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Ein Versuch, „das Prinzip Buch“ zu verstehen

Vor ein paar Tagen habe ich hier im Blog kurz auf das neue Logo des Buchbranchen-Verbands Börsenverein des Deutschen Buchhandels hingewiesen. Dieses ist Teil eines neuen und durchaus ansprechenden Corporate Designs des Verbandes. Gleich nach Erscheinen des Beitrags bekam ich entsprechendes Informationsmaterial zugeschickt, was ich prima finde.

Beim Börsenverein steht zu lesen: Ein Gedanke, eine Zukunft, ein Logo: Die Börsenvereinsgruppe wächst zusammen. Sichtbar wird diese Entwicklung in der neuen gemeinsamen Bildmarke. Aus der klassischen Buchform wird ein Symbol für das Prinzip Buch. Es abstrahiert und visualisiert, dass Inhalte in vielen Erscheinungsformen angeboten werden – als Print-Bücher, E-Books, Hörbücher oder für mobile Endgeräte. Das neue Corporate Design bildet damit ein Dach – für die Börsenvereinsgruppe und die moderne Buchbranche.

Es soll sich also um ein „Symbol für das Prinzip Buch“ handeln, das ausdrücklich Hörbücher mit umfassen soll. Was aber ist „das Prinzip Buch“? Gehört davon habe ich zum ersten Mal irgendwann 2010. Jetzt aber scheint der Begriff die offizielle Sprachregelung zu sein. Zumindest findet er sich allerorten und selbst der Börsenvereins-Vorsteher Prof. Dr. Gottfried Honnefelder, der mir bisher nicht als Verfechter des Digitalen aufgefallen ist, sondern auch auf der Eröffnung der Leipziger Buchmesse 2011 eher wieder als Vorkämpfer der Anpassung des Internets an die Wünsche der Buchbranche, sprach in seinem Vortrag vom „Prinzip Buch“, obwohl das eine Entfernung vom gedruckten Buch bedeutet.

Was aber soll nun „das Prinzip Buch“ sein? Alexander Skipis, Börsenverein-Hauptgeschäftsführer, formuliert es in den neuen Börsenvereins-Unterlagen wie folgt:

Gerade die traditionellen Eigenschaften des Buches machen es zu dem überlegenen Medium für die Aneignung von Langtexten. Als solches wird es in der wachsenden Vielfalt der Medien zunehmend geschätzt und nachgefragt sein. Das „Prinzip Buch“ – damit meine ich das Bedürfnis nach längeren, vertiefenden, nachhaltigen, zuverlässigen, relevanten Texten: Dieses Prinzip hängt nicht an der Frage analog oder digital. Sondern es ist die perfekte Antwort auf ein Bedürfnis des Lesers, der, selbst wenn er auf einem Monitor im Buch läse, auch als User ein Leser bliebe. Das scheint eine anthropologische Konstante zu sein.

Damit scheint die brancheninterne Definition des „Prinzips Buch“ ziemlich nah an dem zu sein, wie man in der Buchwissenschaft „Buchformen“ definiert:

Buchformen, vom Trägermaterial und der Art seiner Weiterverarbeitung abhängige physische Form der Speicherung längerer zusammenhängender Texte oder mehrerer Texteinheiten, die auch illustriert sein können. Die Geschichte der B. zeigt zwar, dass phasenweise mehrere B. nebeneinander Bestand haben und verwendet werden können (z.B. Codex und Buchrolle, Handschrift und Druck); in aller Regel jedoch löst die auf innovativen Technologien basierende B. mittel- und langfristig die Vorgängerform ab. [Quelle: Ursula Rautenberg (Hrsg.): Reclams Sachlexikon des Buches. Reclam, Stuttgart 2003]

Wie aber passt es dann zusammen, dass es einerseits primär um Texte gehen soll und auf der anderen Seite Hörbücher einbezogen werden? Ist es wirklich eine „anthropologische Konstante“, dass die Leute vor allem lesen wollen? Wenn es primär um Texte geht, warum werden dann multimedial „enhanced“ E-Books als heißes Zukunftsprodukt diskutiert? Noch dazu lesen wir Folgendes auf der Website von Frankfurt SPARKS, der digitalen Initiative der Frankfurter Buchmesse, die wiederum ein Tochterunternehmen des Börsenvereins ist:

„Enhanced Books“, „Enriched Media“, Multichannel-Metadaten, digitale Whiteboards – nicht jede Form von Content passt zwischen zwei Buchdeckel. Neue Geschäftsmodelle verwandeln die Verlagswelt in eine Content Landschaft, die alle Medien umfasst. Dies geschieht einerseits durch neue Technologien. Gleichermaßen ist es jedoch die Story, die den Erfolg eines Produktes ausmacht.

Meinem Eindruck nach steht Frankfurt SPARKS von der Idee her dem viel näher, was die Zukunft von Inhalte-Branchen ausmachen wird. Hätte man daher nicht parallel zum neuen Corporate Design auch ein entsprechendes und wirklich neues Corporate Wording entwickeln können, das noch einen Schritt weiter geht und nicht beim text-orientierten „Prinzip Buch“ stehen bleibt? Vielleicht bin ich ja nicht der Einzige, der da einen Widerspruch vermutet. Ich jedenfalls empfinde es als verlorene Chance. Vielleicht hätte man diese für das Selbstverständnis einer Branche elementare Frage auch nicht primär Börsenvereins-intern, sondern breiter in der Branche diskutieren sollen.

Jedenfalls trifft es Frankfurt SPARKS aus meiner Sicht recht genau: es geht am Ende nicht um die Inhalte-Form, sondern um die Story. Das wiederum heißt, dass es um das Nutzerinteresse geht. Damit greift Frankfurt SPARKS eine Tendenz auf, die seit Jahren überall zu sehen ist. Der Kunde wird wieder stärker in den Mittelpunkt gerückt. Viele Verlage sehen sich doch inzwischen eher als Problemlöser – mit welchen Mitteln auch immer sie sie lösen. Fachverlage wie die Haufe Mediengruppe haben sich schon lange stärker zielgruppenorientiert und weniger produktorientiert aufgestellt.

Wenn es aber künftig um alle Medienformen geht, mit deren Hilfe es Kundenprobleme zu lösen gilt, wenn also die technologischen Umfeldbedingungen den (Buch-)Markt nicht mehr wie früher selbstverständlich abgrenzen, was macht dann künftig noch die Branche und konkret den Börsenverein aus? Kann er alles abdecken – langfristig also auch Games, Musik, Film, Software, …? Kann er das besser als andere Verbände aus diesen Bereichen? Oder sollten sich nicht ebenfalls Verbände wie die Unternehmen auch stärker an Zielgruppen und deren Bedürfnissen ausrichten?

Ich habe bestimmt nicht Antworten auf alle Fragen parat und vielleicht ist auch nicht jede Frage zu Ende gedacht. Ich fände allerdings eine entsprechende Diskussion spannender als die Vorgabe einer Bezeichnung wie „das Prinzip Buch“, deren ganz konkrete Bedeutung meinem Eindruck nach die wenigsten verstanden haben …