel tun. … Und es gibt auch noch Slideshare – wow!!“ Etc. Ich bewundere das Präsentationsgeschick und die Energie, welche sie zeigte. Beides fehlt vielen Speakern auf anderen Konferenzen (da schließe ich mich ein), von daher war auch das interessant, aber nicht unbedingt ein Grund zu kommen.

Interessanter fand ich den Vortrag von Sebastian Posth, der über das Thema Current Developments in Setting Standards for Rights Licensing and Sales Metadata sprach. Hier wurde einmal mehr deutlich, dass im Bereich des E-Book-Vertriebs noch grundlegendste Standards entwickelt werden müssen. Da stehen wir noch ganz am Anfang. Sebastian Posth machte sehr deutlich, dass er offen für den Austausch und das gemeinschaftliche Pushen des Themas ist. Erreichbar ist er bspw. über seinen Twitter-Account @sposth. Angeblich sollen auch die Vortragsfolien irgendwo bei Slideshare hochgeladen werden, ich finde sie aber derzeit nicht.

[Update 02.11.11] Hier finden sich Video und Slides zum Vortrag von Sebastian Posth. [/Update 02.11.11]

Am spannendsten fand ich diese Session: „Publishing Startups and the Investment Ecosystem in the EU“ mit Christophe Maire, Justo Hidalgo, Richard Nash, Matt Tempelis. Hier wurde an konkreten Beispielen beleuchtet, was für Start-ups im Publishing-Bereich wichtig ist, wie es mit der Investment-Beschaffung aussieht, wie die Bedingungen in den wichtigsten Städten der EU sind und was das Ökosystem insgesamt voran bringen könnte. Es wurde auch die zunehmend starke Rolle Berlins beleuchtet. So erzählte ein Gründer aus Stockholm, der gerade nach Berlin umgezogen ist, wie er dort einmal im Café saß, sich über das Geschäft unterhielt und dann von einem VC angesprochen wurde, der zufällig mitgehört und das Gehörte interessant gefunden hatte. Sowas würde in Stockholm nicht passieren, sagte er. Insgesamt wurden folgende Dinge festgestellt: Es gibt wenig VCs, die sich im Publishing-Markt engagieren. Im Raum anwesend war kein einziger, was – so die Teilnehmer – im Musik-Bereich ganz anders gewesen wäre. Ursachen sahen die Teilnehmer darin, dass es in den letzten Jahren zu wenig interessante Start-ups als Investmentmöglichkeiten gab, weil sich der Markt erst entwickelt. Wo hinein hätten VCs vor 5 Jahren investieren sollen im Verlagsmarkt, so die Frage. Da ging es eher um Prozessoptimierung in den Verlagen, warf jemand aus dem Publikum ein. Demzufolge gebe es auch zu wenig Gründer, die den VCs in der Vergangenheit schon gutes Geld beschert hätten. Wäre das anders, dann wäre die Chance höher, dass sich VCs auch engagieren, wenn sie die konkete Neugründung fragwürdig finden – einfach weil sie den in der Vergangenheit bereits erfolgreichen Gründern vertrauen. Angenehm bei der ganzen Session war auch, dass Leute aus vielen größeren europäischen Städten anwesend waren und alle Anwesenden vom Moderator aktiv mit einbezogen wurden. Kleine Vortragsformate wechselten sich ab mit Fragen in die Runde und offenen Diskussionen. Sehr angenehm interaktiv und lebendig das Ganze.

Das führt mich zur letzten Anmerkung. Ich finde, dass die Formate auf Konferenzen wie der TOC Frankfurt, auf der Frankfurter Buchmesse und andernorts interaktiver werden müssen. Die Teilnehmer kommen doch meist nicht primär, weil sie sich schlaue Vorträge anhören wollen. Es geht vielmehr darum, eine Plattform für den direkten Austausch zu schaffen, wodurch ein Mehrwert für das Vor-Ort-sein erzeugt wird, den es sonst so nicht gäbe. Es geht als Teilnehmer gerade nicht darum, passiv irgendwelchen Schulvorträgen zu lauschen. Zudem war die erste Keynote der TOC Frankfurt für 8:30 Uhr angesetzt, also relativ früh, und startete letztlich erst mit einer halben Stunde Verspätung. Der Effekt war, dass sofort bei den Frageteilen und den Pausen, die dem Austausch dienen, gekürzt wurde. Das wiederum führte dazu, dass viele Leute aus den – vielfach ohnehin nicht so interessanten – Vorträgen und Panels flüchteten, um sich auf den Gängen zu unterhalten. Ähnliches habe ich schon öfter beobachtet. Konzeptionell besser finde ich da durchlässige Formate wie bspw. die Table Sessions auf dem E:PUBLISH 2011 – Kongress

Insgesamt hat sich der Besuch der TOC Frankfurt aber auf jeden Fall gelohnt, weil ich interessante Gesprächspartner getroffen habe.

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Mein ganz persönliches „Buchmarkt-Bullshit-Bingo“

Für einen 10-minüten Kurzvortrag auf dem Twittwoch Rhein-Main Special auf der Frankfurter Buchmesse habe ich ein spontanes „Buchmarkt-Bullshit-Bingo“ erstellt, das natürlich nur meine persönliche Meinung darstellt. :)

Inspiriert wurde ich u.a. vom Mobile Bullshit Bingo von Heike Scholz (via Frank Krings), die auch das Prinzip erklärt:

Gespielt wird Bullshit Bingo so: Bei der nächsten Konferenz einfach immer, wenn einer der Begriffe fällt auf dem Blatt ankreuzen. Wer als erstes eine Reihe, Spalte oder Diagonale voll hat, hat gewonnen, darf aufspringen und laut “Bingo” oder noch besser “Bullshit” rufen.

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PubMatch verspricht ganzjährige virtuelle Buchmesse

Das im April 2009 gestartete B2B-Social-Network PubMatch verspricht, Autoren, Verlage, Agenten und andere Akteure der Buchbranche aus aller Welt im Internet auf einer Plattform zusammenzuführen und zu vernetzen. Diese können Profile anlegen und Informationen über sich und ihre Arbeit in über 140 Kategorien eingeben, welche dann mit den Informationen anderer Akteure abgleichbar sind. Die Hoffnung ist, auf diesem Wege möglichst relevante Kontakte vermitteln zu können.

Getragen wird die Seite u.a. von dem amerikanischen Branchendienstleister Combined Book Exhibit. Dessen President, Jon Malinowski, beschreibt PubMatch als „year-round virtual book fair“, die sich über Werbung finanzieren soll.

Auf mich macht die Plattform bislang einen eher leblosen Eindruck. Schon auf den ersten Blick und auch in der Nutzung wirkt sie wie eine Website aus den 1990ern. Das mögen auch Gründe dafür sein, dass sich im ersten halben Jahr seit dem Start nur knapp 500 Mitglieder angemeldet haben, obwohl die Plattform bspw. auf der Website einer wichtigen Buchmesse wie der BookExpo America zentral beworben wird.

Die Grundidee, eine branchenorientierte Vernetzungsplattform zu bieten, ist dennoch sehr gut. Denn dass ein Interesse an stärkerer Vernetzung in der Buchbranche besteht, zeigt ja hierzulande die Aktion Ich mach was mit Büchern. Bei der Umsetzung von Plattformen wie PubMatch sollten jedoch die Chancen und Standards genutzt werden, welche das Social Web heute bietet. Bspw. ist die Hemmschwelle für eine Anmeldung auf einer neuen Plattform niedriger, wenn man sich über Facebook Connect oder andere Dienste registrieren kann.

Hier noch ein Interview über PubMatch mit Jon Malinowski (3:30 min.):

via: Publishing Perspectives

„You’re gonna miss us when we’re gone!“ isn’t much of a business model

Das zumindest meint Clay Shirky. Manche in der Buchbranche sehen das anders. Zumindest ist das mein Eindruck nach vielen Gesprächen auf der Leipziger Buchmesse vor ein paar Tagen. Sie fürchten – sicher zu Recht – die nächste Branche zu werden, die mitsamt ihrer tradierten Geschäftsmodelle vom Internet in die Mangel genommen wird.

Was Mitglieder der Netzgemeinde von den geplanten Reaktionen auf die Herausforderungen des Internets halten, kann man beispielhaft bei netzwertig in einem Beitrag von Marcel Weiß nachlesen:

History repeating: Buchhandel kündigt Massenklagen gegen Filesharer an

Die Buchbranche kann ja froh sein, dass die momentan erhältlichen eReader noch nicht die Qualität haben, um das gedruckte Buch im Massenmarkt zu gefährden. Es bleibt den Verlagen und Buchhandlungen also noch Zeit, um sich zukunftsträchtig aufzustellen. Ich würde mir wünschen, dass sie diese Zeit gut nutzen und sich nicht bewahrheitet, was Jan Tißler fürchtet: Ein langer, verbissen geführter Kampf gegen die Realität zeichnet sich ab, der schon bei der Musik, bei Filmen und allgemein bei Medien nur verloren werden konnte.

Bei dieser Gelegenheit noch ein weiterer Lesetipp:
Clay Shirky: Newspapers and Thinking the Unthinkable

Bild: egame