Schlagwort: storytelling

Romantische Verklärung schadet Unternehmen am meisten – Gary Vaynerchuk bringt es auf den Punkt

Gary Vaynerchuk trifft es genau in dem 5-Sekunden-Ausschnitt unten (s.u.). Beispiele für so eine Verklärung fallen sicher nicht nur mir sofort viele ein. – Der ganze Vortrag ist übrigens sehenswert. Er vertritt exakt meine Meinung und meinen Denkansatz. Titel: Storytelling in 2013 (19 min.). Dabei erzählt er zwar nichts wirklich Neues, macht die Zusammenhänge aber wie immer extrem gut greifbar. Und: umgesetzt wird die Denke nach wie vor selten.

Storytelling als älteste virtuelle Realität

Heute im Zug habe ich einen Dradio-Beitrag über die Geschichtenerzähler in Tennessee gehört, in dem eine interessante Aussage einer Dame namens Dolores Hydock vorkam:

People with their digital devices think they invented virtual reality. But storytelling was the first virtual reality, this was where you create this whole world in your mind, in your imagination and it’s absolutely real to you, as real as everything that you see on a beautiful digital screen somewhere.

Der Geschichtenerzähler David Holt im gleichen Beitrag:

Beim Erzählen kommt es nicht auf den Wahrheitsgehalt an, sondern darauf, die Zuhörer in seinen Bann zu ziehen und die Pointen richtig zu setzen.

Das kennen wir ja von guten Geschichten und das sollten wir im Hinterkopf behalten beim Betrachten und Bewerten von Phänomenen wie Hatsune Miku.

Gary Vaynerchuk beantwortet alle möglichen Fragen rund um unternehmerischen Erfolg in Social-Web-Zeiten

Auf Gary Vaynerchuk habe ich hier im Blog besonders 2009 und 2010 oft hingewiesen, weil er viele Aspekte wie die „Thank You Economy„, das Content-Marketing und das Storytelling früh und sehr gut auf den Punkt gebracht hat. Inzwischen hat er sich ja vom Wein-Händler und -Experten zum Star-Unternehmer entwickelt, ohne jedoch seine Direktheit und sein Profil einzubüßen.

In dieser Fragerunde hat Vaynerchuk im Mai dieses Jahres alle möglichen Fragen rund um die 1:1-Marketing- und -Vertriebs-Welt des Social Webs beantwortet. Ich finde, es lohnt sich immer wieder ihm zuzuhören, und hier im Video bringt er wieder viele Dinge sehr schön und unromantisiert bzw. einfach erfolgsorientiert auf den Punkt. Er äußert sich u.a. auch positiv über die Samwer-Brüder, was mich freut, weil ich das ähnlich sehe (ab 31:30 min.). Durch das Fragen-Format ist das Themen-Feld insgesamt recht breit.

(Video, 1h)

via garyvaynerchuk.com

Schöne Idee: Mitarbeiter-Darstellung auf der Website mithilfe von animierten GIF-Grafiken

Animierte GIF-Grafiken sind ja gerade in aller Munde. Es gibt sie aber schon ewig. Ich selbst habe sie zum ersten Mal 1998 genutzt, als ich in den USA an der Highschool meine erste Website gebaut habe (die aus Peinlichkeitsgründen schon lange nicht mehr online ist;). Die kleine Doku zum Thema, die ich rechts eingebunden habe, zeigt ganz gut, worum es geht. Ich finde „Animated GIFs“ v.a. als eine Art Malerei 2.0 sehr faszinierend. Es gibt aber auch zahllose andere Einsatzmöglichkeiten. Mithilfe von DIY-Plattformen wie That’s So True werden diese bewegten Bilder zu einem machtvollen Storytelling-Instrument. Frank Krings hat sie neulich beispielsweise genutzt, um unseren Frankfurter Publishing-Stammtisch auf witzige Weise zu resümieren (nächster Termin 21.05.).

Jetzt habe ich eine klasse Anwendung von Unternehmensseite gefunden: Die führende Crowdfunding-Plattform Kickstarter nutzt animierte GIF-Grafiken, um das eigene Mitarbeiter-Team darzustellen. Dafür haben sie jeden zum Lachen gebracht und diesen Moment eingefangen. Wer jetzt auf die Team-Übersicht auf deren Website geht, sieht dort die Bewegtbilder aller Mitarbeiter, die nacheinander abgespielt werden. Das ist vielleicht nicht für alle Unternehmen geeignet und könnte schnell ermüdend wirken, wenn es plötzlich alle so machten. Ich finde den Ansatz aber super, um ein Team von begeisterten Kollegen sichtbar zu machen. Einfach mal anklicken und in Bewegung anschauen:

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Frank Krings: Ego-Marketing – Was Autoren von Rappern lernen können

Frank Krings arbeitet in der Kommunikationsabteilung der Frankfurter Buchmesse, Schwerpunkt Online-Redaktion / Social Media. Seine Artikel hier geben seine privaten Ansichten und nicht die der Frankfurter Buchmesse wieder.

Egal ob Autoren heute sich und ihr Werk über Verlage oder über Self-Publishing vermarkten wollen: Erfolgreich ist, wer sichtbar ist und einen Wiedererkennungswert hat. In kalter Marketing-Sprache: Es geht um die Ich-Marke, um das Ego-Marketing, um das Self-Seeding auf allen relevanten Kanälen. Vielleicht ist dafür ein Blick auf jene Zunft von Lyrikern sinnvoll, für die ein kreatives und vehement verfolgtes Ego-Marketing zum Tagesgeschäft gehört: Die Rapper.

Wer im Hip Hop-Geschäft wahrgenommen werden will, muss dafür jeden Kanal nutzen und unverwechselbar sein. Ein Beispiel dafür ist die Verbreitung über Mixtapes: In den 90ern produzierten Rapper ohne Label-Vertrag in Eigenregie Mixtapes mit eigenen Freestyles über angesagte Beats. Diese Mixtapes verteilten sie in ihrer Hood, in Plattenläden und nach Freestyle-Sessions in Clubs. Heute ist es noch einfacher: Das Mixtape wird als Free Download im eigenen Social Graph und an relevante Hip-Hop-Blogs verteilt.

Der heutige Milliardär 50 Cent war 1999 noch ein drogen-dealender Eckensteher in Queens, als er über ein Mixtape mit wüsten Disses gegen Rap-Stars aus New York schlagartig in der Szene bekannt wurde. (Exkurs: Manche Blogger sind da ganz ähnlich und suchen die Aufmerksamkeit über Rants gegen bekannte Blogger.) Überhaupt ist der Wettbewerb, das Kräftemessen mit Konkurrenten, ein Essential im Hip Hop. Das schärft das eigene Profil. Man vergleiche nur mal einen MC-Battle vor Publikum wie in Eminems “8 Mile”-Film mit einer gewöhnlichen Poetry-Slam oder einem Autoren-Wettbewerb.

Zur Profilschärfung setzen viele Künstler auch ein Storytelling rund um einen oder mehrere fiktive Charaktere ein. So hat es Kool Keith bis heute zu 30 verschiedenen Charakteren geschafft: Unter “Kool Keith” repräsentiert er klassischen Hip Hop, als “Black Elvis” rappt er ausschließlich über Sci-Fi-Themen und als Frankenstein-hafter Dr. Octagon experimentiert er sowohl lyrisch (Horror, Verschwörungen) wie musikalisch (Trip Hop). Die Pseudonyme verschaffen nebenbei auch Freiräume, wenn der Plattenvertrag mal die kreative Freiheit einschränken sollte.

Neben der Lust am “Battle” und am Storytelling teilen Rapper eine Lust am Konsum, die sie zu klug taktierenden Werbeträgern und Produkt-Entwicklern macht. Anno 1986 hatten die bekennenden Adidas-Turnschuh-Fetischisten RUN DMC noch keinen Sponsor. Nach ihrem Hit “My Adidas” wurde der damals noch wenig “hippe” Sportbekleidung-Hersteller aus dem fränkischen Herzogenaurach hellhörig. Folgerichtig hatten RUN DMC bald einen gewichtigen Sponsor und konnten ihre eigenen Sneakers designen.

Moderne Rap-Stars wie Jay-Z professionalisieren das noch, indem sie Mitinhaber und rappende Storyteller von Produkten werden, die zum eigenen Lifestyle passen: Champagner-Marken, Sportswear, Clubs, etc. Und wenn eine wandelnde Ich-Marke wie Jay-Z sich mal zu einer Biographie (“Decoded”) herablässt, werden alle Register des modernen Marketing gezogen: Auszüge aus “Decoded” erschienen u.a auf dem Filz von Billard-Tischen, auf dem Einwickel-Papier von Hamburgern. Außerdem wurden Textzeilen in eine New Yorker Schnitzel-Jagd auf den Spuren von Jay-Zs Leben mithilfe der Suchmaschine Bing integriert:

(Video, 3 min.)

Trotz des Hangs zum glamourösen Leben beziehen viele Rapper ihre Fans gerne in ihr Schaffen mit ein. Das Social Web ist für sie die neue Arena zum Kräftemessen und Repräsentieren. Reime werden in 140 Zeichen getwittert und bei Nichtgefallen durch die Follower einfach aussortiert. Und die besten, wirrsten Tweets von Kanye West – auch so eine wandelnde Ich-Marke in XXL – kann man als handgestickte Gemälde kaufen. Die ganz hippen MCs stellen komplette Song-Texte dem neuen Startup rapgenius zu Verfügung. Das ist eine Art Wiki, in dem Fans kryptische Slang-Ausdrücke selbst mit passenden Bildern, Definitionen und Filmen visualisieren können. Jede Begriffserklärung kann dann von den anderen Usern (inkl. dem Autor selbst!) geliket, geplusst oder verändert werden.

Kurzum: Rapper sind Pioniere in Sachen Ich-Marke und dem Sich-Selbst-Bekanntmachen auf allen verfügbaren Kanälen. Das muss man in dieser Konsequenz nicht immer sympathisch finden. Und das lässt sich auch nicht 1:1 auf das Selbstbild vieler Autoren übertragen. Aber es zeigt Möglichkeiten. Word!

Bildquelle:  NamensnennungWeitergabe unter gleichen Bedingungen Bestimmte Rechte vorbehalten von Music Trendsetter
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ZDF-Beitrag: Wie Manufactum Geschichten teuer verkauft

Das ZDF hat vor kurzem eine 30-minütige Reportage über Werbesendung für den Edel-Händler Manufactum ausgestrahlt: Retro statt Ramsch. So eine Art Werbung ist ansich natürlich nur bei Apple akzeptabel. ;) Ich finde den Beitrag aber interessant, weil durchaus deutlich wird, dass die Kunden letztlich Geschichten kaufen, bei denen allerhand Lebensgefühl mitschwingt, das auch in anderen Bereichen immer stärker bemerkbar ist – Stichworte Nachhaltigkeit und Sinnstiftung. Verkaufen mittels Storytelling ist ja ein relevantes Thema auch für das Marketing im Social Web.

Hier können Sie den Beitrag in der Mediathek anschauen

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Ira Glass über Erfolgsfaktoren des Storytelling

Das, was wir Neudeutsch Storytelling nennen, ist mindestens so alt wie die Menschheit selbst. Doch ich gehe davon aus, dass es auch bei Tieren ähnliche Phänomene gibt. Letztlich geht es ja nur darum, das zu Kommunizierende so zu verpacken, dass der Kommunikationspartner es gern und nachhaltig aufnimmt. Vor der Schriftlichkeit ist es ja sogar so gewesen, dass ausschließlich gute Geschichten überhaupt die Chancen hatten, die Zeit zu überdauern.

Es gibt viele Gründe, warum das Storytelling heute wieder stärker in den Fokus gerät. Ein Grund mag sein, dass unsere schriftliche Kommunikation sich dank des Internets der mündlichen Kommunikation annähert. Sabria David hat vor kurzem einen sehr interessanten Vortrag zu diesem Thema gehalten: Zur Genese offener Werke – Rotkäppchen 2.0, Medienwandel und schriftliche Mündlichkeit

Doch was macht nun eine gute Geschichte aus? Der in den USA aus dem Rundfunk sehr bekannte Ira Glass benennt zwei wesentliche Erfolgsfaktoren für das Storytelling:

  1. Man benötigt eine interessante Abfolge von aufeinander aufbauenden Ereignissen.
  2. Es müssen im Verlauf der Ereignisabfolge Fragen gestellt und auch beantwortet werden, die dem Ganzen Bedeutung und Nachdruck verleihen.

Video (5:30 min.):

 

Ira Glass gibt noch mehr interessante Hinweise zum Thema Storytelling:

On finding great stories
On good taste
On two common pitfalls

 

Bildquelle: Wikimedia Commons (CC-Lizenz)