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Kurzdoku: Arbeiten im Wunderland

Diese Kurzdoku „Wonderland“ gibt einen schönen kleinen Einblick in das Wesen der Arbeit von Künstlern und Kreativen. Sehr deutlich wird die Querfinanzierung der eigentlichen kreativen Herzensprojekte über kommerzielle Auftragsproduktionen. In diesem Sinne sind sie die eigentlichen Verleger, welche die Voraussetzungen schaffen, um bestmöglich ins Risiko zu gehen und Neues und Unsicheres entstehen zu lassen, das deshalb (im Glücksfall) wirkt, weil es kein berechenbares und erprobtes Muster bedient.

(Video, 15 min.)

via swissmiss

Die FTD skizziert die wirtschaftlichen Unternehmungen des Musikers/Produzenten will.i.am

50 Cent empfiehlt Künstlern, nicht nur von der Kunst leben zu wollen, sondern sich nebenher andere Geschäfte aufzubauen:

Und für alle, die sich nebenher etwas aufgebaut haben, hat es sich irgendwann ausgezahlt. Hip-Hop bedeutete einmal: Wenn du ein Künstler sein willst, sei ein Künstler, nichts anderes. Diese Leute sind heute alle komplett pleite, raus aus dem Spiel, du kannst sie vergessen.

Ein Paradebeispiel dafür ist will.i.am und dieser FTD-Artikel gibt einen interessanten und umfangreicheren Einblick in seine Tätigkeiten neben der Musik:

Vermarktungsgenie Will.i.am: Millionen für Melodien

Interessant ist u.a., wie er einen Super-Bowl-Auftritt listig für eigene Werbezwecke genutzt hat und wie er allgemein sehr zielgerichtet und methodisch vorgeht und sich nicht damit begnügt, seinen Namen für irgendwelche Produkte herzugeben.

Dass sich Musik und Wirtschaft gegenseitig bereichern können, davon ist er seit Jahren überzeugt. „Dank meiner Musik kann ich durch die Welt reisen und verschiedene Kulturen kennenlernen“, sagt er, während er eine Handvoll Nüsse knabbert. „Diese Erkenntnisse nutze ich dann für meine Songs und fürs Geschäftsleben. Ließe ich den Teil mit der Musik weg, würde ich schnell zu einem dieser Anzugtypen, die ich für ineffektiv halte.“

Typischer Fall: Otto Waalkes lehnt für Nachwuchs-Künstler die Art Inhalte-Nutzung ab, die ihn mit groß gemacht hat

Otto Waalkes scheint als Künstler ein typischer Fall zu sein: Er war früher selbst gewissermaßen Pirat und hat es mit dem Urheberrecht nicht so genau genommen, wie er im FAZ-Interview zugibt. Heute sieht er die Risiken, die daraus folgen, wenn es jeder so machte wie er damals, was aufgrund der neuen technischen Rahmenbedingungen ja möglich ist. Deshalb scheint er für die Nachwuchs-Künstler das abzulehnen, was ihn mit groß gemacht hat. Zugleich sorgt er sich aber um deren Förderung:

(…)
FAZ: Ihre Meinung zur Piratenpartei?

Waalkes: Die Filmpiraten in „Ice Age“ sind mir lieber. Ich bin aber kein Urheberrechtsexperte und habe zu einer Zeit angefangen, als man mehr als lax mit dem Eigentumsbegriff umgegangen ist, mit dem geistigen sowieso.

FAZ: So ist ja Ihre Kooperation mit Gernhardt entstanden: Sie haben ohne Genehmigung einen Text von ihm auf der Bühne vorgetragen, worauf er sich bei Ihnen meldete.

Waalkes: Ja, in dem Sinne war ich eigentlich ein früher Pirat. Gefahren sehe ich heute natürlich darin, dass der Zugriff so vereinfacht ist. Das mindert das Unrechtsbewusstsein und kann den unschönen Nebeneffekt haben, dass Talente nicht mehr gefördert werden. Mir wird ja gern vorgeworfen: Du machst nur Blödsinn. Das stimmt, aber Nonsens ist kein reiner Schwachsinn, es ist ein verweigerter Sinn. Der Betrachter wird in ein scheinbar stabiles Sinngebäude gelockt – und dann lassen wir ihn voll gegen die Wand laufen. Das kostet schon eine gewisse Mühe.
(…)

Man sollte jetzt aus einer Interview-Antwort nicht zu viel ableiten wollen. Ich glaube aber, dass die Tendenz, die hier anklingt, ziemlich typisch ist: Viele Künstler scheinen recht ratlos zu sein. Das Urheberrechts-Dilemma wird zwar erkannt, nicht aber Auswege aus dem Dilemma. Daher wird im Zweifel eher auf die strikte Durchsetzung des bestehenden Urheberrechts gesetzt, allein schon um die eigenen Einkünfte zu sichern, was sehr verständlich ist. Ich unterstelle aber auch mal, dass vielen Künstler nicht immer komplett bewusst ist, was die konsequente Durchsetzung des bestehenden Urheberrechts in der heutigen Internet-Zeit an Restriktionen bedeuten würde. Leider kommt in Deutschland von den etablierten Künstlern auch wenig Input, was neue Geschäftsmodell-Ansätze betrifft. Die Ratlosigkeit scheint doch zu überwiegen.

Wenn man sich dann überlegt, dass Leute wie Otto Waalkes als Medien-Profis das Feld schon nicht so recht überblicken und dies auch ohne Image-Verlust zugeben können („bin aber kein Urheberrechtsexperte“), finde ich es umso gewagter, dass heute Lieschen Müller und Otto Normalverbraucher als Internet-Nutzer zu Urheberrechtsexperten mutieren sollen …

Spiegel-Online-Reihe: Wie und wovon Urheber und Medienleute leben

Seit einigen Jahren erscheinen bei Spiegel Online immer wieder mal interessante Beiträge von Künstlern und Medienleuten, in denen diese ihre Berufstätigkeit aus wirtschaftlicher Sicht beschreiben:

Cory Doctorow unterstreicht die Vorzüge des Buchmarktes aus Künstler-Perspektive

In seiner Kolumne bei Publishers Weekly schreibt Cory Doctorow im Piraterie-Kontext:

Record labels, movie studios, and, yes, publishers, too, are commonly viewed as rapacious scoundrels that prey on artists, exploit a stranglehold on distribution, and force content owners into abusive contractual relationships.

But trade publishing is different, especially when it comes to fiction. Unlike musicians, we novelists give limited licenses to our publishers, licenses that we can terminate if the publisher doesn’t actually get our creations into retail channels. If a song isn’t available for download, it’s often the case that some record company owns the rights and can’t be bothered to do anything with it. If you can’t get a book it’s usually because no one wants to publish it, not because some faceless corporate bean-counter has decided to sit on the rights.

And unlike musicians, authors are not commonly charged for production expenses. A recording contract typically requires musicians to sell enough to pay for all the production, publicity, and marketing before they see a penny in royalties. In publishing, the publisher pays these expenses out of its pocket, and the author isn’t expected to pay it back.

Finally, authors’ advances are (usually) only charged to their current books, or sometimes across a single deal. Unlike musicians, who are often required to pay back shortfalls from their last project before they can start earning on their latest one, authors’ balance sheets are zeroed out with each new book. If your last book tanks, your next book usually doesn’t have to pay back its advance. Publishing doesn’t do debt slavery.

Doctorows Fazit: Verlage sollten ihre im Vergleich zum Musik- und Filmmarkt positiven Leistungen stärker herausstreichen und sich als echte Partner der Autoren und damit wiederum gegenüber den Endkunden als unterstützenswert darstellen. Das helfe beim Kampf gegen die Piraterie, weil viele Kunden dann aus Überzeugung kauften.

Dazu passt, was Juli Zeh und Ilija Trojanow über den deutschen Markt sagen: … weil Literaturverlage eher idealistisch als gewinnmaximierend eingestellt sind und ihre Autoren in der Regel nicht ausbeuten, sondern angemessen beteiligen.

Kompletten Beitrag von Cory Doctorow lesen: With a Little Help: Publishing’s Virtue

via: Boing Boing