Schlagwort: Sascha Lobo

Aktive Vermarktung bedeutet nicht, dass die Inhalte minderwertig sind

Sascha Lobo bringt das bei Christoph Koch gut auf den Punkt:

Vielleicht gehört das zu einer deutschen Eigenart, die sich gelegentlich auch spiegelt in einer seltsamen, weit verbreiteten Antimarketing-Haltung: “Wenn das Produkt gut ist, dann braucht man keine schöne Verpackung oder gar Werbung dafür! Ausrufezeichen!” Daraus spricht auch die Überheblichkeit der einigermaßen Erfolgreichen, weil diese Äußerung transportiert: gut ist nur, wer erfolgreich ist, und wer unerfolgreich ist, also zum Beispiel keine vielgelesenen und vieldiskutierten Texte schreibt, bei dem muss es am Inhalt liegen. Und nicht an der Kommunikation drum herum. Und das ist Unsinn.

Diesen Zusammenhang beobachte ich u.a. in der Buchbranche auch öfter. Wer aktiv und geschickt vermarktet, setzt sich tendenziell dem Verdacht aus, keine inhaltliche Substanz bieten zu können, es also daher „nötig zu haben“. Das ist natürlich bedauerlich in Zeiten, da sich fast alle Autoren immer stärker selbstständig vermarkten müssen, weil es Hemmschwellen erzeugt und Chancen verstreichen lässt. Aktives Verkaufen wird schnell mit einem Sich-Verkaufen gleichgesetzt. Hier braucht es einen noch stärkeren Kulturwandel, weil in Sachen Vermarktung heute offensives und neugieriges Ausprobieren gefragt ist.

Prozentuale Einkommensverteilung bei Sascha Lobo

Wovon lebt Sascha Lobo eigentlich, fragt die Financial Times Deutschland:

Ich bin Autor, gerade eben habe ich das Buch „Internet – Segen oder Fluch“ veröffentlicht, mit Kathrin Passig zusammen. Ich bin aber auch Speaker und Berater. Die Einnahmen durch Bücher machen vielleicht 20 Prozent aus, Beratung 20, Vorträge 60 Prozent. Im Moment ist es eigentlich mein Hauptberuf, Vorträge zu halten, weil das sehr gut bezahlt wird und vom Zeitaufwand überschaubar ist. Die Beratung von Unternehmen zu Internetthemen habe ich etwas zurückgefahren, das ist recht aufwendig und lohnt sich nicht immer.

Vorträge „skalieren“ für Einzelkämpfer einkommensmäßig einfach am besten. Reputationsmäßig sind Bücher nach wie vor aber nicht zu unterschätzen.

Gunter Dueck beschreibt einen typischen Blogger und dessen Problem der mangelnden Breiten-Wirkung

Prof. Dr. Gunter Dueck ist einem breiteren (Blogger-)Publikum durch seinen Vortrag auf der re:publica 2011 bekannt geworden. Ich hatte den Vortrag damals live gesehen, fand ihn auch interessant, aber nicht so weltbewegend, wie er für viele gewesen sein muss. Auf jeden Fall ist Dueck durch ihn selbst hip geworden, was ich im Ergebnis wiederum gut finde, weil er ja viel Substanzielles beizutragen hat in der deutschen Blogosphäre, die sich nicht unbedingt durch übermäßige Intellektualität auszeichnet.

Hier im Interview charakterisiert Gunter Dueck jedenfalls recht treffend, wie ich finde, welcher Typ Mensch unter Bloggern häufig vorkommt. Es geht um den Ausschnitt des eingebundenen Beitrages im Zeitraum ca. 3:12 min. bis 9:36 min.


(via Frank Krings)

Er hat dazu auch eine Kolumne geschrieben auf seiner Website:

Und bei den Einsendungen nach der re:publica lauteten über 50 Prozent INFP. Dieser „Typ“ ist dabei ganz selten, man schätzt seine Häufigkeit um die drei Prozent, ich habe auch schon Schätzungen von einem Prozent gesehen. Er kommt bei Frauen deutlich häufiger vor als bei Männern.

Hier gibt es eine Definition von INFP:

INFPs are sensitive, caring, creative, private, smart and original. Their actions are driven by their value system, and they have a hard time doing things they don’t feel right about. (…)
Special INFP personality traits:

  • Not very realistic and practical
  • Original dressing style
  • Nurturing and supportive
  • Hate conflict and criticism
  • Very flexible
  • They find day to day activities unfulfilling

Gunter Dueck weiter:

INFPs sind in Menschenmengen eher unauffällig und kommen oft nicht zu Wort, da fressen sie gepressten Zorn über die Blasenpräsentierer in sich hinein, bis sie schließlich doch etwas dazu sagen MÜSSEN, was dann aber schon von fortgeschrittener Gesichtsröte durchzogen ist. Na klar, für andere meckern sie einfach ziemlich viel. Deshalb mögen INFPs lieber private Gespräche zwischen Ich und Du, wo das Zu-Wort-Kommen-Problem des Zaunkönigs unter den Vögeln nicht vorkommt und nur noch Sinnvolles mit dem anderen INFP besprochen werden kann.

Könnte das nicht auch ein Grund sein, warum Sascha Lobo soviel hoch-emotionale Ablehnung erzeugt, während doch ein gleichgültiges Ignorieren eigentlich das naheliegende Vorgehen sein müsste, wenn man ihn doof findet?

Aus dem Rückzugsverhalten eines typischen Bloggers, wie es Gunter Dueck beschreibt, folgt natürlich auch eine mangelnde Wirkung in der Breite der Gesellschaft:

Wenn aber ein INFP-Blogger WIRKUNG erzeugen will, muss er die Psyche der lauten sinnsorgloseren Anderen beeindrucken, so dass sie Follower werden und liken. Dann muss ein INFP in die feindliche Welt, dort aber gibt es viele auch feindlich-befremdliche Diskussionen, in denen fast keine Antwort wärmt oder „aus der Seele spricht“. Da wird der Zaunkönig traurig, dass der Adler ihn nicht hört und die Spatzen ihn laut verspotten. Da fliegt er wieder ins Unterholz, ins Web, wo die Blogger sind.

Dazu passt wiederum Sascha Lobos erfahrungsbasierte Feststellung in seinem 2011er re:publica-Vortrag, dass die Blogger als Digital-Elite, die sie ja sein müssten, in Deutschland völlig versagt hätten, weil sie es nicht schafften, von der Allgemeinheit wahrgenommen zu werden. (Das sehe ich auch so.) Ich habe hier das Video so eingebunden, dass nur der betreffende 2-minütige Teil der Lobo-Kritik abgespielt wird:

Das unterstreicht Gunter Dueck in seiner Kolumne, die in Gänze sehr lesenswert ist:

Die Blogger KENNEN den Sinn und die wertvolle Zukunft. Gleichzeitig fühlen sie sich unverstanden, nicht ernst genommen und wirkungslos in der Masse der Menschen. Diese Problematik ist eng verbunden mit der introvertierten Sinn-Psyche. Sie bringt Sinn hervor, preist ihn schriftlich oder künstlerisch oft erfolgreich an, verkauft ihn aber nicht an Kunden. Bloggen ist oft wie eine wertvolle Ausstellung von Wertvollem, das aber niemand im Wohnzimmer haben will. Dort aber gehört es hin. Hey, Blogger, geht mit Eurem Licht in Platons Höhle und zeigt es den im Dunkel Angeketteten. Macht aus Sinn eine Praxis! Predigt nicht nur Ethik, sondern bildet eine breite Kultur! Überschreitet den Rubikon zu den normalen Menschen!

Diesem Aufruf kann man sich nur anschließen und er ist auch 2012 noch notwendig und wertvoll.

Es gibt nicht den einen Buchmarkt der Zukunft

Ich freue mich sehr, dass der Buchmarkt immer stärker in den Fokus der Diskussion gerät. Ein Problem ist ja, dass der Buchmarkt bisher etwas abgetrennt wahrgenommen wird und zu wenig über die Grenzen hinweg diskutiert wird. Das scheint sich zu ändern.

Just gestern haben sich verschiedene Blogger/Autoren Gedanken zum Buchmarkt gemacht:

Dabei wird der Buchmarkt gern mit dem Musikmarkt verglichen und auch ich nutze diesen Vergleich öfter. Ich glaube aber, wir müssen im Buchbereich stärker differenzieren als im Musikbereich. Den einen Buchmarkt der Zukunft, wie er oft diskutiert wird, wird es nicht geben. Der Musikmarkt der Zukunft zerfasert letztlich viel weniger als der Buchmarkt der Zukunft. Bei Musik geht es am Ende doch meist um Audio-Clips von ein paar Minuten Länge. Das Buch von morgen hat 1.000 unterschiedliche Ausprägungsformen und die Entwicklungen in der Belletristik sind wesentlich andere als die im Bereich der Fachinformation. In der Belletristik geht es um die Erzeugung von Erlebnissen und im Fachmarkt um die konkrete Problemlösung. Zudem verschwimmen die Grenzen zunehmend u.a. hin zur Software-/Games-Branche.

Gerade – aber nicht nur – auf den Fachmarkt bezogen liegt Sascha Lobo ziemlich schief und er sollte die offiziellen Statements des Börsenvereins-Vorstehers und anderer nicht mit der generellen Lage in den Verlagen verwechseln: [Mein Fehler: Ich hatte Sascha Lobos Einschränkung auf den Publikumsbereich zu Beginn seines Beitrags überlesen.]

[Ergänzung] Auch auf Publikumsverlage bezogen finde ich Sascha Lobos Aussage der fehlenden Wiss­be­gier­de und der Realitätsverleugnung zu stark. Man darf die offiziellen Statements des Börsenvereins-Vorstehers und anderer nicht mit der generellen Lage in den Verlagen gleichsetzen: [/Ergänzung]

Das Problem der Verlage in Deutschland ist, dass sie (…) in den anderen Bereichen nicht wissbegierig lernen, sondern die digitale Realität verleugnen: Sie macht ja erst 0,5% des Umsatzes aus. (…) Denn bereit UND fit für die Transformation ist meiner Einschätzung nach ungefähr keiner, und zwar – man mag es glauben oder nicht – aus weitgehend romantischen Gründen. Und das passt im Guten wie im Schlechten dann doch ganz gut zur Buchbranche.

Einen Kernpunkt nennt aus meiner Sicht schon eher Marcel Weiss: Buchverlage sind keine Technologieunternehmen – Die Leute in den Verlagen sind nämlich nicht zu blöd zu kapieren, dass die digitale Welt wichtig ist (mal unabhängig von allen Diskussionsmöglichkeiten bzgl. Detail-Ansichten). Die Frage ist eher, wie der Übergang gestaltet werden kann. Wie können ausgehend von den bestehenden Strukturen und dem bestehenden Personal die Unternehmen so verändert werden, dass man sich fit macht für einen hoffentlich/vielleicht(?) entstehenden Markt, dessen Größe im Detail aber ungewiss ist, wobei zugleich noch möglichst viele Gewinne aus dem traditionellen Geschäft mitgenommen werden sollen. Wie muss man das organisatorisch aufsetzen – inhouse oder als Schnellboot anbei. Usw. usf. …

Ein Begriff der auch gar nicht fällt ist der der Rechte. Bei E-Books erwerbe ich ja nichts anderes als bestimmte Nutzungsrechte. Ein Buchmarkt der Zukunft bedeutet Rechtehandel. Wie geht man als Verlag damit um und was sind passende Geschäftsmodelle dafür. Fragen über Fragen :)

Wie gesagt, ich finde es super, dass meinem Eindruck nach das Interesse am Buchmarkt steigt. Das dürfte noch zunehmen, je mehr Leute selbst zu Autoren werden.

Ansich sollten wir zusammen gezielt Anlässe schaffen („Think Tank“), bei denen sich Leute aus der Internet-Szene und der Buchbranche zusammen setzen und die Sache vorantreiben.

Wer in Frankfurt wohnt, kann gern zu unseren Publishing-Stammtischen kommen. Es gibt regelmäßige Austauschmöglichkeiten u.a. auch in Stuttgart und in Köln. Es gibt auch zunehmend im Buchbereich interaktive Veranstaltungsformate wie das BuchCamp (nächstes Mal im Mai 2012).

Wie können wir die Diskussion sonst noch voranbringen?

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Bekannte Blogger im Portrait: Stefan Niggemeier, Markus Beckedahl, Johnny Haeusler, Sascha Lobo

Philip Banse hat für dctp.tv vier der hierzulande bekanntesten Blogger interviewt, wodurch interessante Portraits entstanden sind. Jedes Interview dauert ca. 36 Minuten:

Banse schreibt dazu:
Für einige mögen es die üblichen Verdächtigen sein. Das Format richtet sich jedoch an Leute, die sich fürs Netz interessieren, mal von Blogs gehört haben, sie aber nicht lesen und dennoch immer mal wissen wollten, was das für Leute sind, die da das Netz voll schreiben und davon auch noch irgendwie leben können.

 

Stefan Niggemeier (stefan-niggemeier.de und bildblog.de):

 

Markus Beckedahl (netzpolitik.org):

 

Johnny Haeusler (spreeblick.com):

 

Sascha Lobo (saschalobo.com):

 

via: netzpolitik.org