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Beispiel für Flattr 1.0: Hessen bauen Bürgerstraße

Man sollte Themen wie das Social Media Marketing nicht von einzelnen Tools wie Facebook oder YouTube oder Brieftauben her denken, sondern sich zunächst auf das Ziel und die Strategie konzentrieren und erst nachfolgend die geeignetsten Werkzeuge für die Umsetzung auswählen. So langsam setzt diese ansich selbstverständliche Erkenntnis im Bereich des Social Media Marketing allgemein durch. Doch kaum dass ein neues Hype-Thema wie Crowdfunding aufkommt, wird diese Erkenntnis wieder missachtet. Den Eindruck kann zumindest gewinnen, wer sich viele der Artikel zu Flattr, Kachingle & Co. anschaut, die jeden Tag im Web erscheinen.

Umso schöner finde ich es, wenn man auf Beispiele dafür trifft, worum es eigentlich geht: wie immer um die Verfolgung konkreter Ziele. Auch das Crowdfunding ist hier nur Mittel zum Zweck. So auch in diesem Fall, bei dem sich Bürger in Hessen zusammengetan und die Initiative „Unsere eigene Umgehung“ gestartet haben, um ein ganz konkretes Projekt überaus engagiert und kreativ umzusetzen (siehe Video unten):

Die Stadtkasse war leer, also bauen die Einwohner des hessischen Ortes Hochstädten eine 220 Meter lange Umgehungsstraße selbst. 30.000 Euro haben sie dafür gesammelt. Wer nicht mithilft, zahlt Maut.

Genial finde ich auch den angegebenen Grund der Bauarbeiten. Da man als Bürgerzusammenschluss keine Straße bauen darf, geht es offiziell also um ein Kunstprojekt ;)

Zweck der Initiative ist die Schaffung einer eigenen befahrbaren Ausstellung im Zeitraum der Baustelle bzw. Vollsperrung der Strasse nach Auerbach.

Noch sympathischer wird die Sache durch diesen Leitspruch, welchen die Hessen sich ausgesucht haben:

„Man sollte nie dem Glauben verfallen, eine kleine Gruppe ideenreicher, engagierter Leute könnte die Welt nicht ändern. Tatsächlich wurde sie nie durch etwas anderes geändert.“ (Margaret Mead)

ZDF-Beitrag (1:30 min.):

Über die Motivation hinter der Nutzung von Crowdfunding-Diensten

Überall in der Gesellschaft gibt es Initiativen, die Verhaltensweisen fördern sollen, welche die Gesellschaft positiv beeinflussen. Gute Studenten werden von Studienstiftungen gefördert. Talentierte Schriftsteller bekommen das Wohnrecht auf Zeit als Stadtschreiber. Überhaupt gibt es viele gut dotierte Preise und Orden, die dem Einzelnen ermöglichen sollen, das, was er Positives tut, auch künftig tun zu können. Zudem sollen sie andere motivieren, sich wie die Ausgezeichneten zu verhalten.

Vor diesem Hintergrund ist die Überlegung interessant, ob hinter der Nutzung von Crowdfunding-Modellen, von denen Ulrike Langer einige auflistet, nicht eine ähnliche Motivation stehen könnte? Speziell zu Flattr äußert Tim Pritlove folgende Vermutung:

Meine Einnahmen mit flattr im August 2010 betrugen übrigens 889,01 EUR. Damit lag der Betrag etwas unter dem des Vormonats, im Anbetracht der Tatsache, dass ich im August aber fast nicht zum Produzieren kam (Urlaubs- und Reisezeit), kann ich nur Feststellen, dass sich wohl meine These, warum Leute flattr benutzen, bestätigt: es ist weniger eine Entlohnung für Geleistetes als vielmehr eine Vorauszahlung für Kommendes. Man möchte, dass es weitergeht, dass der Begünstigte in die Lage versetzt wird, sich weiterhin den Dingen zu widmen, die Auslöser für die Zahlung waren. Und es geht auch um Motivation. (via: neunetz.com).

Ich glaube auch, dass es das recht gut trifft. Die Nutzer haben mitbekommen, dass jemand Dinge tut oder Inhalte liefert, die sie schätzen und nicht missen möchten. Wenn der Inhalte-Ersteller nicht ohnehin genug verdient, sind die Nutzer oft bereit, Geld dafür zu bezahlen, dass sie auch künftig solche Inhalte geliefert bekommen. Das könnte auch ein Grund sein, warum Unternehmen solchen Modellen oft skeptisch gegenüber stehen. Wenn ich als Nutzer sehe, dass ein Unternehmen seine Inhalte-Erstellung problemlos finanzieren kann oder sich nicht wirklich bemüht, eine adäquate Finanzierung auch ohne Leistungsschutzrecht u.ä. sicher zu stellen, dann bin ich als Nutzer wahrscheinlich auch nicht unbedingt bereit, freiwillig Geld zu spenden.

Insgesamt sind die Motive jedoch sicherlich vielfältig und recht komplex. Transparenz bspw. scheint mit sehr wichtig zu sein. Heute kann ich bei Flattr von außen nicht einsehen, wer wieviel bekommt oder spendet. Das gefällt mir bei Kachingle ansich besser. Ich denke, dass es für die Spenden-Bereitschaft wichtig ist, den Zusammenhang zwischen dem Spenden-Zweck und dem bisherigen Spendenaufkommen herzustellen. Schließlich gibt man nicht nur einfach so, sondern auch weil ein Ziel erreicht werden soll.

Darüber hinaus spielt sicherlich aber auch eine Rolle, dass der Einzelne sich durch das als Person darstellt, was er finanziell unterstützt. Eine Geldspende ist letztlich ein teureres und daher stärkeres Signal als ein Facebook-Like. Hier besteht für den Einzelnen auch die Chance, in der Gruppe eine besondere Stellung einzunehmen, indem er eben besonders viel spendet und dem Inhalte-Ersteller im besonderen Maße hilft, seiner Tätigkeit nachzugehen. Wenn in der Kirche der Klingelbeutel rumgeht und jemand 100 Euro hineinwirft, wird das schließlich auch jeder registrieren.

Was aber PayWithATweet betrifft, bin ich wie auch Martin Oetting und andere skeptisch, da es wie auch eine Paywall eine Zugangsbehinderung und letztlich eine potenzielle Spam-Quelle darstellt. Das Denken dahinter scheint mir an die Print-Welt angelehnt zu sein, wo eine Bezahlung ja immer vorgeschaltet wird.

Im Ausblick stimme ich Jörg Eisfeld-Reschke zu, der in dieser Präsentation argumentiert, dass für die volle Entfaltung von Diensten zum „money sharing“, wie es seitens Flattr genannt wird, bisher die soziale Anbindung noch nicht stark genug ist, was sich aber ändern könnte, wenn ein Player wie Facebook den Markt betritt. Nicht umsonst ist Kachingle bemüht, die Verknüpfung mit den bekannten Social Networks voranzutreiben.

Besonders gespannt bin ich aber auch, welche Experimente wir von Unternehmen noch auf diesem Feld sehen werden. Hoffen wir mal, dass sich mutige Leute in den Unternehmen finden, die trotz mancher Rückschläge weiter experimentieren.

Bildquelle: Namensnennung Bestimmte Rechte vorbehalten von Irish Philadelphia Photo Essays

Freiwilliges Bezahlen als „Hygienefaktor“ – für uns alle?

Im Handelsblatt vom 19.08.2010 bin ich auf einen interessanten Artikel (Zugang nur für Kunden) zu den Kulturausgaben von Unternehmen und deren Sinnhaftigkeit gestoßen. Darin wird beschrieben, warum Unternehmen Kultureinrichtungen freiwillig finanziell unterstützen. Sie tun dies aus ganz rationalen Gründen, um das Erreichen der Unternehmensziele zu unterstützen:

(…)
Auch die Unternehmen sehen sich vor die Frage gestellt, wie sie ihre Kulturausgaben rechtfertigen und messbar machen können, ohne die Maßnahme selbst wegzurationalisieren. „In einem Bereich, den Sie kaum messen können, trauen sich die wenigsten, Studien in Auftrag zu geben“, sagt Jürgen Bachmann, Kulturreferent bei Audi. „Im kulturellen Bereich gibt es noch keine relevanten Kennzahlen.“ Audi wagt sich trotzdem aus der Deckung. Als eine der ersten lassen die Ingolstädter derzeit eine Studie durchführen, die den Anteil von Kultursponsoring am Konzernergebnis ermitteln soll. So werden unter anderem Aktienkurse von kulturell engagierten und nicht-engagierten Unternehmen oder die Wirkung auf die Mitarbeiter untersucht.

In einem ist sich Studienleiter Professor Manfred Schwaiger von der Ludwig-Maximilians-Universtität München sicher: Kulturkommunikation ist als „Hygienefaktor“ für Führungskräfte nur schwer zu toppen. Er vergleicht sie mit schmutzigen Handtüchern im Hotel. Saubere Exemplare sind Standard, bei dreckigen macht der Gast zu Recht Rabatz.

 

Ich frage mich, inwiefern sich diese Gesichtspunkte auf ganz normale Privatpersonen übertragen lassen, die ja spätestens im Internet auch alle beginnen, an ihrer Reputation zu feilen. Interessant ist das gerade im Kontext der neuen Micropayment-Dienste, die eine freiwillige Unterstützung von anderen sehr einfach und sehr kostengünstig ermöglichen. Heute ist die Nutzung von Flattr & Co. zwar noch etwas Besonderes. Wenn sie sich aber mehr und mehr durchsetzt, könnte das freiwillige Geben irgendwann vielleicht sogar allgemein erwartet werden, sodass sozialer Druck gerade für jene entstünde, die andere Leute im Netz und darüber hinaus nicht unterstützen. Schon heute ist das ja gewissermaßen der Fall, wenn man sich bspw. um einen Job oder ein Stipendium bewirbt. Auch hier wird es gern gesehen und am Ende oft belohnt, wenn die Bewerber sich freiwillig für gesellschaftlich Sinnvolles engagieren und nicht nur egoistisch die eigene Karriere vorantreiben. Wird also das freiwillige Bezahlen zu einem „Hygienefaktor“ für uns alle?

Bildquelle: Namensnennung Bestimmte Rechte vorbehalten von TigerDirect.com

Wäre auch nett: Flattr-Bürgermeister

Nun denn, seit heute ist Flattr für jeden offen und Einladungen sind nicht mehr notwendig, um den Service für das freiwillige Bezahlen von Kleinstbeträgen für Web-Content auszuprobieren. Inzwischen machen ja auch schon große US-Blogs wie Techdirt mit und viel Beachtung fand auch die Aussicht, dass sich Wikileaks über den Dienst teilfinanzieren könnte.

Parallel wird spekuliert, wann Facebook anfangen könnte, seinen Service Places zu launchen, der das Thema ortsbezogene Check-In-Dienste auf die nächste Entwicklungsstufe heben könnte. Auf dem Feld agieren bisher verschiedene Unternehmen wie bspw. Foursquare, Gowalla oder auch MyTown, wobei sich noch keines durchgesetzt hat.

Spannend fände ich ja auch eine Kombination beider Aspekte, wenn man also auch Orte mit einem geeigneten Dienst „flattrn“ könnte. So gibt es bei Foursquare ja alle möglichen Badges für bestimmte Leistungen der Nutzer. Zudem hat jeder Ort einen Mayor. Bürgermeister wird der, der sich in den letzten 60 Tagen am häufigsten am Ort eingecheckt hat. Wenn ich also an Orten nicht nur einchecken, sondern diese auch vor Ort „flattrn“ könnte, könnte man somit einen Top-Spender ermitteln und anzeigen. Das würde bspw. den Eigentümern von Baudenkmalen Einnahmen bescheren und den Spendern einen Reputationsgewinn verschaffen können.

Oder gibt es sowas in der Art schon? – Bei Kachingle kann man sich immerhin schon anzeigen lassen, wer die Top-Spender einer vielbesuchten Website wie Carta sind …

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