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Buchhändlerin: Nur weil etwas nicht Buchkaufhaus ist, ist es nicht klein im Sinne von hilflos und unprofessionell

Die Wortwahl sagt viel über das Denken aus und das Denken beeinflusst maßgeblich das Tun und den Erfolg. Dies umso mehr, wenn es um eine Branche im Wandel und die dortigen Unternehmen geht. Daher gefällt es mir gut, wie die selbstständige Buchhändlerin Regina Moths (Literatur Moths) in der aktuellen Ausgabe des buchrepot.magazin schon ganz grundsätzlich bei der Einordnung ihres Unternehmens einhakt:

Literatur Moths ist nicht groß. 130 qm, zwei Buchhändlerinnen plus Aushilfen, 2000 Titel. Aber klein? Der herantastende Gesprächseinstieg, dass es großen Filialisten wie auch vielen kleineren Standortkollegen ja nicht so gut gehe, schlägt bei Regina Moths zumindest gleich Funken: „Ich wehre mich gegen das Etikett klein, wir sind unabhängig. Nur weil etwas nicht Buchkaufhaus ist, ist es nicht klein, erst recht nicht im Sinne von hilflos, unprofessionell oder bedauernswert. Das ist ein Haltungsschaden, den ich immer wieder korrigiere.“ Und: „Bitte keine Solidaritätskäufe.“

Regina Moths zieht nachfolgend den Vergleich mit einem Dallmayr-Geschäft, in dem ja auch niemand den Einkauf damit begründe, dass man Aldi nicht unterstützen wolle. Man suche solche Geschäfte gezielt auf, weil sie etwas Besonderes bieten. Diese Art von Selbstbewusstsein und Betonung der eigenen Stärken (Sortimentsqualität durch rigorose Auswahl) gefällt mir sehr gut.

Denn Chancen, echte Kaufanreize zu bieten, gibt es auch heute noch im Buchhandel – anderes Beispiel: Motto zeigt, dass Self-Publishing eine Chance für den Buchhandel ist

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Matthias Ulmer beschreibt, was die „Internetgemeinde“ sein soll

Matthias Ulmer ist Geschäftsführer des Eugen Ulmer Verlages und er ist Vorstandsmitglied des Verlegerausschusses des Buchbranchen-Verbandes Börsenverein des Deutschen Buchhandels, wo er sich laut The European schwerpunktmäßig mit dem Thema Digitalisierung und dem Dialog mit Bibliotheken befasst.

In Reaktion auf diesen Blog-Beitrag hat Matthias Ulmer in den Kommentaren dankenswerterweise etwas getan, was sonst nie getan wird. Er verwendet den ominösen Begriff „Internetgemeinde“ nicht nur, er beschreibt ihn auch:

Die Internetgemeinde ist ein Begriff wie so viele, etwa “die Konservativen” oder “die Jugend”, die “Traditionellen Milieus” oder “die Kleingärtner” etc. Wenn ich in diesem Sinne die Internetgemeinde beschreiben sollte, dann würde ich sie zwischen heise-online und gulli, zwischen den Piraten und Online Games verorten, natürlich einschließlich aller Blog-Autoren!

Ich vermute, dass viele Leute, die solche Begriffe verwenden, ein ähnliches Bild im Kopf haben. Das wiederum ist aus meiner Sicht ein Problem, welches sich in vielen Diskussionen rund um das Internet zeigt. Welchen Wert hat eine Abgrenzung danach, ob jemand bloggt? Wie aussagekräftig wäre es, von Briefschreibern oder der „Zeitschriftengemeinde“ als sozialer Gruppe zu sprechen? Und wo fängt bloggen an – was ist mit Twitter oder Xing-Statusupdates? Außerdem finde ich es problematisch, im Internet aktive Leute automatisch in die Nähe von gulli.com und der Piratenpartei zu rücken. Meinem Gefühl nach entspricht das aber dem Bild, welches in vielen Köpfen derer herumgeistert, die von „Internetgemeinde“ u.ä. sprechen.

Wäre es nicht mal sinnvoll, dass wir diese Wortwahl überdenken, weil solche Schubladen mehr schaden als dass die nützen? Sollten wir nicht den im Internet Aktiven einen Differenzierungsgrad zugestehen, wie wir ihn auch in anderen Lebensbereichen einfordern? Wäre das nicht der erste Schritt hin zu einem konstruktiven Austausch und einer ernsthaften Argumentation, wie sie sich ja auch Matthias Ulmer hier in den Kommentaren wünscht?

Mit dem Begriff „Fibel-Marketing“ kann man Offlinern den Sinn von Social Media erklären

Die Sprache ist sehr wichtig für das Verständnis einer Sache. Bei best-practice-business.de bin ich heute auf den Begriff des „Fibel-Marketing“ gestoßen, der mir neu war. Interessant finde ich, dass er nach meinem ersten Eindruck letztlich genau das bezeichnet, worüber wir sprechen, wenn wir sagen, dass Unternehmen u.a. über Blogs Informationen teilen sollten. Im Falle des Fibel-Marketing nutzen wir aber einen Begriff, der sich sehr gut auf die Offline-Welt übertragen lässt und insofern gut geeignet ist, die in beiden Fällen zugrundeliegende Idee auch jenen zu vermitteln, die dem Internet kritisch gegenüber stehen oder wenig Erfahrung damit haben:

Eine Fibel ist ein „Lehrbuch zum elementaren Einführen in ein Sachgebiet“. Wer eine Fibel zu einem Thema verfasst, beweist damit, dass er oder sie die Materie bestens kennt. Darum eignet sich eine Fibel für die Marketingstrategie zur Positionierung als Experte.

Die Fibel sei häufig einem Flyer vorzuziehen:

Die Absicht des Flyers, sein eigentlicher Sinn und Zweck, ist in jedem Fall der Verkauf. Das wissen die Kunden. Sie suchen zwar nach der Information, doch sind sie auch skeptisch. Sie misstrauen den Lobgesängen der Werbung, weil sie fürchten, zum Kauf „überredet“ zu werden. Viel lieber glauben sie Empfehlungen von unbeteiligten Dritten.

In diesem Video (9 min.) erläutert Dr. Eva-Maria Müller, was aus ihrer Sicht unter einem Fibel-Marketing zu verstehen und warum dessen Einsatz sinnvoll ist:

Wie viel Geld verlieren Unternehmen durch Menschen, die sich unterhalten und nicht auf Werbeplakate schauen?

Die Nutzung der Sprache sagt ja viel über das Denken aus. Daher stören mich immer Titel von Beiträgen, wie dieser bei t3n, in dem es um Werbeblocker als zunehmendes Problem für die Betreiber von anzeigenfinanzierten Websites geht:

Wie viel Geld verlieren Webmaster durch Adblocker? Hier neue Zahlen & Fakten

So könnte man auch fragen, wie viel Geld Unternehmen durch Werbeverbots-Briefkastenaufkleber verlieren? Oder wie viel Geld Unternehmen durch E-Mail-Spam-Filter verlieren? Oder wie viel Geld Unternehmen dadurch verlieren, dass die Leute sich auf der Straße unterhalten und nicht auf die Werbeplakate schauen? …

Mal abgesehen von der Frage, ob die Unternehmen wirklich Geld verlieren oder ob sie es vielfach nicht eher nie besessen haben: Verlieren die Website-Betreiber wirklich Geld durch Adblocker? Verlieren sie es nicht eher durch ungeeignete Werbung? Sollte man es dann nicht auch so nennen, wie es ist?

Ich fände Letzteres wünschenswert, weil wir ständig erleben, dass die Sprache auch das Denken beeinflusst. Gerade Medienunternehmen argumentieren gern auf ähnliche Weise und leiten dann Ansprüche aus der Argumentation ab – Stichwort Leistungsschutzrecht

Entsprechend ließe sich weiter fragen: Verlieren Medienunternehmen wirklich Geld durch Piraterie oder nicht eher durch anachronistische Geschäftsmodelle?

Und so weiter und so fort …

 

UPDATE:

Es gibt interessante Standpunkte hier in den Kommentaren und von Marcel Weiß, Felix Schwenzel, Martin Weigert, DavidBLN, André Vatter, Perun

 

Bildquelle: Namensnennung Bestimmte Rechte vorbehalten von daskerst

Das Teilen im Internet entspricht einem über Jahrzehntausende erfolgserprobten Verhalten

Vor dem Hintergrund der noch immer ständig geführten Diskussionen über die Sinnhaftigkeit des Teilens und Kooperierens im Internet (und andernorts) ist es sehr interessant, sich diesen Beitrag (9 min.) der ZDF-Sendung Abenteuer Wissen von Ende Juli über die Grundlagen unseres Kommunikationsverhaltens anzusehen. Er zeigt, dass viele Phänomene im Netz einem urmenschlichen, d.h. keineswegs einem naiven, sondern einem über Jahrzehntausende erfolgserprobten Verhalten entsprechen – Stichwort: Herstellung von Win-Win-Situationen:

Ursprung der Kommunikation – Der Mensch ist ein „Wir“-Tier

Wenn es um das Lösen von Kooperationsaufgaben geht, sind Kinder wesentlich motivierter ein Gruppenziel zu erreichen als unsere nächten Verwandten, die Schimpansen. Michael Tomassello: „Sie lassen sich auf ein gemeinsames Ziel ein und handeln entsprechend. Wenn ein Schimpanse seine Belohnung bekommen hat, hört er auf. Bei Kindern dagegen haben wir festgestellt, wenn der andere noch keine Belohnung hat, dann kooperieren sie so lange, bis auch der andere sein Teil auch bekommt.“

Szenesprachenwiki: Beispiel für ein innovatives Buchverlags-Projekt

Das Szenesprachenwiki vom Dudenverlag und Trendbüro ist ein Verlagsprojekt, das mir gut gefällt. Die Agentur 9elements, welche die Seite umgesetzt und mit ihr vor ein paar Tagen einen red dot gewonnen hat, beschreibt sie wie folgt:

Szenesprachenwiki is a wiktionary for new words which have not been recognized by the German Duden (standard German dictionary), even though they are part of everyday language. Each submitted word is searched for using both Google and Twitter. Why? Only words with actual search results can be submitted! (On a side note: That is one great spam filter) Before being published on the website, all words are being checked and refined by experts. Successful submissions will be communicated to the author’s Facebook (via Facebook Connect) and the wiki’s Twitter profile. In late September there’s going to be a book featuring the site’s collective submissions!

 

Mal unabhängig von der inhaltlichen Gestaltung und dem tatsächlichen Erfolg der Plattform gefällt mir an dem Projekt zum einen, dass es interaktive Elemente wie Twitter, Kommentare, Bewertungen, Weiterempfehlungsfunktionen und einen Blog einsetzt. Das sollte eigentlich Standard sein, ist es aber leider noch nicht.

Noch besser finde ich aber, dass es mal ein Buchverlags-Projekt gibt, das auch Elemente des zunehmend offenen Social Web einsetzt. Konkret meine ich, dass man sich auf der Plattform via Facebook Connect einloggen kann, wenn man einzelne Wörter bewerten oder kommentieren möchte. Man muss also nicht wieder einen neuen Account anlegen und sich ein neues Passwort merken. Stattdessen nutzt man ein Profil, welches man bereits auf einem bestehenden Social Network angelegt hat. Für das Szenesprachenwiki hat dies wiederum den großen Vorteil, dass es potenziell Zugriff auf mein Kontaktnetz („Social Graph“) bekommt, indem meine Aktivitäten meinen Kontakten bei Facebook gezeigt werden:

 

 

Auf diese Weise kann eine Sichtbarkeit geschaffen werden, die die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass neue Nutzer die Plattform für sich entdecken. Und ehrlich gesagt: Ohne Facebook Connect hätte ich mich beim Szenesprachenwiki auch nicht angemeldet, weil es mir inzwischen zu mühsam ist, immer wieder neue Profile auf irgendwelchen Plattformen anzulegen.

Eine Sache ist mir aber auch negativ aufgefallen. Nun ermöglicht die Plattform schon das Anmelden über Facebook Connect. Wenn ich das erste Mal dort lande und auf „Log-In“ gehe, sehe ich diese Option klar und deutlich. Warum aber gibt man nicht auch auf der Seite „Registrieren“ einen kurzen Hinweis, dass man nicht unbedingt ein neues Profil anlegen muss. Das wäre doch ein nutzerfreundlicher Service, gerade weil die meisten aus Gewohnheit zuerst auf die Seite „Registrieren“ gehen, wenn sie noch keinen Account auf der betreffenden Plattform haben. Versucht man hier Nutzerdaten zu sammeln? Das ist umso ärgerlicher, wenn man sich die FAQ durchliest, wo die Registrierungsoption über Facebook Connect extra hervorgehoben wird:

Facebook-Connect ist ein Single Sign-on System. Das heißt: Wenn du einen Facebook-Account besitzt, kannst du zur Registrierung schnell und unkompliziert Namen, Profilbild und Geburtsjahr aus deinem Fabebookprofil auf dein Userprofil im Szenesprachen-Wiki übertragen.

Dennoch: Insgesamt ein schönes Projekt, das zudem aufzeigt, wie aus einer Website ein Buch werden kann:

Aus allen eingetragenen Wörtern auf dieser Online-Plattform treffen Duden und Trendbüro eine Auswahl. Diese bildet dann die Grundlage für das „Neue Wörterbuch der Szenesprachen“, das noch zur diesjährigen Frankfurter Buchmesse erscheinen soll. Über den aktuellen Stand des Buchprojektes werden wir euch im Blog informieren.

via: itst.net