Schlagwort: geschäftsmodelle

Moral statt Geschäftsmodelle – Gründet die Buchbranche als letztes Gegenmittel bald eine Anti-Filesharing-Religion?

Filesharing ist in Schweden bekanntlich ein anerkannter religiöser Glaube. Es handelt sich um die Kirche der Kopimisten. Daran muss ich immer wieder denken, wenn ich auf Veranstaltungen der Buchbranche und anderer Medienbranchen unterwegs bin. Zuletzt wieder auf den Buchtagen und teilweise auch auf der AKEP-Jahrestagung in Berlin. Dort war nämlich allzu oft von solchen Dingen die Rede, wenn es um das Internet ging:

Wesentlich krasser noch war das auf den Buchtagen, wo die Reden und die zentrale Diskussion durch solche Statements geprägt waren:

Da fragt man sich wirklich, ob am Ende als letztes Mittel nicht doch bald die Gründung einer Anti-Filesharing-Religion vorgeschlagen wird. Angesichts der Aussagen, die bei solchen Gelegenheiten teilweise so getätigt werden, käme einem so ein Vorschlag noch nicht nicht mal besonders absurd vor. Dieses Branchen-Geld wäre bei einer Religionsstiftung womöglich sogar sinnvoller angelegt …

Oder man besinnt sich auf das, was bei Techdirt zu lesen steht und ansich bekannt sein sollte:

(…)
This is not about morals. This is about smarts. It’s not about being right or wrong. It’s not about rebelling. It’s about a giant shift in consumer behavior and how we as an industry deal with that.
(…)
This is about failed business models, not morals. If you have a bad business model, you fail. End of story. If you have good content, an ability to connect with fans, and a good business model, you’ll absolutely succeed today.
(…)
But, for whatever reason, many of those failing today seem to want to turn it into a moral issue. It may pull heart strings, but it won’t solve the business model issue.

Annette Beetz bringt es schön auf den Punkt:

Dazu passend hier nochmal die Präsentationsfolien zu meinem Vortrag auf der AKEP-Jahrestagung:

Die Kern-Herausforderung der Medienbranchen kurz zusammengefasst

“The central challenge to the folks running the traditional aspects of content businesses is that their business models are based on moving the containers around. No containers means no business model. Chaos.”

Ein Problem ist auch, dass viele Akteure Geschäftsmodelle als Ersatz suchen, die ad hoc ebenso attraktiv wie die webbrechenden sind. Die meisten suchen noch immer …

Vorteilhaft bei der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle ist, wenn man sich zunächst vergegenwärtigt, wie Inhalte im Internet rezipiert werden. Von dort ausgehend kann man dann zielführender überlegen, wie Modelle gestaltet sein müssten, um Erfolgschancen zu haben. Dieser Ansatz führt auch sofort zu der Erkenntnis, dass Modelle, die Inhalte von den Content-Strömen abtrennen, große Nachteile haben. Aussichtsreicher ist es, Content als Lockstoff für den Verkauf von Mehrwert-Services zu nutzen. Ein paar Gedanken dazu habe ich auf diesen Vortrags-Slides festgehalten: Alles im Fluss? – Das Social Web als Abo-Dienst

via: Marcel Weiß, Brady Gilchrist

————————–
Blog-Abo: Feed E-Mail Facebook Google+ Twitter
————————–

Jeff Jarvis über ungeeignete Geschäftsmodell-Ansätze

Jeff Jarvis hat hier u.a. sechs Geschäftsmodell-Ansätze benannt, die in allen Branchen denkbar ungeeignet sind:

  • Tradition is not a business model. The past is no longer a reliable guide to future success.
  • „Should“ is not a business model. You can say that people „should“ pay for your product but they will only if they find value in it.
  • Virtue is not a business model. Just because you do good does not mean you deserve to be paid for it.
  • Business models are not made of entitlements and emotions. They are made of hard economics. Money has no heart.
  • Begging is not a business model. It’s lazy to think that foundations and contributions can solve news‘ problems. There isn’t enough money there.
  • No one cares what you spent. Arguing that news costs a lot is irrelevant to the market.

via: Techdirt

Über verschwindende und neu entstehende (Inhalte-)Bundles auf dem Musikmarkt

Mike Masnick verweist bei Techdirt auf zwei interessante Beiträge zum Thema Musik-Bundles:

Masnick weiter:

(…)
What Rogers is talking about, however, is a more natural bundle. Rather than a bundle borne out of the inefficiencies of existing technology, the bundling he’s talking about is bringing together natural bundles of products that fit together smartly in packages that give fans real options — and which are done for the overall convenience of fans and buyers, not the convenience of retailers and middlemen. That’s a key difference and we’re going to see more and more of it in a variety of industries. The bundles that will disappear are the bundles that were done to help serve the middlemen, and what will replace them (much more profitably and economically efficiently) are bundles that help serve the end user/buyers.
(…)

Preisdruck auf digitalen Inhalte-Märkten entsteht unabhängig von Piraterie

Bei Techdirt ist vor ein paar Tagen ein interessanter Beitrag erschienen, der sich mit der Frage auseinander setzt, ob die Major-Labels im Musikmarkt ihren Bedeutungsverlust hätten verhindern können, wenn sie das iTunes-Modell früher angewandt hätten: Did The Recording Industry Really Miss The Opportunity To ‚Monetize‘ Online Music?

Besonders treffend finde ich die Betonung, dass der durch die Verfügbarkeit quasi kostenloser digitaler Inhaltekopien ausgelöste Preisdruck im Musikmarkt unabhängig von Piraterie entsteht:

Tim Lee, who pointed us to this piece in the first place, tacks on the point that „the economic argument for free music is unrelated to ‚piracy.'“ This is, indeed, a key point and one we’ve tried to make in the past, but one that sometimes gets lost in the shuffle. The basic economics of music suggest that it was going to face downward pricing pressure all along. That has little to do with unauthorized access to music or whether or not the major record labels sucked it up and did licensing deals with Napster. It was just where the market was going to head one way or the other — because, over time, more and more people would begin to realize that free music was an excellent promotional tool for other things, and that would drive more business to those other areas. That, in turn, would lead more and more musicians and their business partners to recognize the benefit as well. In fact, we’re seeing that happen today. The fact that unauthorized access to files online may have helped push that realization forward doesn’t change the fact that those pressures were going to come one way or the other.

Das ist in der Argumentationsform auch auf den Buchmarkt übertragbar, wo häufig Debatten geführt werden, die von diesem Gesichtspunkt ablenken. Das ist vor allem deshalb schade, weil die Buchbranche noch mehr Zeit zum Handeln hat/hätte als die Musikindustrie. Immerhin gibt es aber inzwischen schon einige innovative Plattformen wie PaperC. Ich halte es jedenfalls mit Gerd Leonhard, der sehr zu Recht sagt: ‚protection‘ is in the business model not the technology

Bildquelle: artemuestra (CC-Lizenz)

Jeff Jarvis über Unternehmer-Journalismus

Ulrike Langer hat vor kurzem ein interessantes Interview mit Jeff Jarvis u.a. zu seinem Ansatz eines „entrepreneurial journalism“ geführt:

Brauchen wir mehr Journalisten als Unternehmer? In welchen Bereichen hat ein Unternehmerer-Journalist besonders gute Chancen? Ein Interview mit Jeff Jarvis („Buzzmachine“, „What Would Google Do?“), der an der New Yorker CUNY Graduate School of Journalism den Kurs „Entrepreneurial Journalism“ leitet. Mit Jeff Jarvis sprach ich in München auf Burdas Digitalkonferenz DLD10.

Auf Ulrike Langers Blog findet sich sogar eine Textfassung des Interviews.

Video (18 min.):

Zapp über die Recherchen US-amerikanischer Online-Medien

Das Medienmagazin Zapp berichtet über Nachrichten-Initiativen in den USA:

Für lau ins Internet, damit soll jetzt Schluss sein. Zumindest bei den Online-Ausgaben des Springer Konzerns. Zwar streicht der Verlag Inhalte und Stellen, trotzdem bitten Hamburger Abendblatt und Co. ihre Leser seit gestern zur Kasse. Einen ganz anderen Weg aus der Krise nimmt die Internet Zeitung ProPublica aus New York. Sie ist die größte Online-Zeitung für investigativen Journalismus in den USA und kostet den Leser nichts. Einem großzügigen Spender sind die brilliant recherchierten Artikel sogar Millionen wert.

Video (5 min.):

Es geht nicht um Paid vs. Free Content – Irgendeiner muss immer zahlen

Häufig wird diskutiert, ob man Inhalte kostenlos abgeben sollte oder nicht. Selbst moralische Argumente werden bisweilen bemüht. Man dürfe doch nicht und man müsse doch … Clay Shirky dazu: “You’re gonna miss us when we’re gone!” has never been much of a business model.

Innovative Vermarktungsansätze von Personen wie Cory Doctorow werden oft selbst dann kleingeredet, wenn sie funktionieren. Letztlich geht es aber gar nicht um die Frage, ob Paid Content oder ob Free Content das Richtige ist. Es geht um funktionierende Geschäftsmodelle. Denn einer muss am Ende immer zahlen, wie Shelly Palmer treffend feststellt:

Free vs. Paid: The Wrong Debate

There are only three business models: I pay, you pay or someone else pays. That’s it. I pay means that I (the publisher of the content) am willing to fund the creation, production and distribution of the content for my own purposes. You pay means that you are willing to pay me for my content. Someone else pays means that a third party is willing to pay me so that you can consume my content. Some of my KPMG friends have pointed out that, from the content producer/publisher’s point of view, there are really only two models: I pay or I get paid. I like to include the idea of third-party involvement, because it is so common to the media business.

Die Frage ist, was unter dem Strich herauskommt, egal auf welche (indirekte) Art für den Inhalt bezahlt worden ist:

Can you frame this conversation as free vs. paid? No. Not if you are trying to get someone to pay you cash directly for something that is ubiquitously available for free. Free vs. Paid is not the great debate, it’s a no-brainer — free wins! Valueless vs Valuable, Scarce vs Ubiquitous, Demanding of attention vs Commanding of attention are the debates and the winners will be the individuals and organizations that can most effectively translate the value of content into wealth.

via: Techdirt
Bildquelle: Simon Blackley (CC-Lizenz)