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Interview: Journalist und TV-Moderator Richard Gutjahr über seine Vermarktungs-Erfahrungen als Blogger

Wer sind Sie und was machen Sie?

Mein Name ist Richard Gutjahr. Ich bin seit über 15 Jahren Journalist, habe u.a. für die Süddeutsche Zeitung gearbeitet, für Bayern 3 sowie für die Talkshow „Live aus dem Alabama“. Ich bin freier Mitarbeiter beim Bayerischen Fernsehen, moderiere die Spätnachrichten. 2009 habe ich begonnen zu bloggen, um mir ein zweites Standbein aufzubauen. Am Anfang war das nur ein Hobby. Mittlerweile könnte ich sogar fast schon davon leben.

Lässt sich Ihr Erfolg in Zahlen ausdrücken?

Im letzten Jahr hatte ich eine Million Pageviews. Das ist eine Menge dafür, dass ich die Seite ja nur in meiner Freizeit betreibe. Aber die Masse allein ist für mich nicht entscheidend. Als ich mit dem Bloggen angefangen habe, war mein Ziel, dass sich die Seite irgendwann selbst trägt. Heute dient mir das Blog als Plattform, um im Netz gefunden zu werden, um Teil der Konversation zu sein. Das ist Voraussetzung dafür, um mit dem Publikum ins Gespräch zu kommen, und natürlich auch dafür, um neue Aufträge zu generieren. Allein im letzten Jahr habe ich zwei Buchangebote bekommen. Ohne mein Blog undenkbar.

Stichwort Vermarktung: Wo sehen Sie die wichtigen Ursachen für Ihren Erfolg?

Schwer zu sagen. Ein Punkt ist sicher, dass ich Dinge gerne ausprobiere. Ein Beispiel: Als die Hartz-Gesetze eingeführt wurden, wurde viel in den Medien theoretisiert, was das wohl für Arbeitslose bedeutet. Mir war das alles zu abstrakt. Darum habe ich meinen Chef gebeten, mich zu feuern. Einen Monat habe ich Jobcenter besucht, Mini- oder 1-Euro-Jobs gemacht. Danach wusste ich mehr über das Thema, als die meisten Experten. Wichtiger noch: Ich komme in Kontakt mit echten Menschen, Betroffene wie auch Publikum, die mir laufend Fragen stellen können. Ein unschätzbarer Vorteil gegenüber vielen meiner Kollegen, die ein Thema googeln und das dann Recherche nennen.

Welche konkreten Vermarktungsmaßnahmen waren besonders erfolgreich und warum?

Für mich und mein Blog sind zwei Dinge entscheidend: Die Nähe zu meinen Lesern sowie gute Themen. Ich achte darauf, dass ich regelmäßig exklusive, selbst recherchierte Geschichten biete, die sich vom allgemeinen Medien-Mainstream abheben. Ob das der Blogpost zu den unerhörten Geschäftsbedingungen des ePostbriefs der Deutschen Post war oder die Story um die gefälschten WeTab-Kundenrezensionen bei Amazon. Wenn die Geschichte stimmt, läuft die Vermarktung ganz von allein. Ein Tweet, ein Kommentar bei Facebook, und die Sache kommt ins Rollen.

Welche konkrete Vermarktungsmaßnahme hat wider Erwarten gefloppt und warum?

Videos sind zur Zeit noch ein mühsames Geschäft. Wenn man nicht diszipliniert ist und nicht jede Woche was Neues bietet, baut man nicht genug Traffic auf. Das habe ich unterschätzt. Gleichwohl glaube ich daran, dass Bewegtbild die Zukunft gehört. Deshalb bleibe ich dran und investiere fast meine gesamten Blog-Einnahmen in eine neue Kameraausrüstung. Wenn Apple-, Google- oder ein anderes Netz-TV kommt, will ich bereit sein.

Was machen Sie selbst und was erledigen andere für Sie?

Meine WordPress-Seite hat Thomas Pfeiffer von den Webevangelisten programmiert. Ich bin kein Coder, was ich sehr bedauere. Abgesehen davon bemühe ich mich aber sonst, alle Inhalte selbst zu gestalten, also Audios, Videos, Schaubilder, solche Sachen. Beim Fernsehen bin ich es gewohnt, in einem großen Team aus Kameraleuten, Cuttern und Grafikern zu arbeiten. Im Web genieße ich die Unmittelbarkeit und auch das „Handgemachte“, was nicht immer perfekt sein muss, dafür aber authentisch ist.

Was würde Ihnen bei der Vermarktung noch helfen, d.h., was ist ein typisches Problem?

Die Frequenz. Ich würde mein Blog gerne häufiger aktualisieren, würde gern mehr Videos und mehr investigative Geschichten anbieten. Leider komme ich nicht dazu. Mein Blog hat auch dazu geführt, dass ich in E-Mails schwimme: Interview-Wünsche für Masterarbeiten, Anfragen für Diskussionsrunden oder Firmen, die wollen, dass ich über ihre Produkte blogge. Ich bemühe mich, allen so gut es geht zu antworten, aber das kostet Zeit, die mir woanders dann natürlich fehlt.

Welchen Vermarktungsansatz würden Sie wählen, wenn Sie heute neu starten würden?

Mein Motto würde lauten: Tue Gutes und rede darüber. Niemals umgekehrt. Aus meiner Fernsehmentalität heraus kommend habe ich gedacht, die Tatsache, dass ich blogge, würde schon allein reichen, dass die Menschen mich finden und regelmäßig zu mir kämen. Ein Irrtum. Das Netz funktioniert so nicht. Wenn Du eine gute Geschichte hast, ist es egal, ob Du Tagesschau oder Max Mustermann bist. Die Leute werden Dich finden. Umgekehrt: Wenn Du nichts zu bieten hast, hilft Dir auch kein Markenname und auch keine Marketing-Kampagne.

Welcher andere Kreative – den vielleicht noch nicht jeder kennt – fällt Ihnen ein, der in der Vermarktung Vorbildhaftes leistet?

Da gibt es unendlich viele. Wer mir in letzter Zeit besonders aufgefallen ist, ist .aequitaS, ein unglaublich talentierter Musiker, den ich bislang nur von YouTube kannte und den ich zum ersten Mal live beim Webvideopreis in Düsseldorf gesehen habe. Mit seinem Blog und seinen Videos erreicht er Hundertausende – ganz ohne Plattenfirma und Management. Solche Menschen inspirieren mich.

Wo finden wir Sie im Internet?

gutjahr.biz
twitter.com/gutjahr
facebook.com/gutjahr
facebook.com/richardgutjahr

Vielen Dank für Ihre Zeit!

Bildquelle: Mathias Vietmeier

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weitere Interviews mit Kreativen über ihre Vermarktungs-Erfahrungen
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Online-Journalist darf sich über Künstlersozialkasse (KSK) versichern

Interessanter Fall und interessante Begründung:

Die Künstlersozialkasse – kurz KSK genannt – bietet selbständigen Künstlern und Publizisten viele Vorteile. Es gibt zum Beispiel die Möglichkeit, eine günstige Kranken- und Pflegeversicherung abzuschließen, auch eine eigene Altersvorsorge wird seitens der KSK angeboten. Die Beiträge werden nur zu einem geringen Teil [ca. 50 %, siehe Kommentare] von den Versicherten selbst übernommen. Den überwiegenden Part der Finanzierung übernehmen die Auftraggeber sowie der Bund. Dadurch ist die finanzielle Belastung für den einzelnen Künstler meist recht überschaubar und dementsprechend groß ist das Interesse, bei der KSK versichert zu sein. Ob auch Journalisten aus dem Online-Bereich die KSK in Anspruch nehmen können, zeigt dieser Podcast.

Online-Journalist darf sich über Künstlersozialkasse (KSK) versichern

Marketing-Interview: Ulrike Langer, freie Journalistin

Die Interview-Reihe „Ich mach was mit Marketing“ soll dazu dienen zu zeigen, wie interessante Menschen in interessanten Märkten die (z.T. neuen) Möglichkeiten des Marketings für sich und ihr Unternehmen nutzen. Wer Lust hat, auch ein Interview beizusteuern, kann mich einfach kontaktieren oder mir direkt die Antworten und ein Foto von sich zusenden. (Jedoch behalte ich mir vor, nicht alle Zusendungen zu veröffentlichen.) Die bisherigen Interviews finden Sie hier.

Heute stellt sich Ulrike Langer vor:

Wer sind Sie und „was machen Sie mit Marketing“?

Ich bin freie Journalistin ohne Pauschalvertrag mit einem Medienunternehmen. Ich muss also jeden einzelnen Beitrag vermarkten, den ich einer Redaktion anbiete. Und zwar unter den Aspekten: Was ist interessant an diesem Thema? Was ist der Aufhänger, der aktuelle Anlass? Für welches Magazin könnte das interessant sein? Wer hat eventuell sonst noch etwas drüber geschrieben? Welchen Aufwand kann ich in die Recherche investieren, damit es sich wirtschafltich für mich lohnt?

Was ist das Besondere an Ihrem Markt/Ihrer Zielgruppe?

Es ist ein Markt, der sich momentan rasant und radikal verändert. Das Internet, vor allem sozialen Netzwerke wie Facebook, Twitter und neuerdings Google+, kollaborative Plattformen wie Wikipedia oder Guttenplag, oder mobile Applikationen stellen, wie wir Medien nutzen, radikal auf den Kopf. Viele Journalisten sehen in der digitalen Medienrevolution vor allem eine Bedrohung ihre Berufsstandes. Journalisten sind keine Gatekeeper der Nachrichten mehr und sie müssen heute viel mehr als früher mit den Nutzern kommunizieren. Ich gehöre zu denen, die in der Veränderung vor allem die Marktchancen sehen. Freie Journalisten haben es heute leichter als früher, sich unabhängig von etablierten Medienhäusern selbst einen Namen zu machen. Wir sind eine sich neu entwickelnde Spezies ganz freier Journalisten, wir sind Unternehmerjournalisten.

Was ist das Besondere an Ihren Marketing-Aktivitäten?

Sie kosten nichts. Ich nutze vor allem mein Blog, Twitter, Facebook und zunehmend auch Google+, um auf meine Themen, meine Recherchen und meine Interessen aufmerksam zu machen. Mein Blog ist meine geistige Heimat im Netz, auf der ich Themen ausführlicher präsentiere. Der Austausch mit anderen Nutzern findet zunehmend in den sozialen Netzwerken statt, was natürlich die unmittelbare Vermarktbarkeit schmälert, wenn weniger Besucher auf das Blog kommen. Das finde ich allerdings nicht weiter schlimm, weil ich auch nie erwartet habe, mit dem Blog selbst nennenswert Geld zu verdienen. Die Gesamteinnahmen durch Mikrospenden (Flattr, Kachingle), Google Adsense und gelegentliche Affiliate-Links (Amazon) liegen bei mir in den meisten Monaten unter 100 Euro.

Entscheidend ist ein anderer Punkt: Mein Blog ist ein Marketinghebel für gut bezahlte Aufträge. Durch das Bloggen (und Twittern und Facebooken) sind meine Bekanntheit im Netz und mein Marktwert gestiegen. Ich kann höhere Honorare und Tagessätze verlangen als früher, bzw. mit besserem Gefühl als früher leisten, unrentable oder zu uninteressante Aufträge abzulehnen. Ich halte mittlerweile auch Vorträge, diskutiere auf Podien und halte Workshops. Das bedingt allerdings zwingend eine Themenspezialisierung. Man muss ein Alleinstellungsmerkmal haben.

Ich halte viel von der Freemium-Theorie des „Wired“-Chefredakteurs Chris Anderson: Kostenlose kleinere Inhalte an eine breite Zielgruppe verschenken, um aus dieser Zielgruppe zahlende Kunden für Premiumangebote zu gewinnen. Deshalb stelle ich jedesmal, wenn meine Vortrags- und Seminarfolien nennenswert neue Inhalte haben, die kompletten Folien zum Download bei Slideshare ein und bette sie in mein Blog ein, ich „verschenke“ sie also. Und häufig melden sich daraufhin zahlende Kunden mit neuen Anfragen für Vorträge oder Workshops.

Wie messen Sie Erfolg?

An meiner persönlichen und beruflichen Zufriedenheit. Vor drei Jahren, als ich noch als klassische freie Journalistin gearbeitet habe, ohne die sozialen Netzwerke selbst aktiv zu nutzen – ich war damals eine Karteileiche bei Xing und LinkedIn und bei Facebook rein privat unterwegs – hatte ich oft das Gefühl, in einer Tretmühle zu stecken, die nicht von mir betrieben wird. Seit ich mich stärker spzialisiert habe und mein Spezialwissen besser vermarke, ist dieses Gefühl verschwunden. Ich kann wesentlich autonomer und selbstbewusster entscheiden, was ich wirklich will. Mitte Juli habe ich sogar einen langgehegten Wunsch erfüllt und bin mit meiner Familie als freie Journalistin nach Seattle gezogen, um in meiner Traumstadt zu leben und zu arbeiten. Dieser Schritt ist sicherlich nicht ohne berufliches Risiko, aber ich bin zuversichtlich, dass es der richtige Schritt ist.

Welche Ihrer Marketing-Maßnahmen der jüngsten Zeit war besonders erfolgreich oder interessant?

Auf jeden Fall das Buchprojekt „Universalcode„, dessen Entstehung und Vermarktung allerdings in erster Linie auf dem unermüdlichen Einsatz von Christian Jakubetz beruhen. Gemeinsam mit ihm und Ralf Hohlfeld bin ich Co-Herausgeberin und Autorin mehrerer Kapitel. Es ist ein Lehrbuch über den neuen Journalismus in digitalen Zeiten. Das Ungewöhnliche daran ist, dass wir nicht einen Cent für Marketingmaßnahmen ausgegeben haben.  Und obwohl wir zur Zeit mangels Einnahmen kein Autorenhonorar auszahlen können, war schon wenige Wochen nach dem ersten Brainstorming auf dem Blog von Christian Jakubetz fast das gesamte Autorenteam komplett. Die meisten Autoren haben sich selbst bei uns gemeldet und wollten ehrenamtlich über ein Thema schreiben, das sie fasziniert. Die Autoren haben dann auch wie echte Evangelisten im sozialen Netz leidenschaftliches Marketing für das Buch betrieben. Das hat sich einfach herumgesprochen, per Mundpropaganda, wobei der kollaborative und transparente Entstehungsprozess des Buches ebenso Thema war wie der Inhalt des Buches, der offensichtlich eine Marktlücke füllt.

Sehr schnell meldete sich dann auch Marion Schwehr mit ihrer Crowdfunding-Buchplattform Euryclia mit sehr fairen Konditionen bei uns. Auf dieser Verlagsplattform können Interessenten zum Subskriptionspreis Bücher vorbestellen, die erst noch produziert werden sollen. Euryclia hat natürlich auch eine Menge zur Vermarktung des noch unfertigen Buchs beigetragen, zum Beispiel mit Leseproben im Netz und einem Vermarktungswidget, dass man in Blogs einbinden kann. Für diese Idee hat Euryclia mit dem Referenzprojekt „Universalcode“ den Virenschleuderpreis erhalten. Inzwischen gibt es fast 900 verbindliche Vorbestellungen, was für ein Sachbuch, das noch nicht einmal auf dem Markt ist, enorm viel ist. Im Spätsommer wird „Universalcode“ in Buchform und als E-Book erscheinen, eine Webseite ist noch in der Entwicklungsphase.

Wie sieht ein typischer Tag bei Ihnen aus?

Den typischen Tag gibt es gar nicht. Ich arbeite normalerweise zuhause im Dachbüro, war in den letzten zwölf Monaten aber auch extrem viel auf Reisen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Jetzt, wo ich in Seattle wohne, muss ich die Vortrags- und Seminartermine natürlich bündeln, damit sich die weiten Reisen nach Europa lohnen. Das plane ich zur Zeit drei- bis viermal im Jahr für zwei bis drei Wochen ein. Meine Arbeit in meiner neuen Heimat – wieder im heimischen Dachbüro – hat sich kaum verändert, außer, dass ich hier noch daran arbeite, ein neues Kontaktnetzwerk zu knüpfen. Dadurch, dass ich im Netz über Netzthemen recherchiere und publiziere, kann ich eigentlich an jedem Ort der Welt arbeiten. Hauptsache, es gibt schnelles WLAN und gute Flugverbindungen. Allerdings kommt es mir sehr entgegen, dass ich ein Frühaufstehertyp bin, denn wenn ich gegen 7 Uhr, meistens nach einem Lauf am Strand, am Schreibtisch sitze, ist es in Deutschland immerhin schon 16 Uhr. So bleiben wenigstens ein paar Stunden für Skype-Telefonate oder das Echtzeitnetz, bevor sich ein großer Teil meiner Twitter-Timeline schon wieder für den Tag verabschiedet.

Wo finden wir Sie im Internet?

Unter anderem hier:

Danke!

Bildquelle: Ulrike Langer

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