Schlagwort: Crowdfunding

Brauchen Literaturverlage bald wie Theater eine Art Crowdfunding, um existieren zu können?

Wenn von neuen Geschäfsmodell-Ansätzen wie Crowdfunding die Rede ist, wird oft eingewendet, man wolle doch keine Almosen. Zum einen geht es beim Crowdfunding um mehr als um Almosen. Zum anderen nähern sich aber interessanterweise Teile des Buchmarktes einem Bereich an, wo es ebenfalls um freiwillige Zahlungen geht, wie es das WAZ-Interview mit dem Verleger der Frankfurter Verlagsanstalt, Joachim Unseld, zeigt:

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Braucht die Literatur heute Subvention?

Unseld: Wir sind eigentlich auf dem Weg dahin, dass die Kulturverlage, wie ich sei nenne, wie die Theater sich nicht mehr selbst halten können werden. Die Renditen sind auf null; ich weiß gar nicht, ob es noch einen Verlag gibt, der wirklich Gewinne macht. Es gab immer die hauseigene Quersubventionierung der Verlage, dass man mit dem einen Unterhaltungsbestseller die literarischen Bücher bezahlt. Aber dadurch, dass diese absoluten Spitzentitel rar sind, funktioniert das auch nicht mehr. Andere Länder subventionieren bereits literarische Verlage und Buchhandlungen. In Amerika gibt es die Einrichtung der University Press. In Österreich bekommt jeder Kleinverlag noch seine 50.000 Euro im Jahr vom Staat. Frankreich hat seinen Verlagen die Digitalisierung seiner Backlist finanziert.
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Interview komplett lesen.

Über Amanda Palmers Crowdfunding-Erfolg

Über Amanda Palmers Crowdfunding-Erfolg wurde in letzter Zeit viel geschrieben. Interessant finde ich diesen aktuellen Beitrag bei The Economist, der ein paar aus meiner Sicht wichtige Punkte unterstreicht. Gleich zu Beginn:

Amanda Palmer learned everything she needed to know to raise nearly $1.2m for her latest album as a street performer. Ms Palmer says that six years of busking, often as a living statue called „The Eight-Foot Bride“, led her to realise that people willing to toss money in a hat do so according to their means and interest rather than in response to a specific reward.

Das ist sehr treffend. Mir stößt bei Artikeln über das Crowdfunding oft auf, dass dort die Bedeutung der Belohnungs-Gimmicks häufig überbetont wird. Natürlich ist es nett, eine signierte CD o.ä. als besondere Gabe zu erhalten. Wichtiger aber ist, dass das Crowdfunding-Projekt so aufgesetzt ist, dass es die Kerninteressen der Unterstützer berührt, was oben ja explizit erwähnt wird. Denn freiwillig Geld zu geben, mag zunächst merkwürdig erscheinen, folgt aber sehr rationalen Gedanken. Letztlich funktioniert auch Crowdfunding nach den Gesetzen der Marktwirtschaft, in der wir für knappe Dinge Geld bezahlen, was ich schon 2010 in diesem Vortrag versucht habe zu betonen:

Die Menschen wollen primär etwas ermöglicht und verwirklicht sehen, was es sonst nicht gäbe, und sich das zueigen machen (können). Das ist das knappe Gut, für das sie in den meisten Fällen Geld geben. Der Rest ist nett, aber doch eher Beiwerk. Es muss auch immer ein klarer Sachzusammenhang gegeben sein, weshalb Crowdfunding kein Modell zum Reichwerden, sondern zur Realisierung des Notwendigen ist. Nicht umsonst wurde auch bei Amanda Palmer die Höhe der erbetenen Summe hinterfragt. Bei Verlagen, wo ein funktionierendes Geschäftsmodell existiert, ist ein Scheitern solcher Modelle daher auch nachvollziehbar.

Der Economist-Artikel zeigt aber auch auf, wie aufwändig es ist, den richtigen Ansatz zu finden und dass Crowdfunding keine schnelle Erlösquelle ist:

Her effort (…) took years to plan. She experimented with self-releasing three boutique efforts first, and then she and her husband, the genre-bending novelist and comics writer Neil Gaiman with 1.7m Twitter followers, floated a more modest Kickstarter outing last October. Ms Palmer then met with Kickstarter to dissect that project and learn from the most successful efforts (like an electronic-paper watch, the Pebble, which passed $10m).

Es wird auch etwas über ihre Motivation gesagt:

Ms Palmer is the latest musician to turn to devotees directly, disintermediating media gatekeepers. Ms Palmer and Brian Viglione started their group, The Dresden Dolls, a Weimar-styled „punk cabaret“ act, in 2000 and signed with a subsidiary of Warner Music Group in 2004. Yet despite releasing a successful album and several singles, Ms Palmer felt constrained. When she approached her label with new ideas, drawing from a background in performance and art, they were slapped down. „I used to be punished for my enthusiasm,“ she recalls.

Theodor Fontanes Gönnergalerie – Crowdfunding im 19. Jahrhundert

Eine meiner Tätigkeiten neben dem eigentlichen Job ist mein Engagement als Vorstandsmitglied der Theodor Fontane Gesellschaft. Viele, die den Namen Theodor Fontane nur hören, machen sogleich lange Gesichter. :) Ich finde aber sowohl sein Werk als auch sein Leben sehr interessant und die Beschäftigung damit überaus bereichernd. Besonders schön sind die Momente, da man wieder einmal feststellt, dass doch nicht alle Dinge dieser Welt in unserer Zeit erfunden wurden, obwohl wir uns das immer gern einbilden. Das Thema Crowdfunding gehört ja bekanntlich dazu.

Ende September hielt mein Vorstandskollege Professor Dr. Roland Berbig (HU Berlin) in Leipzig einen sehr interessanten Vortrag zu diesem Thema: „Fontanes Gönnergalerie. Ein typologischer Streifzug von MacDonald über Franz Kugler bis Heinrich von Mühler“. Eine lesenswerte Zusammenfassung von Uta Beyer findet sich im von mir eingerichteten Blog der Fontane-Gesellschaft.

Hier folgen ein paar Auszüge, die zeigen, dass Crowdfunding in Form eines Mäzenatentums im 19. Jahrhundert für Schriftsteller einer der Wege war, um zu existieren. Viele der heutigen Erlösquellen gab es nicht und es ist ja nicht unwahrscheinlich, dass es sie auch künftig nicht mehr in der heutigen Form geben wird, sodass wir uns langsam wieder an die Situation des 19. Jahrunderts annähern werden. Insofern dürfte auch das Thema Mäzenatentum wieder wichtiger werden. Eine Beschäftigung damit lohnt also, weil sich auch hier aus der Vergangenheit Vieles lernen lässt.

Berbig skizzierte zunächst das Ende des klassischen Mäzenatentums, das einen literarischen Markt eröffnet habe, auf dem sich die Autoren des 19. Jahrhunderts zu bewähren hatten. Gleichsam erschienen weiterhin sogenannte moderne Mäzene im Literaturbetrieb, die als (literarische) Gönner für Schriftsteller mehr oder weniger umfassend gewirkt und deren Werke vermittelt und medial beworben haben (Gönnerinnen und Autorinnen sind hier stets mitgemeint). Die angenommene Dankbarkeit Schutzbefohlener widerspiegelte sich vielfach in den mit dem jeweiligen Förderer geführten Korrespondenzen, die üblicherweise mit Anreden wie „Hochverehrter Freund, sehr verehrter Gönner“ eingeleitet wurden. Die damals modische Charakterisierung als Gönner beinhaltete demzufolge keine einfache Geschäftsbeziehung, sondern kennzeichnete darüber hinausgehend eine komplexe, vielfach freundschaftliche Verbindung zwischen dem Mentor und seinem Stifter, die auch als Wohltäterschaft oder Protektorat ihre Funktion verrät.

Auch die Motive von damaligen Mäzenen kamen zur Sprache:

Am Ende des Rundgangs durch die Gönnergalerie Theodor Fontanes unterschied Berbig gemeinsame Motive von unterschiedlichen Anlässen, den Dichter gefördert zu haben: Während einerseits das Poetische die Verbindungslinie zwischen Stifter und Stipendiat geschaffen habe und somit soziale Differenz vermitteln konnte, waren andererseits sachliche Gründe ausschlaggebend, den heimatländisch-repräsentativen Autor zu managen. Diese ambivalenten Ursachen aus heutiger Zeit betrachtend, warf Berbig die Frage auf, ob das aktuelle Wissen um die politische Haltung und grundsätzliche Lebenseinstellung einzelner Protektoren deren Gönnertum im Nachhinein schmälert. Schließlich aber hielt er fest, dass die Geber und Beschützer im weitesten Sinne als Karrierehelfer fungiert haben, als Lektoren tätig waren, als Vermittler und Sponsoren wirken konnten, sodass sich eine Typologie aus den in der Gönnergalerie auswahlweise betrachteten Personen ableiten lässt, die als Mischtyp kategorisiert werden kann, wenn Edelsinn, Freundschaft und Güte, Einfluss und Macht einander ergänzt und in der Gesamtheit eine multiple Gönnerschaft erzeugt haben.

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Marketing-Interview: Tino Kreßner, Berater bei tyclipso und Geschäftsführer von startnext

Die Interview-Reihe „Ich mach was mit Marketing“ soll dazu dienen zu zeigen, wie interessante Menschen in interessanten Märkten die (z.T. neuen) Möglichkeiten des Marketings für sich und ihr Unternehmen nutzen. Wer Lust hat, auch ein Interview beizusteuern, kann mich einfach kontaktieren oder mir direkt die Antworten und ein Foto von sich zusenden. (Jedoch behalte ich mir vor, nicht alle Zusendungen zu veröffentlichen.) Die bisherigen Interviews finden Sie hier.

Heute stellt sich Tino Kreßner vor:

Wer sind Sie und „was machen Sie mit Marketing“?

Mit dem ersten Film 2.0 Projekt in Deutschland habe ich die Stärke von Social Media im Marketing gespürt. Die Community hat einen No-Budget Film ins Kino und ins TV gebracht.

Ich habe mich auf den Bereich Social- und Mobile Media spezialisiert und arbeite hier als Berater und Konzepter bei tyclipso und bin Geschäftsführer der Crowdfunding-Plattform startnext.de.

Was ist das Besondere an Ihrem Markt/Ihrer Zielgruppe?

Alle Akteure gehen gemeinsam erste Pionierschritte auf diesem Gebiet. Social Media Marketing bringt einen Paradigmenwechsel im Marketing mit sich. Nicht mehr die Marke steht im Mittelpunkt, sondern die Zielgruppe. Unternehmen müssen auf Augenhöhe mit ihren Kunden sprechen und den Dialog beginnen. Kreativschaffende kommen zum Teil aus ihren Elfenbeinturm eines Künstlers heraus und kommunizieren direkt mit ihren Fans auf diversen Social Networks.

Was ist das Besondere an Ihren Marketing-Aktivitäten?

Unternehmen werden zu Beginn der Zusammenarbeit im Bereich Social Media zunächst geschult. Durch einen Vortrag über die Entwicklung von Web 1. Bis Web 5.0 öffne ich den Blick für die Relevanz aktueller Aktivitäten und gebe Anstoß zu Social Media Konzepten. Alle Kunden werden bei ihren Social Media Aktivitäten begleitet und erhalten stets Support bei der Bedienung der einzelnen Instrumente.

Bei unserem eigenen Projekt startnext setzen wir verstärkt auf externe Netzwerke. Wir haben hier einen Dienst geschaffen, der für jeden einzelnen desto wertvoller ist, je mehr er Freunden davon erzählt. Diesen Mundpropaganda Effekt unterstützen wir mit geeigneten Tools. Mit Startnext sind wir in den relevanten Kommunikationsräumen online präsent und moderieren Dialoge oder beantworten Fragen rund um das Thema Crowdfunding.

Wie messen Sie Erfolg?

Aktuell messen wir Erfolg über Analytics, Social Monitoring und interne Plattform-Statistiken. Die Daten werden dabei vordergründig quantitativ ausgewertet. Über weitere Möglichkeiten lassen wir aktuell eine wissenschaftliche Arbeit schreiben und entwickeln an neuen geeigneten Monitoring Instrumenten.

Wie sieht ein typischer Tag bei Ihnen aus?

Zum Glück sind die Tage nicht allzu typisch, da ich viel auf Konferenzen unterwegs bin, oder bei Kunden Schulungen halte. Vor kurzem durfte ich erst Unterricht für zwei Wochen an einer Akademie geben. In der Regel beginnt mein Tag ab 9 – wobei ich ab und zu bereits 2 Stunden vorher Emails vorgeschrieben habe. Tagsüber leite ich die Teams in den diversen Agenturprojekten, koordiniere Anfragen über Startnext, führe die Kundenkommunikation. Ab 16 Uhr komme ich meist dazu an neuen Konzepten und Strategien zu arbeiten – was manchmal bis tief in die Nacht gehen kann.

Wo finden wir Sie im Internet?

Facebook.com/tinokressner
Xing.com/profile/tinokressner
Twitter.com/opentino
Weandx.de/tinokressner
http://de.startupwiki.org/Tino_Kreßner

Danke!

Bildquelle: Tino Kreßner

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Der Crowdfunding-Trend verstärkt sich immer weiter

Ende 2010 wurde ich von t3n nach drei Trend-Prognosen für 2011 gefragt. Eine meiner Prognosen lautete:

Crowdfunding – Neue Plattformen wie startnext und Flattr zeigen, wie sich durch kleine Beiträge vieler Menschen Projekte und Inhalte realisieren lassen, die es sonst nicht gäbe. 2011 dürften wir viele erfolgreiche Anwendungsbeispiele sehen, die zu einer Breitenwirkung der Crowdfunding-Idee führen.

Tatsächlich ist mein Gefühl, dass sich der Crowdfunding-Trend immer weiter verstärkt und auch entsprechend wahrgenommen wird. Dazu passt, dass nun auch die VDI nachrichten auf das Crowdfunding-Modell und dabei auch auf meine Liste der über 100 Crowdfunding-Plattformen hinweisen:

„Crowdfunding wird Gründerszene stark verändern“

Die Internetgemeinde öffnet immer öfter die Schatullen, um Projekte zu finanzieren. Schon 113 Crowdfunding-Plattformen hat der aufs Social Web spezialisierte Unternehmensberater Leander Wattig weltweit aufgespürt – natürlich mit Hilfe der „Community“. Besucher seiner Webseite hinterlassen immer neue Links zu Plattformen, auf denen ein Jeder sein Erspartes kreativ arbeiten lassen kann. (…)

Interessante Crowdfunding-Projekte gibt es auch im Buchbereich immer öfter. So versucht Andrea Kamphuis derzeit, ein Sachbuch über die Evolutionsbiologie der Autoimmunkrankheiten mittels Crowdfunding zu finanzieren und hat schon die Hälfte des benötigten Geldes eingeworben.

Projektvorstellungs-Video, 5 min.:

Andere interessante Beispiele haben Marcel Weiß und ich jüngst in Berlin auf der re:publica vorgestellt. Dort fand auch eine ganze Konferenz zum Thema Crowdfunding statt: die co:funding. Es tut sich was.

Warum der Crowdfunding-Ansatz, freiwillig auch für Inhalte Geld zu geben, einen sehr rationalen Hintergrund hat, hatte ich auf der Frankfurter Buchmesse 2010 versucht darzulegen.