Schlagwort: trends

Fürs Lagerfeuer optimiert

Für die aktuelle Ausgabe von ‚GDI Impuls‚ – einer Publikation der Schweizer Denkfabrik GDI Gottlieb Duttweiler Institute – hat Detlef Gürtler mich interviewt. Wir wagen einen Parforceritt quer durch die Medientrends-Landschaft.

Vielen Dank an das GDI dafür, dass ich das Interview hier veröffentlichen darf. Es kann auch als PDF heruntergeladen werden. ‚GDI Impuls‘ kann hier abonniert werden.

– – – – – – – – – – –

Herr Wattig, die Massenmedien seien nicht mehr als eine historische Anomalie, geradezu eine Sackgasse der Evolution, meint der britische Autor Tom Standage. Führen wir dieses Interview also über – und für – einen Dinosaurier?

«Sackgasse» und «Dinosaurier» sind zwei sehr starke Wörter. Aber während ich der Sackgassen-Metapher im Grunde zustimmen kann, bin ich mit dem Dinosaurier-Bild nicht einverstanden.

Wo ist der Unterschied? Dinosaurier waren doch eine Sackgasse der Evolution.

Nicht ganz. Immerhin stammen die Vögel von ihnen ab. Und wenn man in einer Sackgasse steckt, muss man deswegen noch lange nicht aussterben. Man kann auch einfach wenden und zurück auf die Hauptstrasse fahren. Das ist meines Erachtens eher die heutige Aufgabe der Medien – und auch ihre Chance.

Wie heisst denn die Hauptstrasse?

Kommunikation. Ganz wörtlich genommen sind Medien dazu da, die Kommunikation zwischen Sender und Empfänger zu ermöglichen. Sie sind nicht selbst der Sender – obwohl sie sich heute alle so aufführen oder sich sogar so nennen. Über Jahrtausende waren Medien immer nur ein Hilfsmittel zur Kommunikation – ob eine Steintafel für Gesetze, Rauchzeichen für die Signalübermittlung oder Lagerfeuer für das Erzählen von Geschichten.

Letzteres Bild greifen gerade die visuellen Medien immer wieder gern auf. «Wetten, dass…?», die Champions League, der sonntägliche «Tatort» oder der neue James-Bond-Film seien die verbleibenden «Lagerfeuer», um die sich die Gesellschaft schare.

Was zeigt, wie wenig sie ihre Rolle verstanden haben. An einem Lagerfeuer erzählt man sich ja Geschichten jeglicher Art, von weiten Reisen oder schaurigen Ereignissen, vom Dorfklatsch bis zur grossen Politik. Aber doch keine Geschichten über das Lagerfeuer selbst. Ein Zeichen, wie sehr Medien sich selbst zu wichtig nehmen – und wie wenig sie ihre eigentliche Aufgabe verstanden haben: Kommunikation zu ermöglichen. Wenn wir also, wie auch ich glaube, zurück zum Lagerfeuer gehen, dann heisst das nicht, dass wir uns zu Multimillionen um ein und denselben Inhalt versammeln, sondern dass wir zu wesentlich kleinteiligeren Strukturen zurückkehren. Weit unterhalb einer Grössenordnung, bei der man von Massenmedien sprechen könnte. Die werden nicht mehr gebraucht.

Wie sind die Medien überhaupt in diese Sackgasse hineingeraten?

Durch Technologie. Die Entwicklung der Verkehrs- und Übertragungstechnik seit dem 19. Jahrhundert hat den massenhaften Versand von Botschaften ermöglicht – sofern man über die entsprechende Hardware und Infrastruktur verfügt. Wer das am besten beherrschte, konnte mit weiterem technischem Fortschritt seine Reichweite, seine Umsätze und seine Profite steigern. Eine gut ausgebaute Einbahnstrasse.

Und diese Einbahnstrasse ist jetzt blockiert?

Ja.

Lassen Sie uns raten: durch das Internet?

Nochmal ja. Weil das Internet zwar den massenhaften Versand von Botschaften ungemein erleichtert hat – man nennt das meist «Spam» –, vor allem aber, weil es die massenhafte Vernetzung von Sendern und Empfängern möglich macht. Das, was die Menschen schon immer gemacht haben, machen sie jetzt wieder: sich miteinander unterhalten.

Wenn man «Medium» wieder als das versteht, was es eigentlich sein sollte, nämlich ein «Ermöglicher» von Kommunikation…

…dann wären zwei der derzeit grössten und wichtigsten Massenmedien weltweit: Facebook und Twitter. Facebook etwa nähert sich sehr der natürlichen Form der Kommunikation an. Und das, was sich bislang noch Massenmedium nennt, ob Fernsehen oder Print, ist kein Massenmedium mehr, sondern allenfalls ein Massenbotschaftsversender.

Mit solchen Botschaften machen Sie sich bei den Medienunternehmen keine Freunde.

Bei welchen Medienunternehmen? Eigentlich ist heute jedes Unternehmen ein Medienunternehmen – weil es Kommunikation und Vernetzung ermöglicht. Sollten Sie so etwas wie die heutigen Verlage gemeint haben…

…die meinten wir…

…so handelt es sich bei diesen um keine gottgegebenen Einrichtungen. Sie denken von ihrer bestehenden Infrastruktur her und sind bemüht, die Marktbedingungen, die es schon vor fünfzig Jahren gab, weiter aufrechtzuerhalten. Aber nur weil es etwas vor fünfzig Jahren gab, heisst das noch lange nicht, dass es «schon immer» da war.

Und wie kommen diese Medien aus ihrer Sackgasse wieder heraus?

Indem sie sich nicht mehr als Lagerfeuer verstehen…

…sondern als Geschichtenerzähler?

Nein. Sondern als Geschichten-Optimierer. Am Lagerfeuer wurden ja nicht einfach nur Geschichten erzählt – sondern interessante Geschichten. Da wurde das Ausgangsmaterial stetig bearbeitet, die Geschichten immer weiter optimiert. Manchmal auch über Jahrhunderte, wie die grossen Mythen von der Sintflut oder der Erschaffung der Welt.

Das war ja wohl eher ein Fall für Priester.

Die wussten ja auch schon immer, wie man Geschichten so erzählt, dass sie beim Publikum auch ankommen. Darin ähneln sie denjenigen Menschen, die heute für Medien arbeiten. Und wenn wir wieder dort landen, dass jeder jedem Geschichten erzählt, werden auch die Unternehmen erkennen, dass sie selbst Geschichten erzählen müssen; und zwar Geschichten, die ankommen. Und dafür werden sie eher keine Priester engagieren – sondern Journalisten.

Dieses Erzählen von Geschichten für Unternehmen nennt sich heute «Corporate Publishing» und ist, nun ja, nicht die höchstgeachtete Tätigkeit der Medienbranche.

Ich weiss. Weil es nicht den hehren Grundsätzen der Unparteilichkeit und Objektivität entspricht. Aber das ändert nun mal nichts daran, dass die Unternehmen nicht als Anzeigenkunden, sondern als aktive Kommunikatoren in die Informationsströme hinein müssen. Folglich wird es künftig deutlich mehr interessengeleiteten Journalismus geben. Und vielleicht braucht man ja dann auch das Objektive überhaupt nicht mehr: Wenn ich weiss, dass ich von lauter Lobbyisten umgeben bin, kann ich mir umso besser mein eigenes Urteil bilden.

Insgesamt klingt das nach ziemlich wenig Orientierungshilfe: Jeder redet mit jedem, jeder nach seinen eigenen Interessen, liquide Moderne ohne Fixpunkte – keine besonders fröhlich stimmende Perspektive.

Möchten Sie denn Fixpunkte haben, um sich zu orientieren?

Das werden wohl die meisten weiterhin haben wollen.

Wenn das die meisten haben wollen, werden sie es wohl auch bekommen. Wo alles flüssig wird – eröffnen sich neue Märkte für Fixiertes. Das ist eine der Funktionen, für die es bislang Bücher gibt: einen längeren Gedankengang in einem abgeschlossenen Vorgang darzustellen und damit einen Bezugspunkt zu setzen – an dem sich wiederum andere orientieren können. Die Buchbranche löst sich zwar auf. Aber die Funktionen, welche die Bücher heute noch erfüllen, wird es weiter geben.

Interview: Detlef Gürtler

Gemeinsamkeit zwischen der Zukunft von Foto und Buch: Alte Begriffe passen nicht mehr

3sat berichtete vor ein paar Tagen über die Ausstellung „State Of The Art Photography„. Hintergrund: Die Digitalisierung führt aktuell zu einer Diskussion, was die Fotografie von heute und morgen eigentlich ist:

Die Annäherung an die Bildende Kunst ist ganz sicher ein Thema. Was für den Betrachter wie eine Zeichnung aussieht, ist Fotografie. Auch Körper werden inszeniert, als seien sie von einem Bildhauer erschaffen. Fotos sind mittlerweile inflationär vorhanden. Viele Künstler bedienen sich dieser Bilderflut und arbeiten mehr als Archivare oder Sammler, denn als Fotografen. Sie fotografieren nicht mehr selbst, sie wählen aus.

Große Fotografen und Hochschullehrer wie Andreas Gursky wissen nicht einmal mehr, wie das heißen sollte, was sie da lehren:

„Das zu benennen, was wir machen, ist gar nicht so einfach“, sagt Gursky. „Es ist keine Malerei, es ist eindeutig Fotografie und auch keine eindeutige Fotografie. Als man mich an die Akademie berufen hat, wusste man nicht, wofür man mich berufen soll. Dann war es erst einmal ein Lehrstuhl für Freie Kunst. Das war Quatsch, denn Bildhauerei, Malerei ist auch Freie Kunst, jetzt ist es eine Professur für Bildkunst.“ Bildkunst – weil die Disziplinen nicht mehr klar voneinander zu trennen sind.

Auch „fremde“ Techniken kommen zum Einsatz:

Selbst die klassische Fotokamera wird von vielen Künstlern wie Mischa Kuball infrage gestellt. Er bedient sich eines Röntgenapparats um seine Polaroid-Kamera abzubilden. Mischa Kuball interessiert der Übergang vom realen Objekt zum Abbild. „Ich bin konzeptueller Künstler“, sagt er, „der mit dem Medium Fotografie arbeitet. Für diese Ausstellung habe ich mich sehr engagiert, weil ich gerne etwas zeigen möchte, was so aussieht wie Fotografie, was aber mit dem Bild, das wir von Fotografie haben und dem Verständnis davon nichts mehr zu tun hat.“

All das passt sehr gut zu den Zukunftsdiskussionen rund um das Buch und den Buchmarkt, wie wir sie derzeit immer wieder erleben. Da wird oft so diskutiert, als ob sich die eine Zukunft beschreiben ließe. Doch die Zukunft wird in dieser Hinsicht nicht nur facettenreich sein. Wir stellen vielfach auch hier fest, dass die alten Begriffe schlicht nicht mehr passen und den Blick auf die Zukunft eher behindern als ihn hilfreich zu leiten:

Was ist ein Buch? Das zentrale Unterscheidungsmerkmal des Buches scheint zu sein, dass hier in den meisten Fällen die Schriftform dominiert:

„Als materielles bzw. physisches Objekt oder elektronisches Speichermedium ist das Buch Produkt eines handwerklich oder maschinell geprägten Herstellungsprozesses. Es besteht aus einen Trägermaterial (…) und den darauf aufgebrachten Sprach- und Bildzeichen (…).
(…)
Als Zeichenträger speichert das Buch nicht nur Sprach- und Zahlzeichen (…), sondern auch Musiknoten (…) und Bilder (…). Entwicklung und Geschichte des materiellen Gegenstandes Buch verweisen aber auf eine Dominanz der sprachlichen Zeichen, auf die die Ökonomie der Buch-Formen ausgerichtet ist. In der Buch-Kommunikation findet Sprache die ihr gemäße Ausdrucks- und Überlieferungsform durch das Medium der Schrift.“
(Quelle)

Es gab aber schon immer auch kuriose Bücher – so wie die Kuthodaw-Pagode, das angeblich größte Buch der Welt:

Die Kuthodaw-Pagode (Pagode der Königlichen Verdienste) ist eine 1868 fertiggestellte Anlage in der myanmarischen Stadt Mandalay. Sie besteht aus 729 pavillonartigen Tempeln, in denen je eine weiße Mamorplatte liegt. (…) Auf den Marmorplatten ist der Pali-Kanon niedergelegt, das Leben und die Lehren Buddhas.

Man kann den Buchbegriff also auch weiter fassen und wie im Fall der Kuthodaw-Pagode von „Buchformen“ sprechen, was dann auch die Steintafel und die Schriftrolle umfasst:

„Buchformen, vom Trägermaterial und der Art seiner Weiterverarbeitung abhängige physische Form der Speicherung längerer zusammenhängender Texte oder mehrerer Texteinheiten, die auch illustriert sein können.“ (Quelle)

Doch auch hier dominiert die Schriftform. Was aber passiert, wenn die digitale Technologie alte Buchformen ablöst?:

„Die Geschichte der Buchformen zeigt zwar, dass phasenweise mehrere Buchformen nebeneinander Bestand haben und verwendet werden können (z.B. Codex und Buchrolle, Handschrift und Druck); in aller Regel jedoch löst die auf innovativen Technologien basierende Buchform mittel- und langfristig die Vorgängerform ab.“ (Quelle)

Natürlich könnte man dann noch zwecks Abgrenzung gewisse Prinzipien betonen, für die Bücher bisher standen. Nick Carr benennt vier solche Fixpunkte:

  • Integrity of the page
  • Integrity of the edition
  • Permanence of the object
  • Sense of completeness

Dann stellte sich aber die Frage, welchen Wert die Übertragung dieser Fixpunkte auf die digitale Welt hat. Inhalte zu fixieren und abzuschließen, wird sicher auch künftig einen Wert darstellen. Viele der Fixpunkte von Büchern werden aber von anderen Medienformen wie der Film-DVD oder der Musik-CD geteilt. In der Übertragung auf die digitale Welt wäre eine solche Abgrenzung daher also nicht buchspezifisch. Wahrscheinlich ist es zunächst sinnvoller, die Durchlässigkeit der elektronischen Form über eine Umkehrung dieser Fixpunkte deutlich zu machen, so wie es Kevin Kelly tut.

Interessanterweise spricht ja auch der Börsenverein des Deutschen Buchhandels als Buchbranchen-Verband seit geraumer Zeit nicht mehr vom Buch, sondern vom Prinzip Buch und hat dazu sogar einen Gestaltungswettbewerb ausgerufen. Ich weiß nicht, ob man sich über die Mitgestaltungschance freuen oder aufgrund einer möglichen Ratlosigkeit an zentralster Branchen-Stelle sorgen sollte:

„Das Prinzip Buch“ – anhand dieses Begriffes diskutiert die Buchbranche die digitale Entwicklung des Marktes. Hinter dem Prinzip steht der Gedanke, dass Inhalte in vielen Erscheinungsformen angeboten werden – als Print-Bücher, E-Books, Hörbücher oder für mobile Endgeräte. Bedeutet diese Entwicklung ein Umbruch oder ein Neudenken der Buchbranche? Wir laden die Teilnehmer ein, das „Prinzip Buch“ zu hinterfragen und gestalterisch zu erfassen. Grundsätzliche Leitfragen bei der Ausarbeitung können sein:

  • Was hat es mit dem „Prinzip Buch“ auf sich?
  • Wie sieht die Zukunft des Buches aus?
  • Wie sieht das Buch in der Zukunft aus?
  • Wie wird unser Leseverhalten von den Entwicklungen beeinflusst?
  • Welche Auswirkung hat der digitale Wandel auf unser Denken, auf die Kunst, auf unsere Gewohnheiten?

Der Fokus auf ein vermeintliches Prinzip Buch führt aus meiner Sicht in alle möglichen Richtungen, aber nicht unbedingt in die Zukunft, wenn man die Breite des Buchmarktes im Blick hat. Neue Medienformen von den alten her zu denken, funktioniert nur bedingt. Das Kennzeichnende am Buch ist – wie oben erwähnt – v.a. die Schriftdominanz, also eine Textlastigkeit. Doch wie sinnvoll ist ein Fokus auf dieses Unterscheidungsmerkmal bei digitalen Produkten? Man muss sich nur die ersten so genannten „enhanced e-books“ anschauen, um zu sehen, wie sehr die Grenzen der Inhalte-Arten verschwimmen.

Je länger ich darüber nachdenke, desto stärker wird meine Überzeugung, dass der Buchbegriff eher hinderlich ist beim Nachsinnen über die Zukunft. Vielleicht sollten wir dem künftigen Nischenmarkt der P-Books den Buchbegriff überlassen und für neue Produkte auch neue Begriffe nutzen. Für mich hat die Zukunft des Buches weniger mit der Technik zu tun. Technisch möglich ist fast alles. Viel entscheidender ist, was der Leser bzw. Kunde eigentlich will. Hier liegt der Schlüssel zur Zukunft. Für das aber, was der Kunde jeweils will, wird man jede geeignete Technik und Inhalte-Art nutzen müssen bei der Entwicklung künftiger Produkte und Services. Hier eine Unterscheidung nach Schrift-, Ton- oder Bewegtbilddominanz vorzunehmen, scheint mir wenig hilfreich zu sein. Interessanterweise ist gerade die alles entscheidende Kenntnis der Endkundenbedürfnisse bei vielen Verlagen heute kaum gegeben. Sie beschränkt sich bisher oft auf Verkaufszahlen.

Viel spannender finde ich die Frage nach der künftigen Bedeutung von Schrift überhaupt. Wir sind heute „people of the screen“ und nicht mehr „people of the book“. Bildschirme umgeben uns überall. Die Technik hinter diesen Bildschirmen wird immer leistungsfähiger und das Inhalte-Angebot wird immer reichhaltiger. Da heute jeder ins Internet schreiben kann, nimmt natürlich auch die absolute Textmenge zu. Doch Schrift wurde irgendwann mal erfunden als Hilfsmittel, um mit Botschaften Raum und Zeit zu überbrücken. Nun können wir dafür dank Internet aber auch die gewissermaßen „natürlicheren“ Formen Bewegtbild und Ton verwenden und das im Gegensatz zu früher ohne hohe Kosten. In vielen Fällen ist das auch sinnvoll. Ich könnte mir daher gut vorstellen, dass die relative Bedeutung von Schrift zurückgehen wird.

Bildquelle: NamensnennungKeine Bearbeitung Bestimmte Rechte vorbehalten von World/In/My/Eyes

—————————————————-
Abo + Austausch: Feed, E-Mail, Facebook, Google+, Twitter, Xing, LinkedIn

Mary Meeker: Übersichtspräsentation zu globalen Internet-Trends

(Video, 32 min.)

KPCB Internet Trends (2011)

—————————————————-
Abo + Austausch: Feed, E-Mail, Facebook, Google+, Twitter, Xing, LinkedIn

Der Megatrend „Lifeblogging“ als wichtige Ursache für die Ver-x-fachung der Datenmengen im Internet

Es stellt sich die Frage, wo die Mengen an vorausgesagten Daten herkommen sollen, die wir künftig teilen:

Mark Zuckerberg sagt voraus: Die Menge der im Social Web geteilten Inhalte wird sich jedes Jahr verdoppeln

Ich denke, verschiedene Datenquellen werden mit hineinspielen. Zum einen wird alles uns Umgebene Teil des Internets und über Sensoren u.ä. zu Datenquellen – eine Art „Outernet“ entsteht. Dieses fordern wir sogar ein, weil wir vom Internet und seinen Möglichkeiten Verwöhnten immer öfter feststellen müssen, dass die analoge Welt in vielen Bereichen neben Vorteilen tatsächlich auch Nachteile hat:

Die analoge Welt ist “broken” – Die Netzwelt als Standard auch im “echten” Leben

Künftig wird also alles – entsprechend über Algorithmen und Social-Media-Crowdsourcing vorgefiltert – abonnierbar sein oder andernfalls an Bedeutung verlieren. Da Zeit das ordnende Prinzip ist, werden wir überall umgeben sein von Streams, in die wir bei Interesse eintauchen können, so wie wir es heute im Netz schon zu tun beginnen:

Alles im Fluss? – Das Social Web als Abo-Dienst

Hinzu kommt aber noch, dass nicht nur die uns umgebenen Objekte Teil des Internets sind/werden, sondern auch wir selbst mit allem was wir haben und was uns ausmacht. Wir Menschen werden zu wandelnden „Lifeblogs“ – was Heavy User von Foursquare & Co. ja schon heute in Ansätzen sind:

The Quantifiable Self

Ein paar aus meiner Sicht besonders interessante Zitate von Kevin Kelly bzw. Ethan Zuckerman zum Megatrend „Lifeblogging“:

(…)
Through technology we are engineering our lives and bodies to be more quantifiable. We are embedding sensors in our bodies and in our environment in order to be able to quantify all kinds of functions. Just as science has been a matter of quantification — something doesn’t count unless we can measure it — now our personal lives are becoming a matter of quantification. So the next century will be one ongoing march toward making nearly every aspect of our personal lives — from exterior to interior — more quantifiable. There is both a whole new industry in that shift as well as a whole new science, as well as a whole new lifestyle.
(…)
These lifestreams intersect with each other and are, in a way, creating a new media. If we organize computation around lifestreams, an intersection between our lifestreams is a communication, an event of some sort. The media we are in is these streams of data. Everything around us has a sliver of intelligence in it, and is generating bits of data. Each of those objects has a lifestream of data, from the hotel room to your shoes. This environment, with data streams and life streams, is the space where we’ll do the work of the quantified self.
(…)

Gerade für Verlage, die sich als Erlebnis-Agenturen verstehen, bieten sich hier Chancen:
We don’t really care about data, he reminds us – we care about experience.

Weiter:

(…)
Everything that can be shared will be shared, because sharing things increases their value.
(…)
The cost of privacy is generic relationships – if you’re unknown to everyone, it’s hard to customize to you. On the other side, you can have high transparency and high personalization, and people seem to be willing to push the slider far in that direction. The difference between quantified self and intimate surveillance is, basically, permission.
(…)
The third question KK offers is who owns this data? Who owns your friendships? There’s another party involved. Who owns your genes? 99.9% are shared by other humans. Who owns your location? The knowledge that you’re in a public space is hard to own. Your reputation or history? Your conversations? The real issue is that we’re moving away from ownership altogether to access.
(…)
We’re going to become quantifiable to the point where we’re real time and changing ourselves in real time.
(…)

Insgesamt alles sehr anregend und bedenkenswert. Viele Vorläufer dieser Zukunft sehen wir heute bereits, wie das immer der Fall ist, was Kelly an anderer Stelle treffend beschreibt:

Well, one lesson we can take from the web today is that any possible behavior is already happening somewhere at least once in the world. The very long tail of the future is already here.
(…)
„The future is unevenly distributed,“ to paraphrase the great Gibson.

————————–
Blog-Abo: Feed E-Mail Facebook Google+ Twitter
————————–

Die analoge Welt ist „broken“ – Die Netzwelt als Standard auch im „echten“ Leben

Interessant ist, mit welchen Nutzungsgewohnheiten Kinder heute aufwachsen. Moderne Hardware prägt hier Erwartungen, wie mit Objekten interagiert werden kann und sollte. Kevin Kelly hat eine Anekdote dazu festgehalten:

Another friend had a barely-speaking toddler take over his iPad. She could paint and handle complicated tasks on apps with ease and grace almost before she could walk. It is now sort of her iPad. One day he printed out a high resolution image on photo paper and left it on the coffee table. He noticed his toddler come up to up and try to unpinch the photo to make it larger, like you do on an iPad. She tried it a few times, without success, and looked over to him and said „broken.“

Während wir heute also noch oft den Anspruch haben, dass die Netzwelt so sein sollte, wie wir es aus dem „echten“ Leben kennen, wird es künftig anders herum sein. Analog werden wir auch offline ähnlich Marketing u.ä. betreiben, wie wir es aus dem Netz kennen. Dafür werden natürlich schon beizeiten die passenden Buzzwords kreiert: TrendONE bspw. spricht in diesem Zusammenhang vom „Outernet“ als Zukunftsthema:

Das Internet dringt über mobile Endgeräte immer nahtloser in unseren realen Alltag ein. Losgelöst von stationären Endgeräten kommt es zu einer Verschmelzung zwischen Internet und realer Welt, in der sich beide Komponenten ergänzen: Das Outernet, die mobilere und allgegenwärtigere Form des Internets, ist geboren. Verlinkungen, Suchfunktionen und Personalisierung können auf physische Objekte übertragen werden, die so zu Informationsträgern werden.

Bildquelle: NamensnennungKeine Bearbeitung Bestimmte Rechte vorbehalten von umpcportal.com

——————–
Blog-Abo: Feed E-Mail Facebook Twitter Twitter (nur Blog) Google+
——————–

Amit Kapur: 1. their web 2. our web 3. your web

(…)
Many of you reading this are avid users of social technology. Like me, you’re probably beginning to experience information overload in your social streams. There’s great content there, but it’s getting increasingly difficult to find it. In engineering terms, the signal-to-noise ratio is dropping (or, as a corollary, the work-to-reward ratio is increasing). And, as more people become more active in the social and real-time web, the problem will only get worse.
(…)

Amit Kapur: The Future Will Be Personalized

Gerd Leonhard: Wichtige Marketing-Trends

Gerd Leonhard habe ich hier im Blog ja schon öfter zu Wort kommen lassen. Jetzt hat er ein Video (7 min., siehe unten) gepostet, in dem er wichtige Marketing-Trends skizziert. Er spricht auch das Thema „Wert von Content vs. Wert von Zusatzinformationen“ an, welches wir vor zwei Wochen auf der Buch Digitale ebenfalls diskutiert haben. Dort hat Giles Grant von Thomson Reuters die Diskussion mit dieser einleuchtenden Grafik schön auf den Punkt gebracht:

 

Weitere Kernpunkte sind:

  • Mobile broadband means the end of advertising as we know it
  • Marketing is following media
  • Data is the new oil
  • The best advertising will be content
  • Get ready for the tribalisation of business