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Gemeinsamkeit zwischen der Zukunft von Foto und Buch: Alte Begriffe passen nicht mehr

3sat berichtete vor ein paar Tagen über die Ausstellung „State Of The Art Photography„. Hintergrund: Die Digitalisierung führt aktuell zu einer Diskussion, was die Fotografie von heute und morgen eigentlich ist:

Die Annäherung an die Bildende Kunst ist ganz sicher ein Thema. Was für den Betrachter wie eine Zeichnung aussieht, ist Fotografie. Auch Körper werden inszeniert, als seien sie von einem Bildhauer erschaffen. Fotos sind mittlerweile inflationär vorhanden. Viele Künstler bedienen sich dieser Bilderflut und arbeiten mehr als Archivare oder Sammler, denn als Fotografen. Sie fotografieren nicht mehr selbst, sie wählen aus.

Große Fotografen und Hochschullehrer wie Andreas Gursky wissen nicht einmal mehr, wie das heißen sollte, was sie da lehren:

„Das zu benennen, was wir machen, ist gar nicht so einfach“, sagt Gursky. „Es ist keine Malerei, es ist eindeutig Fotografie und auch keine eindeutige Fotografie. Als man mich an die Akademie berufen hat, wusste man nicht, wofür man mich berufen soll. Dann war es erst einmal ein Lehrstuhl für Freie Kunst. Das war Quatsch, denn Bildhauerei, Malerei ist auch Freie Kunst, jetzt ist es eine Professur für Bildkunst.“ Bildkunst – weil die Disziplinen nicht mehr klar voneinander zu trennen sind.

Auch „fremde“ Techniken kommen zum Einsatz:

Selbst die klassische Fotokamera wird von vielen Künstlern wie Mischa Kuball infrage gestellt. Er bedient sich eines Röntgenapparats um seine Polaroid-Kamera abzubilden. Mischa Kuball interessiert der Übergang vom realen Objekt zum Abbild. „Ich bin konzeptueller Künstler“, sagt er, „der mit dem Medium Fotografie arbeitet. Für diese Ausstellung habe ich mich sehr engagiert, weil ich gerne etwas zeigen möchte, was so aussieht wie Fotografie, was aber mit dem Bild, das wir von Fotografie haben und dem Verständnis davon nichts mehr zu tun hat.“

All das passt sehr gut zu den Zukunftsdiskussionen rund um das Buch und den Buchmarkt, wie wir sie derzeit immer wieder erleben. Da wird oft so diskutiert, als ob sich die eine Zukunft beschreiben ließe. Doch die Zukunft wird in dieser Hinsicht nicht nur facettenreich sein. Wir stellen vielfach auch hier fest, dass die alten Begriffe schlicht nicht mehr passen und den Blick auf die Zukunft eher behindern als ihn hilfreich zu leiten:

Was ist ein Buch? Das zentrale Unterscheidungsmerkmal des Buches scheint zu sein, dass hier in den meisten Fällen die Schriftform dominiert:

„Als materielles bzw. physisches Objekt oder elektronisches Speichermedium ist das Buch Produkt eines handwerklich oder maschinell geprägten Herstellungsprozesses. Es besteht aus einen Trägermaterial (…) und den darauf aufgebrachten Sprach- und Bildzeichen (…).
(…)
Als Zeichenträger speichert das Buch nicht nur Sprach- und Zahlzeichen (…), sondern auch Musiknoten (…) und Bilder (…). Entwicklung und Geschichte des materiellen Gegenstandes Buch verweisen aber auf eine Dominanz der sprachlichen Zeichen, auf die die Ökonomie der Buch-Formen ausgerichtet ist. In der Buch-Kommunikation findet Sprache die ihr gemäße Ausdrucks- und Überlieferungsform durch das Medium der Schrift.“
(Quelle)

Es gab aber schon immer auch kuriose Bücher – so wie die Kuthodaw-Pagode, das angeblich größte Buch der Welt:

Die Kuthodaw-Pagode (Pagode der Königlichen Verdienste) ist eine 1868 fertiggestellte Anlage in der myanmarischen Stadt Mandalay. Sie besteht aus 729 pavillonartigen Tempeln, in denen je eine weiße Mamorplatte liegt. (…) Auf den Marmorplatten ist der Pali-Kanon niedergelegt, das Leben und die Lehren Buddhas.

Man kann den Buchbegriff also auch weiter fassen und wie im Fall der Kuthodaw-Pagode von „Buchformen“ sprechen, was dann auch die Steintafel und die Schriftrolle umfasst:

„Buchformen, vom Trägermaterial und der Art seiner Weiterverarbeitung abhängige physische Form der Speicherung längerer zusammenhängender Texte oder mehrerer Texteinheiten, die auch illustriert sein können.“ (Quelle)

Doch auch hier dominiert die Schriftform. Was aber passiert, wenn die digitale Technologie alte Buchformen ablöst?:

„Die Geschichte der Buchformen zeigt zwar, dass phasenweise mehrere Buchformen nebeneinander Bestand haben und verwendet werden können (z.B. Codex und Buchrolle, Handschrift und Druck); in aller Regel jedoch löst die auf innovativen Technologien basierende Buchform mittel- und langfristig die Vorgängerform ab.“ (Quelle)

Natürlich könnte man dann noch zwecks Abgrenzung gewisse Prinzipien betonen, für die Bücher bisher standen. Nick Carr benennt vier solche Fixpunkte:

  • Integrity of the page
  • Integrity of the edition
  • Permanence of the object
  • Sense of completeness

Dann stellte sich aber die Frage, welchen Wert die Übertragung dieser Fixpunkte auf die digitale Welt hat. Inhalte zu fixieren und abzuschließen, wird sicher auch künftig einen Wert darstellen. Viele der Fixpunkte von Büchern werden aber von anderen Medienformen wie der Film-DVD oder der Musik-CD geteilt. In der Übertragung auf die digitale Welt wäre eine solche Abgrenzung daher also nicht buchspezifisch. Wahrscheinlich ist es zunächst sinnvoller, die Durchlässigkeit der elektronischen Form über eine Umkehrung dieser Fixpunkte deutlich zu machen, so wie es Kevin Kelly tut.

Interessanterweise spricht ja auch der Börsenverein des Deutschen Buchhandels als Buchbranchen-Verband seit geraumer Zeit nicht mehr vom Buch, sondern vom Prinzip Buch und hat dazu sogar einen Gestaltungswettbewerb ausgerufen. Ich weiß nicht, ob man sich über die Mitgestaltungschance freuen oder aufgrund einer möglichen Ratlosigkeit an zentralster Branchen-Stelle sorgen sollte:

„Das Prinzip Buch“ – anhand dieses Begriffes diskutiert die Buchbranche die digitale Entwicklung des Marktes. Hinter dem Prinzip steht der Gedanke, dass Inhalte in vielen Erscheinungsformen angeboten werden – als Print-Bücher, E-Books, Hörbücher oder für mobile Endgeräte. Bedeutet diese Entwicklung ein Umbruch oder ein Neudenken der Buchbranche? Wir laden die Teilnehmer ein, das „Prinzip Buch“ zu hinterfragen und gestalterisch zu erfassen. Grundsätzliche Leitfragen bei der Ausarbeitung können sein:

  • Was hat es mit dem „Prinzip Buch“ auf sich?
  • Wie sieht die Zukunft des Buches aus?
  • Wie sieht das Buch in der Zukunft aus?
  • Wie wird unser Leseverhalten von den Entwicklungen beeinflusst?
  • Welche Auswirkung hat der digitale Wandel auf unser Denken, auf die Kunst, auf unsere Gewohnheiten?

Der Fokus auf ein vermeintliches Prinzip Buch führt aus meiner Sicht in alle möglichen Richtungen, aber nicht unbedingt in die Zukunft, wenn man die Breite des Buchmarktes im Blick hat. Neue Medienformen von den alten her zu denken, funktioniert nur bedingt. Das Kennzeichnende am Buch ist – wie oben erwähnt – v.a. die Schriftdominanz, also eine Textlastigkeit. Doch wie sinnvoll ist ein Fokus auf dieses Unterscheidungsmerkmal bei digitalen Produkten? Man muss sich nur die ersten so genannten „enhanced e-books“ anschauen, um zu sehen, wie sehr die Grenzen der Inhalte-Arten verschwimmen.

Je länger ich darüber nachdenke, desto stärker wird meine Überzeugung, dass der Buchbegriff eher hinderlich ist beim Nachsinnen über die Zukunft. Vielleicht sollten wir dem künftigen Nischenmarkt der P-Books den Buchbegriff überlassen und für neue Produkte auch neue Begriffe nutzen. Für mich hat die Zukunft des Buches weniger mit der Technik zu tun. Technisch möglich ist fast alles. Viel entscheidender ist, was der Leser bzw. Kunde eigentlich will. Hier liegt der Schlüssel zur Zukunft. Für das aber, was der Kunde jeweils will, wird man jede geeignete Technik und Inhalte-Art nutzen müssen bei der Entwicklung künftiger Produkte und Services. Hier eine Unterscheidung nach Schrift-, Ton- oder Bewegtbilddominanz vorzunehmen, scheint mir wenig hilfreich zu sein. Interessanterweise ist gerade die alles entscheidende Kenntnis der Endkundenbedürfnisse bei vielen Verlagen heute kaum gegeben. Sie beschränkt sich bisher oft auf Verkaufszahlen.

Viel spannender finde ich die Frage nach der künftigen Bedeutung von Schrift überhaupt. Wir sind heute „people of the screen“ und nicht mehr „people of the book“. Bildschirme umgeben uns überall. Die Technik hinter diesen Bildschirmen wird immer leistungsfähiger und das Inhalte-Angebot wird immer reichhaltiger. Da heute jeder ins Internet schreiben kann, nimmt natürlich auch die absolute Textmenge zu. Doch Schrift wurde irgendwann mal erfunden als Hilfsmittel, um mit Botschaften Raum und Zeit zu überbrücken. Nun können wir dafür dank Internet aber auch die gewissermaßen „natürlicheren“ Formen Bewegtbild und Ton verwenden und das im Gegensatz zu früher ohne hohe Kosten. In vielen Fällen ist das auch sinnvoll. Ich könnte mir daher gut vorstellen, dass die relative Bedeutung von Schrift zurückgehen wird.

Bildquelle: NamensnennungKeine Bearbeitung Bestimmte Rechte vorbehalten von World/In/My/Eyes

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Probleme beim Umgang mit dem Urheberrecht am Beispiel der Web-Plattform Pinterest

Vor 1-2 Wochen habe ich ein länger nicht gekanntes Gefühl genossen. Ich habe mit Pinterest eine Plattform für mich entdeckt, die mich wirklich begeistert und für die ich demzufolge auch schon fleißig Werbung gemacht habe. Aus der Selbstbeschreibung:

Pinterest lets you organize and share all the beautiful things you find on the web. People use pinboards to plan their weddings, decorate their homes, and organize their favorite recipes. Best of all, you can browse pinboards created by other people. Browsing pinboards is a fun way to discover new things and get inspiration from people who share your interests.

Pinterest wächst derzeit wahnsinnig schnell, weil die Plattform gerade auch Leute jenseits der Tech-Szene anspricht und begeistert und weil über einen langen Zeitraum das Kernprodukt selbst „ansteckend“ gemacht wurde, sodass die Viralität im Produkt selbst steckt.

Das Geniale an Pinterest ist u.a. die ansprechende Optik, die Wirkung der Fotos und Videos auf der Seite und die Einfachheit, Inhalte zu entdecken und weiterzuempfehlen sowie sie mithilfe von „Boards“ zu organisieren. Pinterest ist auch für den E-Commerce sehr gut geeignet (u.a. eigene “Pin It” Buttons). Zudem löst die Plattform Herkunftsfragen eines Fotos sehr webgemäß und fair, indem aus dem Netz gepinnte Fotos immer einen Link zur Quelle behalten. Es ist also bestmöglich gegeben, dass der Urheber einen Reputationsgewinn für das Erstellen des Fotos erfährt und dass der „Kurator“ einen Reputationsgewinn erfährt für das Zusammenstellen attraktiver Inhalte. Beide profitieren also und nicht einer auf Kosten des anderen. Zudem sind die jeweiligen Fotos auch auf externen Plattformen einbindbar (ein Erfolgsprinzip des Social Webs), wobei auch hier der Quellenbezug bestehen bleibt. Hier ein Beispiel für einen Embed:

Source: flickr.com via Leander on Pinterest

 

Bei Google+ warf Kerstin Hoffmann sogleich die Frage der Nutzbarkeit der Plattform aus rechtlicher Sicht auf. Eine wichtige Frage. Nun ist es ja – soweit ich das überblicke – in Deutschland so, dass die Nutzung jedes noch so kleinen Bildes die vorherige Einräumung der entsprechenden Nutzungsrechte durch den Urheber oder Rechteinhaber erfordert. Eine Ausnahme ist das Bildzitat, für das aber schon sehr anspruchsvolle Voraussetzungen gegeben sein müssen. Von daher ist die gedankenlose freie Nutzung von Pinterest (und anderen Plattformen) natürlich nicht zulässig.

Das Problem hier ist, dass innovative Plattformen, zumindest in Deutschland, oft nicht oder nicht mit angemessenem Aufwand genutzt werden können (selbst wenn es dem Urheber zugute kommt und er die Nutzung wünscht). Als Nutzer lebt man dauerhaft mit der Unsicherheit, wegen auch kleinster Urheberrechtsverstöße abgemahnt zu werden und finanziell zu bluten. Das ist ein Punkt, der das gesamte Ökosystem hemmt. Wir reden ja in den meisten Fällen nicht über eine gewerbliche Nutzung fremder Inhalte, sondern über die in die Nutzung von Web-Diensten einprogrammierte Weiterverbreitung von fremden (Bild-)Inhalten.

Natürlich könnten wir Pinterest nutzen, indem wir nur eigene Bilder, für die wir selbst die Rechte haben, auf die Plattform hochladen. Wenn das aber jeder machte, was wäre der Sinn? Der Sinn von Pinterest ist ja gerade das Teilen und Neu-Zusammenstellen. Andere Leute dürften meine Inhalte dann aber nicht dafür verwenden, ohne mich zu fragen.

Einen Ausweg gibt es: Creative-Commons-Lizenzen, bei denen nicht alle Rechte vorbehalten sind, sondern nur einige, wodurch ein Foto auch ohne Rücksprache unter den angegebenen Voraussetzungen verwendet werden kann. Wer Fotos wie das oben eingebettete von Mario Sixtus weiterverbreitet, die mittels Creative Commons lizenziert sind, kann sich frei entfalten. Pinterest hat den Dienst wie erwähnt auch so gestaltet, dass der Quellenlink möglichst an allen Stellen erhalten bleibt. Beim Embed bspw. ist unter dem Bild nicht nur vermerkt, dass ich das Foto gepinnt habe, sondern auch, dass es von Flickr stammt – mit Link zur Ursprungsseite von Mario Sixtus. Noch dazu habe ich in der Bildunterschrift vermerkt, welche Art von Lizenz durch Sixtus gegeben ist. Das sieht zwar nicht so schön aus, aber wer es schön haben will, muss eben eigene Bilder nutzen (wobei die dann streng genommen von anderen wieder nicht verwendet werden dürfen):

 

Es sind bei solchen Web-Diensten aber eben auch die Kleinigkeiten, die einen Unterschied machen. Denn am Ende geht es auch um den Aufwand der Nutzung. Wenn ich nun bei Pinterest ein Foto (= ein Pin) weiter verbreite („Repin“), dann wird der Text der Bildunterschrift mitgenommen, sodass der CC-Hinweis erhalten bleibt und nicht wieder manuell eingegeben werden muss. Damit ist der Aufwand für eine rechtskonforme Nutzung aus meiner Sicht noch einigermaßen beherrschbar:

 

Dennoch finde ich, dass Pinterest Creative-Commons-Urheberrechtslizenzen als echtes Feature ähnlich wie Flickr, wie Videoplattformen wie Vimeo und wie Dokumentenplattformen wie Scribd noch in seine Plattform einbinden sollte. Denn am Ende geht es ja auch darum, die Lizenz als Filterkriterium nutzen zu können. So nutze ich niemals nur die einfache Flickr-Suche nach Bildern, sondern stets die erweiterte Suche und dort die Filterung nach der passenden Nutzungslizenz, weil ich nur dann die Suchergebnisse bspw. auf meinen Blogs auch weiterverwenden kann. Ein ähnliches Feature wäre für Pinterest schon deshalb sinnvoll, weil sich daran eben auch die erweiterte Google-Suche anknüpft, bei der man ebenfalls nach Nutzungsrechten filtern kann. Denn das gezielte Gefunden-Werden bleibt auch im Social Web und auf für das Entdecken ideal geeigneten Plattformen wie Pinterest ungemein wichtig. Falsch lizenzierte Inhalte kommen bei einer solchen spezialisierten Suche nicht vor; sie existieren dann quasi gar nicht.

Das führt jedoch zu einem weiteren Punkt, der mich schon seit langem beschäftigt. Selbst als versierter Nutzer des Social Webs, der sich vielleicht Gedanken macht und Dinge berücksichtigt, die Viele nicht im Blick haben, und der Zeit investiert und sich kümmert, komme ich ärgerlicherweise aus der rechtlichen Unsicherheit nicht heraus. Denn ich mag vielleicht CC-Lizenziertes nutzen und das auch brav angeben. Dennoch bin ich der Dumme, wenn der Urheber an der Quelle irgendwann mal die Lizenzangabe ändert. Wenn ich also heute Fotos von Mario Sixtus, die er bei Flickr mit einer CC-Lizenz gepostet hat, einbinde und korrekt auszeichne, er aber morgen die Lizenzangabe ändert (= 1 Mausklick) und mich übermorgen abmahnen lässt, habe ich ein Problem. Wie will ich nachweisen, dass die Lizenz ursprünglich meine Nutzung zugelassen hat? Ich müsste von jedem Bild einen Screenshot als Nachweis anfertigen und selbst dann wäre ich sicherlich noch nicht auf der rechtlich sicheren Seite. Eine notarielle Beglaubigung eines jeden Screenshots wäre wohl am besten. ;) Neulich sprach ich mit einem darauf spezialisierten Anwalt und auch dieser bestätigte mir nochmal die Problemhaftigkeit dieses Feldes. Wer sich also nicht angreifbar machen möchte, der sollte auch keine CC-lizenzierten Inhalte nutzen. Das ist der traurige Status quo in Zeiten des bereits viele Jahre alten Internets.

Für mich stellt sich also nicht die Frage, ob man Plattformen wie Pinterest rechtssicher nutzen kann. Natürlich geht das – irgendwie -, wobei mir dann große Bereiche des Potenzials dieser Plattformen versperrt sind. Für mich ist eher die Frage, wie man das Urheberrecht ggf. ändern könnte, sodass die Möglichkeiten des Webs so nutzbar werden, dass der Urheber, der Nutzer und die Gemeinschaft in der Summe besser da stehen. Hier ist die heutige Situation selbst bei bestem Bemühen der Plattformbetreiber und von deren Nutzern meiner Meinung nach einfach suboptimal. Der sich korrekt verhaltende Nutzer ist derzeit tendenziell immer der Dumme, weil er viele Features meiden muss und weil er deshalb am Ende schlechter dasteht als die etwas forscheren Ausloter der Grenzen, die sich über die Inhalte-Nutzung in Grauzonen eine Reputation und Sichtbarkeit aufbauen, die ihnen auch dann erhalten bleibt, wenn sie irgendwann mal abgemahnt werden. Das führt aber beim Nutzer zu einer Gewöhnung an die permanente Abwägung, ob ein Überschreiten der rechtlichen Grenzen nicht lohnend wäre. Letztlich führt das wiederum zu einer Gewöhnung an die „Kriminalität“. Das damit verbundene negative Gefühl führt dann letztlich vielleicht auch zu etwas, was eine EU-Kommissarin jüngst als Hass auf das Urheberrecht bezeichnet hat:

Meanwhile citizens increasingly hear the word copyright and hate what is behind it. Sadly, many see the current system as a tool to punish and withhold, not a tool to recognise and reward.

Noch ein darüber hinaus führender Gedanke von meiner rein privaten vieljährigen Web-Nutzer-Warte aus: Wie gehen wir egtl. damit um, dass im Social Web das privat-gesprochene Wort immer öfter dem schriftlich-veröffentlichten Wort oder dem in Videoform fixierten und veröffentlichten Wort entspricht? Es gilt doch zunehmend: Reden = Publizieren. Im Offline-Mündlichen kann ich aus gutem Grund frank und frei all das tun, was die Leute sich nicht zufällig auch für die Web-Kommunikation wünschen. Miteinander zu reden heißt oft, ein Gedanken-Mash-up zu erstellen, ohne vor Formulierung eines jeden Gedankens jene fragen zu müssen, die diesen Gedanken in ganz ähnlicher Form auch schon einmal zum Ausdruck gebracht oder veröffentlicht haben. Es heißt auch, sich Dinge wie Bilder einfach zeigen zu können, ohne den Urheber anrufen und um Erlaubnis fragen zu müssen. Miteinander zu reden heißt aber in Zeiten des allpräsenten Internets auch immer öfter, dies mehr oder weniger öffentlich zugänglich zu tun. So wie es bisher auch schon öffentlich zugänglich war, wenn wir uns auf der Straße unterhalten haben. Nun aber in anderer Qualität zugänglich. Zumindest heißt es, dass Inhalte irgendeiner Art auf Web-Plattform in irgendeiner Art gespeichert werden. Und dabei haben wir noch nicht mal das Internet der Dinge, welches all dies noch potenzieren wird. Gedankenaustausch heißt also immer öfter, dass das Gesprochene auch im Web abgebildet ist. Und wir wollen doch, dass die Menschen miteinander reden und ihre Gedanken frei austauschen. Wir können doch nicht wollen, dass sie sich dafür immer offline treffen müssen und dabei offline bleiben müssen, wenn es auch anders geht und dies der Gemeinschaft zugute kommt. Wie sehr wollen wir die Kommunikation zwischen Menschen erschweren durch Regeln aus einem anderen Jahrhundert, die für ein ganz anderes technologisches Umfeld geschaffen wurden? Unser Urheberrecht stammt nun einmal aus einer Zeit, in der die reine Veröffentlichung schon eine schützenswerte Leistung war. Das ist passé. Daher wirken ja auch viele Vorschriften zunehmend hemmend. Dieser Grundkonflikt bleibt aus meiner Sicht voerst ungelöst, auch wenn bei Zur-Sprache-Bringung solcher Gedanken oft wortreich verschiedenartigste Argumente angeführt werden, warum das bestehende Urheberrecht doch irgendwie so hingebogen werden kann, dass es in unsere Zeit passt. Marcel Weiss hat die Sache vor ein paar Tagen in einem anderen Zusammenhang aus meiner Sicht treffend auf den Punkt gebracht: „Um tatsächlich das Urheberrecht, wie es im 19. Jahrhundert erdacht wurde, auch im 21. Jahrhundert durchzusetzen, müssen online Bürgerrechte beschnitten werden.“ Das Problem dabei ist wie gesagt, dass fast alles künftig in irgendeiner Form online ist.

Zum Abschluss noch eine kleine Anmerkung ;) …
… All das hier (etwas durcheinander) Beschriebene und sämtliche eigenen Erfahrungen, die zu bestimmten Grundannahmen führen, sind natürlich doch nur Quatsch, wie wir dank des Vorstehers des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Prof. Dr. Gottfried Honnefelder, wissen:

„Die Gesellschaft braucht kein neues Urheberrecht – sie braucht Regeln für die Freiheit im Netz“.

Update 28.11.2011: Ein paar Blogger-Kollegen haben sich des Themas auch angenommen:
Kerstin Hoffmann: Den Fluss mit den Händen aufhalten? Oder: Warum das Urheberrecht uns nicht retten wird
Martin Weigert: Kuratieren, Modularisieren und Remixen des Webs: Neuer Brandherd der Urheberrechtsdebatte
Marcel Weiss: User Curated Content ist Filesharing im neuen Gewand
netzpolitik.org: Neue Urheberrechtskonflikte am Horizont?

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Beispiel für die Verbreitung von Inhalten dank Creative-Commons-Lizenz

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In Beratungsgesprächen empfehle ich Kunden stets, jene Inhalte, die ohnehin zu Werbezwecken her- und bereitgestellt werden, möglichst einfach verwendbar zu machen. Schließlich soll mit ihnen die größtmögliche Wirkung erzielt werden. Tatsächlich erschweren viele Unternehmen aber die Nutzung ihrer Inhalte, indem sie nicht an die Vorab-Einräumung bestimmter Nutzungsrechte bspw. mithilfe von Creative-Commons-Lizenzen denken. So begrenzen sie ihre eigene potenzielle Reichweite, was auch die Verantwortlichen meist bedauerlich finden, nachdem sie auf den Umstand hingewiesen worden sind.

Wie wirkungsvoll die Bereitstellung von Inhalten sein kann, für deren Nutzung nicht extra eine Erlaubnis eingeholt werden muss, will ich anhand eines eigenen privaten Beispiels zeigen:

Im Spätsommer letzten Jahres fuhr ich an einem Wochenende zusammen mit meiner Freundin mit dem Fahrrad nach Meißen, um einen der letzten Sonnentage zu genießen, mir das Umland und die Stadt mitsamt der Porzellan-Manufaktur anzusehen und um einen Schoppen Meißner Wein direkt vor Ort zu trinken. Die Stadt ist sehr sehenswert und steht meiner Meinung nach bspw. einem Rothenburg ob der Tauber in nichts nach – einen Besuch kann ich sehr empfehlen. Jedenfalls habe ich auch ein paar Fotos geschossen, die ich später, am 28. September 2009, bei Flickr in meinem Account veröffentlichte. So auch dieses Foto:

Meißen: Burgberg mit Albrechtsburg und Dom

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Wie immer nutzte ich dabei eine Creative-Commons-Lizenz, damit andere Leute bei Bedarf ohne Rücksprache das Foto verwenden können. Konkret handelt es sich bei dem Foto um diese Lizenz:

Namensnennung 2.0 US-amerikanisch (nicht portiert)

cclizenz

Am 14. Oktober 2009 passierte etwas, das ohne die entsprechende Lizenz nie geschehen wäre: Das Bild wurde bei Wikimedia Commons hochgeladen:

File:Meißen Burgberg mit Albrechtsburg und Dom.jpg

This image, which was originally posted to Flickr, was uploaded to Commons using Flickr upload bot on 21:06, 14 October 2009 (UTC) by Avala (talk). On that date it was licensed under the license below.

wikimedia

Von dort aus hat sich das Bild in Wikipedia verbreitet und tut es noch. Derzeit ziert es die Meißen-Artikel in der deutschen, englischen, französischen und serbischen Wikipedia-Ausgabe:

Wikipedia (deutsche Version)

meissen_de

Wikipedia (englische Version)

meissen_en

Wikipedia (französische Version)

meissen_fr

Wikipedia (serbische Version)

meissen_sr

Auch diverse Websites haben in letzter Zeit mein Foto unter Angabe der Quelle verwendet. So bspw. die italienische Seite „Il Reporter“ in diesem am 21. April 2010 veröffentlichten Beitrag:

Meissen e Dresda, in festa per la porcellana

meissen_2

Am 3. Mai 2010 erschien im „FlexiJourney Blog“ dieser Beitrag:

66 Beautiful Small Cities & Towns In Europe

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Ich denke, dieses kleine Beispiel zeigt recht gut, dass man selbst als Foto-Laie mit seinen Schnappschüssen eine gewisse Verbreitung erlangen kann. Dementsprechend groß sind die Chancen für professionelle Akteure in Unternehmen. Allerdings sind es oft Details, die den Erfolg ausmachen – so auch hier. Zudem würde es vielen Entscheidern helfen, wenn sie selbst einmal bloggen würden, da sie dann eher verstehen könnten, wie die neuen Multiplikatoren im Internet ticken und warum sie manche Inhalte verwenden und andere links liegen lassen.

Übrigens: Wie in der rechten Seitenspalte zu sehen ist, sind die von mir selbst erstellten Inhalte in diesem Blog ebenfalls mittels Creative Commons lizenziert und daher unter diesen wenigen Bedingungen frei verwendbar.