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Joachim Kobuss: Marketing ist tot – Wir befinden uns in einem Identitätswettbewerb

Interessante Antworten von Joachim Kobuss im Interview mit dem Tagesspiegel:

(…)
Marketing als Instrument ist tot und wird gegen Ende der Dekade keine Rolle mehr spielen. Tut es heute eigentlich schon nicht mehr, es taugt nur noch dazu, den Status quo zu erhalten.

Wie geht es also weiter?

Wir befinden uns in einem Paradigmenwechsel. Seit dem Zweiten Weltkrieg gab es drei Wettbewerbszyklen, den Preis-, den Qualitäts- und den Gestaltungswettbewerb. Den letzten kennen wir am besten, weil er die letzten beiden Jahrzehnte bestimmt hat. Er wird gerade abgelöst, obwohl wir noch immer darüber reden.

Und wie heißt der nächste Wettbewerb?

Identitätswettbewerb.
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Es gehe daher künftig weniger um die Produkte und mehr um die Gestaltung der Prozesse rund um die Produkte:

(…)
Das ist ein Trugschluss. Wenn wir über Wachstum reden, meinen wir fast immer quantitatives Wachstum. Das geht dann nicht mehr. Wenn die Ressourcen verbraucht sind, kann es kein Wachstum geben, und bei der Verschuldung der Staaten haben wir auch immer weniger Finanzmittel zur Verfügung.

Also geht es um qualitatives Wachstum …

… richtig. Und da sind wir wieder bei der Entwicklung von Identitäten und Persönlichkeiten. Das bedeutet fürs Design: Es wird weniger in konkrete Gestaltung investiert und mehr in das, was davor passiert: weg vom Produkt, hin zum Prozess – das ist die Zukunft.
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Ganzes Interview lesen.

Der Trend geht zur Zweit-Identität

Bei Facebook erlebt man immer wieder, dass Personen zwei Profile anlegen, um ihre private und ihre berufliche Identität voneinander zu trennen. Natürlich könnte man theoretisch auch die Privatsphäre-Einstellungen und Listen für die Content-Steuerung nutzen, um diesen Effekt zu erzielen. Aber zum einen ist es offensichtlich für viele Leute einfacher, unterschiedliche Profile zu unterhalten, und zum anderen können sie auf diesem Wege auch unterschiedliche Profilbilder verwenden, was sonst eben nicht möglich ist. (Wäre das nicht vielleicht eine Entwicklungsoption für Facebook, dass man verschiedene Profil-Bilder für verschiedene Kontakte hinterlegen kann? Bei dieser Gelegenheit könnten sie auch gleich meine Idee von vor 2 Jahren aufgreifen und das Altern abbilden lassen.)

Wenn man aber schon private und berufliche Präsenzen unterhält, böte es sich für manche Fälle ja auch an, komplett unterschiedliche Identitäten zu nutzen und dies auch konsequent zu tun. In Großbritannien ist dies beispielsweise legal möglich und auch gar nicht teuer. Wie ich hier via Nerdcore gelernt habe, bietet/bot Heath Bunting vom so genannten Identity Bureau eine neue Identität mit allem drum und dran für nur 500 Euro an:

One day Heath Bunting realized that in the UK it is legal to have several identities, if they are not for criminal purposes. He set up an ‚Identity Bureau‘ to allow ordinary people to buy new, official and legal UK identities at reasonable cost (500 euros.) It might start with something as banal as a supermarket loyalty card and from there, a new identity builds up that gets more and more coherent. The identity is based both on intangible and tangible materials. Bunting hands the ready-to-use identity inside a suitcase where the buyer can find supermarket loyalty cards, transportation cards, a mobile phone number, letters sent by governmental departments to an address in the UK, etc. The identity also exists in a less tangible way as the new person is inserted inside a web of shopping, library or transportation cards, bills, government correspondence, and other „personal“ data. The person also belongs to a network made of other people, organizations, and institutions. The new identity allows you to have a bank account, free health care and a social security number in the country.

(Video, 5 min.)

Weiter gedacht: Man kauft sich für 500 Euro eine Zweitidentität, engagiert einen Social-Media-Ghostwriter und lässt sich ähnlich wie bei World of Warcraft und anderen Internet-Rollenspielen quasi via Gold farming seine Zweitidentität „aufleveln“, bevor man sie dann übernimmt:

Gold farming is playing a massively multiplayer online game to acquire in-game ‚virtual‘ currency which is then sold to other players. People in China and in other developing nations have held full-time employment as gold farmers.

So kann man – das notwendige Kleingeld vorausgesetzt – ganz unterschiedliche Leben leben und muss sie nicht erst mühevoll von Null an aufbauen, sondern übernimmt die Identitäten bereits mit einer Historie und einem facettenreichen Social Graph. Das wäre doch ein attraktiver Entertainment-Zweig, in dem sehr reale Erlebniswelten geschaffen werden könnten – im „echten“ Leben. Wenn man Publikumsverlage als Erlebnis-Agenturen weiterdenkt, wäre das sogar ein sehr naheliegendes Betätigungsfeld für sie.

Bildquelle: Namensnennung Bestimmte Rechte vorbehalten von fotologic

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Wir schreiben im Netz jeden Tag unsere Autobiographie weiter und die guten Autoren unter uns sind authentisch

Was Thomas de Zengotita über ein Dilemma der Authentizität sagt, passt gut zu den Gedanken hier, dass eine große Chance darin liegt, das eigene Außenbild aktiv zu steuern.

Thomas de Zengotita describes the impossibility of being authentic in the sense that the concept was understood two generations ago. His book mediated addresses the effect of media on the identity of the self, always being represented through media, and in this quote he presents the paradox of authenticity that has evolved through that development. The idea of authenticity, he says, has to be recalibrated. It is no longer about being the self, but is now about becoming the self and being as honest and integer as possible about that process.

Video (4 min.):

via: Gerd Leonhard

OpenID kritisch beleuchtet

Neulich habe ich beschrieben, welch wichtige Rolle das Prinzip OpenID im künftigen Internet voraussichtlich spielen wird. Dazu passt, dass dieser Tage große Internet-Firmen wie Google und Microsoft OpenID-Provider geworden sind.

Zu OpenID gibt es aber auch berechtigte kritische Stimmen. Vor allem die heutige Ausgestaltung von OpenID-Verfahren ist aus Nutzersicht in vielen Punkten noch verbesserungswürdig. Letztlich befinden wir uns aber auch erst am Beginn einer wichtigen Entwicklung.

Die Hintergründe von OpenID gut beleuchtet hat vor ein paar Tagen Markus Spath von netzwertig:
> OpenID: Auch Microsoft wird Provider, aber nicht Consumer

Kritische Stimmen sind natürlich nicht neu. Beim Elektrischen Reporter bspw. wurden Online-Identitätssysteme schon vor längerer Zeit sehr differenziert betrachtet:
> Dick Hardt über die Vorteile von Online-Identitätssystemen
> Ralf Bendrath über die Risiken von Online-Identitätssystemen

Trends im Social Web

Jedem, der sich für die aktuellen Entwicklungen im Internet interessiert, kann ich TheSocialWeb.tv sehr empfehlen. Dort wird in regelmäßigen Videobeiträgen darüber informiert, wie Online-Plattformen heute auf Basis gemeinsamer Standards immer stärker zusammenarbeiten, offene Schnittstellen anbieten und dem Nutzer zunehmend die Kontrolle über seine Daten lassen. Das Team um John McCrea, Joseph Smarr, David Recordon und Chris Messina tritt dabei in wechselnden Besetzungen auf und lädt auch gern weitere Gäste aus der Web-Szene ein.

In einem Vortrag bei Google I/O hat Joseph Smarr im Mai dieses Jahres die aktuellen Trends im Social Web sehr gut und verständlich zusammengefasst und auf den Punkt gebracht. Der Vortrag dauert eine Stunde, die zu investieren sich aber lohnt:

A number of emerging technologies will soon collectively enable an open social web in which users control their information and it can flow between multiple sites and services. OpenID, OAuth, microformats, OpenSocial, the Social Graph API, friends-list portability, and more will be discussed, as well as a coherent vision for how the pieces fit together and how developers can start taking advantage of them now.

Die Präsentation zum Vortrag kann hier heruntergeladen werden.

Besonders spannend ist, dass Joseph Smarr wirklich ein Gesamtbild entwirft, das zeigt, wohin sich das Social Web entwickeln könnte. Er verknüpft viele der Trends und Entwicklungen, von denen man täglich in der Blogosphäre liest. Eines seiner Kerncharts zeigt dabei auf, wie die Nutzung des Social Web künftig aussehen könnte. Demzufolge werden wir immer stärker Hilfsdienste nutzen, um uns im Internet zu bewegen. Konkret handelt es sich dabei um (1) Identity Providers, (2) Social Graph Providers und (3) Content Aggregators:

Doch was sind das nun für Dienste?

  1. Identity Providers sind bspw. Anbieter von OpenID. Eine erfolgreiche Plattform am Markt ist myOpenID. Mit deren Hilfe kann man sich schon heute bei vielen Seiten wie Plaxo oder blogoscoop anmelden. Der Social-Bookmarking-Dienst Ma.gnolia erlaubt sogar nur noch Neuanmeldungen über solche Dienste. Der Vorteil bei der ganzen Sache ist, dass man vor der Nutzung neuer Plattformen im Internet nicht jedes Mal wieder all seine Daten in ein Profil eingeben und immer wieder das eigene Nutzerbild hochladen muss. Dadurch sinkt der Aufwand erheblich, wenn man auf vielen verschiedenen Plattformen im Netz aktiv sein möchte.
  2. Social Graph Providers sind solche Anbieter wie bspw. Facebook, die dem Nutzer das umfassende Management der eigenen Kontakte und auch die Nutzung des eigenen Kontaktnetzwerks auf externen Seiten ermöglichen. So kann man heute bereits auf Plattformen wie The Insider oder in Deutschland seit kurzem bei amiando (von Mark Zuckerberg in München vorgestellt) auf seine Facebook-Daten zugreifen. Schließlich ist es überaus mühsam, auf jeder neuen Seite immer wieder sein Freundesnetzwerk aufbauen zu müssen. Zudem macht die Nutzung vieler Seiten erst Spaß, wenn man dies gemeinsam mit seinen Freunden tun kann.
  3. Ein bekannter Content Aggregator ist FriendFeed. Solche Dienste aggregieren den auf verschiedenen Social-Web-Plattformen erstellten Content und listen ihn auf einer Seite auf. Dadurch müssen die eigenen Freunde nicht all die Seiten aufsuchen, auf denen man Inhalte erstellt, um am eigenen virtuellen Leben teilhaben zu können.

In der Summe werden diese drei Arten von Online-Diensten sicherlich eine immer größere Rolle spielen und die heutige Web-Welt stark beeinflussen und verändern. Für Medienunternehmer haben sie daher eine große Bedeutung. Wer heute Web-Plattformen plant und umsetzt, sollte diese Trends kennen und berücksichtigen, um auch langfristig gut aufgestellt zu sein.

Um nur eine Konsequenz zu nennen: Wenn Internetnutzer auf jeder beliebigen Web-Plattform mit wenigen Klicks ihren gesamten Social Graph importieren können, verlieren die Netzwerkeffekte heutiger Art ein Gutteil ihrer Bedeutung. Dadurch werden auch große und bekannte Angebote nicht mehr dagegen gefeit sein, schnell Nutzer an neue Wettbewerber zu verlieren. Der Erfolg im Social Web wird also künftig umso stärker von der Produktqualität und dem Marketing abhängen.