Schlagwort: privatsphäre

Mein Wort zum Sonntag ;)

Viele Bedenken der Internet-Skeptiker kann ich letztlich gut nachempfinden. Wenn ich mir überlege, wie stark sich mein Privatsphäre-Empfinden in den letzten 5 Jahren nur dadurch gewandelt hat, dass ich blogge und sehr aktiv im Netz und mobil unterwegs bin. Was nicht heißt, dass ich heute alles frei gebe, sondern dass ich die Außenwahrnehmung versuche bewusst zu steuern, was ein besserer Selbstschutz ist als die reine Entsagung, die ja zum einen gar nicht schützt und zum anderen aber auch viele Vorteile des Netzes verhindert. Gerade diese Gestaltungsmöglichkeit bleibt aber abstrakt, wenn die eigene praktische Erfahrung fehlt. Man müsste die Grund-Scheu weiter abbauen. Daher ist es bedauerlich, dass in Deutschland Risiken immer überbetont und von den Massenmedien in den Mittelpunkt gerückt werden, nur weil sie ein Geschäftsmodell-Problem mit dem Internet haben. Es bräuchte mehr positive Vorbilder.

Marilyn Manson schützt seine Privatsphäre, indem er Paparazzo-Fotos von sich gezielt entwertet

2010 fand ich den Ansatz von Ashton Kutcher spannend, der sich z.T. gezielt entblößt, um seine Privatsphäre vor Paparazzi zu schützen: Schaffung eines Überangebotes von Bildern der eigenen Person, um so die Preise und damit die Attraktivität des Auflauerns zu senken.

Jetzt bin ich auf einen Beitrag gestoßen, in dem es heißt, Marilyn Manson schreibe Schimpfwörter auf sein Gesicht, bevor er öffentliche Plätze wie Flughäfen betritt, um so die Fotos der wartenden Paparazzi gezielt zu entwerten. Clever und marktnah gedacht.

I just went through the LAX security line with Marilyn Manson. He had „FUCK“ scrawled in large letters across the bottom half of his face, with what appeared to be a grease pencil. As we each removed our boots in the security line, he kindly explained that it was not directed at me or anyone else in the airport, but rather at the paparazzi, so that they couldn’t sell any photos of him that they took. He was really apologetic about it, and covered his mouth around young children while apologizing to their parents for exposing their child to profanity.

UPDATE: Der Trick klappt offensichtlich nur bei den US-Medien:

Wir opfern weite Teile unserer Privatsphäre freiwillig und aus rationalen Gründen

Überall wird über die zunehmende Bedeutung von Reputation gesprochen. Diese soll beschreiben helfen, wie sich jemand oder etwas in der Zukunft wahrscheinlich verhalten wird. Letztlich ist die Einschätzung der Reputation ein Informationsersatz für die wirkliche Qualität, die Außenstehende kaum je zutreffend bewerten können.

So eine Art Abschätzung des Verhaltens im Voraus kann aber nur gelingen, wenn Informationen aus der Vergangenheit vorliegen. Fehlen diese, kann das schnell reputationsmindernd wirken. Das ist beispielsweise der Fall, wenn Personaler die Namen von Bewerbern googlen und nichts finden. Dann haben sie zwar nichts Negatives in der Hand. Allein schon das Fehlen von Positivem wirkt aber verdächtig. Dieses kleine Beispiel zeigt, dass – gleiche Qualität vorausgesetzt – derjenige in Reputationsfragen im Vorteil ist, der Informationen von/über sich preisgibt.

Diesen schlichten Gedanken finde ich wichtig, wenn wir über die Privatsphäre und den Datenschutz reden. Meistens wird bei diesbezüglichen Diskussionen suggeriert, dass irgendeine böse Macht – wahlweise mit den Namen Google, Facebook oder Apple – sich an uns heranpirscht und uns armen Unschuldigen unsere Daten klaut, um sie für ihre Machenschaften zu missbrauchen, ohne dass wir uns wehren könnten. Tatsächlich ist es aber so, dass wir häufig u.a. aus Gründen des Reputationsaufbaus in Bereichen, die für uns persönlich wichtig sind, die allermeisten unserer Daten freiwillig herausgeben, weil wir eben einen handfesten Vorteil dadurch haben. Das kann die Reputation auf Berufsfeldern sein. Aber allein schon die Stellung in der Freundesgruppe kann als Grund ausreichen, um Intimstes zu veröffentlichen.

Vor diesem Hintergrund finde ich ebenso wie Thomas Knüwer bemerkenswert, was unsere Bundeskanzlerin Angela Merkel in der BILD zum Thema privat vs. öffentlich gesagt hat:

(…)
BILD: Stichwort „Google Street View“. Wo verläuft für Sie die Grenze zwischen Privatem und Öffentlichem im Internet?

Merkel: Zum großen Teil liegt es an einem selbst, was man im Internet von sich preisgibt. Der Staat muss die Privatsphäre aber schützen, wo der Einzelne zwar Schutz in Anspruch nehmen möchte, ihn aber nicht selbst herstellen kann. Genau darüber berät die Bundesregierung derzeit intensiv.
(…)

Wo der Einzelne sich schützen will, aber nicht kann, sollte also Hilfe geboten werden. Ich denke, da stimmen wir alle zu. Natürlich gehen Unternehmen wie Facebook häufig ziemlich intransparent vor und nutzen das Unwissen der Leute aus, worauf entsprechend reagiert werden muss.

Wo aber der Einzelne zum eigenen Vorteil freiwillig persönliche Informationen preisgibt und sich dann hinterher angesichts von absehbar auftretenden Nachteilen darüber beschwert, dass seine Informationen nun öffentlich sind, sollte auf die persönliche Verantwortung gepocht werden. Das wird leider häufig nicht gemacht. An dieser Stelle scheint mir daher so manche Diskussion etwas scheinheilig geführt zu werden.

Insgesamt nehme ich an, dass wir langfristig Vieles aus der bisherigen Privatsphäre freiwillig öffentlich machen werden, weil es in der Summe Vorteile für uns hat und nicht, weil uns irgendein böses Unternehmen hinter’s Licht führt.

Bildquelle: Namensnennung Bestimmte Rechte vorbehalten von jeffschuler

Wer sich entblößt, schützt seine Privatsphäre mitunter am besten

Leute wie Klaus Eck propagieren ja seit langem, dass man, um seine Reputation zu schützen, das Internet mit Informationen fluten soll, die positiv geprägt sind. Dann sind eventuell erscheinende negative Beiträge nicht so leicht zu finden und das Gesamtbild bleibt eher ein positives.

Zugleich führen wir ja ständig sehr emotionale Privatsphären-Diskussionen. Darin wird die Frage gestellt, wie wir unsere Privatsphäre schützen können. Bei der Suche nach Antworten ist es interessant zu beobachten, wie Prominente mit dem Thema umgehen, denn die haben am ehesten Probleme mit dem Schutz der Privatsphäre, während für viele von uns Unbekannte die Diskussion ja in so mancher Hinsicht eine eher theoretische ist.

Vor diesem Hintergrund finde ich das Interview mit Ashton Kutcher in der Neon-Ausgabe vom August 2010 sehr interessant, der das von Klaus Eck propagierte Prinzip auf sein Problemfeld übertragen erfolgreich anwendet. In diesem Interview-Ausschnitt beantwortet Kutcher Fragen zu dem Thema: [Verlinkungen von mir]

(…)
Sie nehmen das mit der eigenen Öffentlichkeitsarbeit sehr ernst.
Ich habe einige Möglichkeiten ausprobiert, um mich und meine Familie vor unzulässiger Berichterstattung zu schützen. Ich wollte meinen Namen als Markenzeichen schützen lassen, habe Klagen angestrengt und sogar versucht, die Gesetze in Bezug auf Persönlichkeitsrechte von Prominenten ändern zu lassen. Nichts davon hat funktioniert, also habe ich die Angelegenheit per Twitter und Facebook selbst in die Hand genommen.
Sie stehen hinter Britney Spears auf Platz zwei der Twitter-Top-Ten. Beruht dieser Erfolg tatsächlich auf der Idee, sich gegen die Boulevardpresse zur Wehr zu setzen?
Ich wollte mir meine Worte nicht mehr verdrehen lassen, und es war mir bewusst, dass ich mich dafür entblößen muss. Gleichzeitig war ich aber sicher, dass ich die Art der Entblößung auf diese Weise kontrollieren könnte. Klatschblätter leben davon, aus dem Leben anderer Menschen eine Soap Opera zu machen. Ich dachte also: Was wäre, wenn ich die Storyline für diese Seifenoper selber bestimmen könnte?

Wie hat sich das Leben für Sie und Ihre Frau Demi Moore dadurch verändert?

Auf fantastische Weise. Es geht schon damit los, dass ich wieder normal aus meiner Ausfahrt fahren kann, weil sie nicht mehr von Reportern belagert wird. Wir haben den Markt einfach mit Fotos von uns gesättigt. Paparazzi lauern uns nun nicht mehr auf, weil Schnappschüsse von uns nichts mehr wert sind. Weil jeder diese Fotos kostenlos sehen kann, muss niemand mehr ein Klatschmagazin kaufen.
(…)

Meine Interpretation: Letztlich heißt das, dass nicht nur für Top-Prominente eine große Chance darin liegt, aktiv und gezielt in die Öffentlichkeit zu treten und aus sich selbst eine Marke zu machen, die ein ganz bestimmtes gewolltes Bild vermittelt. Die so beeinflusste Fremdwahrnehmung gibt aber nur einen kleinen Ausschnitt des Eigenbildes wider. Da dieser Ausschnitt idealerweise in der Öffentlichkeit aber dominant ist und die diesen Eindruck vermittelnden Informationen so präsent sind, werden auf diese Weise andere Bereiche der Person/Persönlichkeit geschützt.

Beim Lesen des Interviews musste ich unweigerlich an Karl Lagerfeld denken, der es in der Anwendung dieses Prinzips ja zur Meisterschaft gebracht hat. Wie er in diversen Interviews (zwischen den Zeilen) gesagt hat, muss man, wenn man es so weit treibt wie er, dann aber wieder aufpassen, dass das Außenbild nicht so bestimmend wird und die Vermittlung dessen nicht einen so großen Teil des Lebens einnimmt, dass man irgendwann selbst nicht mehr zwischen sich und der Marke unterscheiden kann bzw. dass sich das Eigenbild nicht immer stärker dem (reduzierten) Außenbild angleicht.

Jedenfalls scheint mir dieser Ansatz für den Selbstschutz besser geeignet zu sein als der reine Rückzug, bei dem das Feld anderen überlassen wird. Leider wird Letzteres derzeit in den meisten Diskussionen als das zu bevorzugende Mittel der Wahl präsentiert.

Bildquellen: David Shankbone (Namensnennung 2.0 US-amerikanisch); Georges Biard (Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported)