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Interview: Bastei-Entertainment-Cheflektor über Autoren-Castings als Weg der Autorengewinnung für Buchverlage

Jan F. Wielpütz ist Cheflektor bei Bastei Entertainment, der „Digital-Content-Schmiede“ von Bastei Lübbe. Bastei Lübbe ist der größte konzernunabhängige Belletristik- und Sachbuchverlag in Deutschland. Ein erstes Highlight-Produkt von Bastei Entertainment ist der digitale Serienroman APOCALYPSIS, der dem Leser auf alle Devices und Plattformen folgt. Für diesen wurde mit dem Autoren-Casting ein Ansatz der Autorengewinnung gewählt, den ich persönlich sehr interessant finde, weil ich glaube, dass er stark an Bedeutung gewinnen wird für Buchverlage, da sie auf diesem Wege gezielt Content-Marken aufbauen können, die dann auch ihnen gehören. Das sieht anders aus, wenn ein Verlag „nur“ Stoffe von/für Autoren umsetzt. Für Bastei Lübbe ist der Erfolg seiner Webnovel inkl. Autoren-Casting der Startschuss für ein ganzes „Digital-First“-Programm.

Jan F. Wielpütz, der als Stefan Bonner selbst auch Erfahrung als Bestseller-Autor hat, war so freundlich, mir einige Fragen zum Autoren-Casting für APOCALYPSIS zu beantworten:

Wattig: Wie sieht der klassische Weg aus, auf dem Bastei Lübbe Autoren gewinnt?

Wielpütz: Das normale Buchlektorat akquiriert seine Stoffe aus verschiedenen Quellen: Die meisten Autoren kommen über literarische Agenturen, die sich auf die Vermittlung von Buchstoffen spezialisiert haben und so eine Art Vorauswahl für Verlage treffen. Daneben lizensieren wir die Stoffe ausländischer Verlage, die im Publikumsbereich überwiegend aus England und Amerika kommen. Last but not least gibt es natürlich noch die unverlangt eingesandten Manuskripte, die uns direkt von Autoren zugeschickt werden.

Warum lief es bei APOCALYPSIS anders?

Bei APOCALYPSIS hatten wir von Beginn an eine klare Vorstellung, wie das Produkt aussehen sollte. Wir wollen die weltweit erste digitale E-Book-Serie produzieren, die verschiedene Medienformen zusammenbringt und Text mit Film, Spiel, Audio und Animation verbindet. Das inhaltliche Story-Konzept dazu stammte aus dem Lektorat selber. Das bedeutet: Wir hatten die Geschichte und brauchten jemand, der sie umsetzt. Wir konnten also nicht wie gewöhnlich darauf warten, dass ein Autor an uns herantritt, sondern mussten ihn aktiv suchen.

Was musste der Autor hier konkret mitbringen, um in Frage zu kommen?

APOCALYPSIS war eine Art Auftragsarbeit. Wir brauchten einen Autor, der es gewohnt war, einen Stoff dramaturgisch nach gewissen Vorgaben zu entwickeln und diesen Rahmen nicht zu verlassen. Außerdem musste er ein absoluter Teamplayer sein: Wir haben APOCALYPSIS in Zusammenarbeit mit App-Entwicklern, Spiele-Programmierern, Art Designern und Filmemachern produziert, die natürlich alle eigene Vorstellungen für ihr jeweiliges Gebiet mitbrachten. Darauf musste der Autor eingehen und die Story oft dahingehend abändern, dass sie den zu integrierenden Medienformen gerecht wurde. Am besten passte auf diese Anforderungen das Profil eines Drehbuchautors, der von Filmproduktionen solche Arbeitsabläufe gewohnt ist.

Wie lief das Autoren-Casting konkret ab?

Wir haben rund zwei Monate lang nach Autoren gesucht, deren Profil mit unseren Anforderungen grundsätzlich übereinstimmt. Anschließend haben dann rund zwei Dutzend Autoren ein Probekapitel für APOCALYPSIS geschrieben. Die Leseproben hat ein Lektoratsteam ausgewertet und sich für letztlich für einen Autor entschieden: Mario Giordano, der als Kinder- und Jugendbuchautor über belletristische Erfahrung verfügt und als Drehbuchschreiber für Serien wie Tatort arbeitet und auch das Skript zum Film DAS EXPERIMENT mit Moritz Bleibtreu verfasst hat.

Gibt es für die Autoren hier andere Konditionen als beim klassischen Weg?

Nein. Die Konditionen entsprechen grundsätzlich den üblichen Vereinbarungen, die wir auch im Buchbereich treffen. Wichtig ist für uns als Verlag, dass wir über möglichst viele Verwertungsrechte verfügen, damit wir den Stoff in zahlreichen Produktformen anbieten können: So gibt es APOCALYPSIS zum Beispiel nicht nur als multimediale App, sondern auch als herkömmliches E-Book, Audio-Download, Taschenbuch, Hörbuch CD sowie als Read&Listen-Fassung, die Text und ungekürzte Audiospur enthält und Ihnen als Leser jederzeit den Wechsel zwischen Lesen und Hören erlaubt.

Wie sehen Sie die künftige Bedeutung solcher Autoren-Castings als Weg zur Autoren-Gewinnung im Verhältnis zu klassischen Wegen?

Ein Autoren-Casting oder -Wettbewerb ist organisatorisch sehr anspruchsvoll. Daher kann eine solche Maßnahme immer nur eine Ergänzung zu den üblichen Wegen sein, diese aber nicht ersetzen.

Was können Autoren ganz praktisch tun, um für solche Publikationsprojekte eher in Frage zu kommen?

Es ist schwierig, die Anforderungen zu verallgemeinern. Wichtig ist natürlich, dass die Autoren ihr grundsätzliches Handwerkszeug beherrschen: Dramatugie, Szenenaufbau, Charakterführung, Dialoge, Stil, oder auch die Spielarten des Genres, in dem sie schreiben. Für multimediale Projekte wie APOCALYPSIS muss der Autor außerdem in den Medien „zuhause sein“, die bespielt werden. Er muss sich also vorstellen können, wie der jeweilige Stoff zum Beispiel als Film oder Spiel umgesetzt werden könnte. Es schadet daher nicht, wenn man sich als Autor professionalisiert und sich auf verschiedene Medienformen spezialisiert. Ich habe als Autor sicher mehr Chancen auf spannende Projekte, wenn ich nicht nur Belletristik schreiben kann, sondern mich zum Beispiel auch im Bereich Drehbuch oder Computerspiel auskenne.

Vielen Dank für Ihre Zeit!

Bildquelle: Olivier Favre

Gesine von Prittwitz über A-, B- und C-Autoren und die Programmplanung bei Buchverlagen

Die immer interessante Rowohlt-Autorin Kathrin Passig hat die erfahrene Buchmarkt-PR-Frau Gesine von Prittwitz (prittwitzundpartner.de) interviewt und ihr u.a. einige interessante Aussagen über den Buchmarkt und die Autoren-Verlag-Beziehung entlockt. Über diese Beziehung werden wir auch am 30.07. in Frankfurt mit Cora Stephan diskutieren.

Bekanntlich verdienen wenige Autoren sehr gut und viele sehr schlecht. Es gibt da durchaus einen Zusammenhang zu dem Vorgehen der Verlage, was nicht jedem angehenden Buchautor bewusst ist:

(…) Fakt ist, dass du als Verlag A-, B- und C-Titel hast, und für den A-Titel fasst du Geld an, da machst du Pressearbeit, da schaltest du Werbung, da lässt du dich auf die Konditionen ein, die da eben diktiert werden von den Großen. Alles andere sind im Grunde genommen Platzhalter. Den Autoren gegenüber wird das bemäntelt, man spricht da nicht so gern drüber. Das merkst du jetzt auch hier, wenn wir vom Buch sprechen, dann hast du immer diese Aura Buch, das Kulturgut Buch. Damit wird vieles bemäntelt.

Im Grunde genommen verhandeln die ja das Buch wie einen Autoreifen. Es geht hier um Verkaufen, und dann setzen wir eben … ja, in der Regel hast du vielleicht – je nach Größe des Verlages – drei A-Titel. Um die dreht sich alles, und der Rest fällt durchs Raster. Und der Buchhandel remittiert, das ist unglaublich, wie schnell die remittieren. Was nicht läuft, wird verramscht. Ich meine, das sagst du ja deinem Autor nicht, dass sein Buch nur ein B-Titel ist. Da kann man eigentlich nur hoffen, dass sich halt durch diese Entwicklung, über die du schreiben willst, ein bisschen was verändert. Weil die Verlage halt irgendwann lernen müssen, auch mit offeneren Karten zu spielen. Das ist so ein gängiges Argument, “der Leser wollte das nicht”. Wer diktiert denn den Lesergeschmack, frag ich mich immer.
(…)

Sie spricht auch darüber, wie die Programmplanung mancher Verlagshäuser anscheinend abläuft:

(…)
Heute ist es so, dass wir von XY – also dieses Haus gehört einem Konzern, den nenne ich jetzt mal XY – von XY kriegen wir Vorgaben, und diese Vorgaben müssen wir erfüllen. Das sind die sogenannten Programmplätze. Und es ist nicht nur die Menge der Bücher, sondern die Erscheinungsrhythmen werden ja auch immer kürzer. Wir haben mittlerweile drei Auslieferungen, nicht mehr nur Frühjahr und Herbst, es gibt auch noch die Weihnachtsauslieferung.

Und jetzt hat irgendjemand entschieden: Apfelessig ist gerade in, also machen wir jetzt Apfelessig. Vor Jahren war es mal Apfelessig, das ist schnurz, setz ein, was du willst. Dann müssen die mit heißen Nadeln ihre Programmplätze besetzen. Da werden Titeleien eingekauft, keine Bücher. Und dann werden Agenten angerufen: “Habt ihr was in der Art?”, und die suchen dann händeringend Autoren. Dann ist die Vertreterkonferenz, da wird das Programm vorgestellt. Da weiß keiner etwas, außer: Apfelessig und Teebeutel, wie mach ich das? Und dann kommt irgendwann ein Buch ins Haus. Das muss aber eigentlich schon gedruckt werden, das ist hanebüchen. Dann sitzt der Lektor da und schlägt das Ding auf, und es steht aber womöglich was völlig anderes drin. Die Vorschau ist aber schon gedruckt! Und es ist auch schon spezifiziert worden, das ist unser A-Titel. Und da ja dann meistens keiner mehr Zeit hat, irgendwas zu lesen, bin ich dann oft als Pressezuständige das letzte Glied. Ich schlag dann das Ding auf und stell fest: Hey, der schreibt überhaupt nicht über Apfelessig, sondern der schreibt über Brombeertee! Das ist jetzt zugespitzt, aber so läuft das. (…)

Diese Art der Programmplanung führe auch dazu, so von Prittwitz weiter, dass viele befähigte Autoren nicht in die Verlage kämen, weil es eben von der Meta-Planung gerade nicht passt.

Interview komplett lesen.

Gesine von Prittwitz hat sich auf ihrem Blog auch zu den Reaktionen auf das Interview geäußert.

Verlagsautorin Petra van Cronenburg über ihre Self-Publishing-Experimente

Detailliert und lesenswert:

Hilfe, ich habe mein Buch verschenkt!

(…)
Auch wenn ich vielleicht nie die Verteilermacht eines Verlags erreiche und viel weniger Bücher verkaufe. Um 1000 Euro zu erwirtschaften, muss ich 2500 Taschenbücher im Verlag verkaufen, aber nur 303 E-Books im Self Publishing.

Aber wie verkauft man als Noname im Dschungel der Verschenkbücher und des Datenmülls, der Spam-E-Books und viel zu vielen Bücher auf dem Markt? Ich kann das genau sagen: Innerhalb der ersten zehn Tage, nur nach Werbung im Blog und bei meinen wenigen Social-Media-Fans hatte ich ganze 15 Exemplare verkauft. Der Himmel hängt also auch hier viel zu hoch! Es pendelte sich bei etwa einem verkauften Buch pro Tag ein. Kein Vergleich zur TB-Auflage. Aber mehr als die Kollegin mit den 23 Verlags-Ebooks im Jahr geschafft hat, war es allemal.
(…)
Ich habe den Versuch gewagt, mein Werk nicht grundsätzlich zu verschenken (dann wäre ich echt gehirnamputiert), sondern gezielt und für einen begrenzten Zeitraum.
(…)
Die große Überraschung kam danach. Eine kurze Zeit bleibt das Buch in der Gratis-Bestsellerliste (Zeitverschiebung zu USA), hat aber bereits schon wieder einen Verkaufspreis. Und das hat die ersten Käufer absolut nicht abhalten können! Im Gegenteil.
(…)

via: neunetz.com

Beispiel für Innovationshemmnisse in der Buchbranche – das gewachsene Verhältnis Verlag-Buchhandel

Es ist ja kein Geheimnis, dass in Zeiten von Branchenumbrüchen etablierte Unternehmen oft auf der Strecke bleiben, weil sie den Innovationssprung nicht bewältigen. Denn wenn sie neue Geschäftsmodelle erproben, untergraben sie damit oft ihre bestehenden und einträglichen Erlösquellen. Daher gehen Innovationen dann auch meist nicht von den etablierten Unternehmen aus, sondern von Markt-Neulingen.

Inzwischen heißt es ja auch oft, die Buchbranche hätte die Digitalisierung verschlafen. Ganz so krass ist es nicht. Zweifelsohne hat sie sich in der Gesamtheit aber auch nicht mit Begeisterung darauf gestürzt. Das hat auch mit dem oben beschriebenen Zusammenhang zu tun. Hinzu kommen aber auch ein paar Branchenspezifika:

Traditionell sind die drei „Sparten“ der Buchbranche (Verlage bzw. „herstellender Buchhandel“, Zwischenbuchhandel und „verbreitender Buchhandel“) sehr eng verbunden, was im Börsenverein des Deutschen Buchhandels zum Ausdruck kommt, der damit als Branchenverband ziemlich einzigartig ist:

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels e.V. ist weltweit der einzige Verband, der alle drei Handelsstufen unter einem Dach vereinigt – Verlage, Buchhandlungen, den Zwischenbuchhandel, Antiquariate und Verlagsvertreter.

Zudem steht der „verbreitende“ Buchhandel noch immer für ca. die Hälfte des Branchenumsatzes:

Der stationäre Buchhandel und die dortigen Akteure sind auch die einzige Zielgruppe, welche viele Verlage in der Vergangenheit wirklich gut kannten. Daher ist der ganze Bereiche „Social Media“ mit seinem Endkunden-Direktmarketing-Ansatz vielen Verlagen auch so neu und fremd.

Jedenfalls führt diese gewachsene Struktur und die daraus folgende Mentalität dazu, dass viele Neuerungen und Experimente der Verlage vom Buchhandel attackiert werden. Das ist von außerhalb der Branche nicht unbedingt ersichtlich, wo es dann schnell heißt, die Buchverlage könnten Innovation einfach nicht. Aber natürlich müssen Verlage auf ihre – noch immer – Hauptkunden zumindest rhetorisch Rücksicht nehmen, was dann häufig auch zu einer neuralgische Punkte meidenden Sprache führt.

Sehr gut illustriert wird der ganze Zusammenhang durch ein Beispiel, auf welches ich vor ein paar Tagen beim Börsenblatt gestoßen bin. Dort wird berichtet:

Bastei Lübbe startet in diesem Jahr ein rein digitales Programm „Digital First“. Dessen Inhalte erscheinen als Erstveröffentlichung in digitaler Form, wie die Kölner mitteilen. (…)

Jetzt könnte man denken: Das ist ja überaus erfreulich. Da wird experimentiert. Da wird Zukunft erprobt …

… Denkste! Wie lautet der einzige Kommentar, der von Esther Giese, Inhaberin des Buchladen Sülzburgstraße, stammt?:

Ich werde daraus Konsequenzen ziehen und nur die nötigesten Titel bei Lübbe bestellen. Lübbe versucht den Buchhandel auszuklammern. (…)

Ergo: Auch das Verlagsleben ist nicht ganz so einfach, wie es von außen manchmal scheint.

Bildquelle: Namensnennung Bestimmte Rechte vorbehalten von Phil Roeder

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Wissenschaftlicher Springer Verlag startet 2. Runde seines API-Wettbewerbs

Vor ein paar Wochen schrieb ich hier im Blog, dass wir in der Verlagsbranche mehr API-Wettbewerbe und Hackathons bräuchten:

Im Internet sind v.a. jene Unternehmen erfolgreich, die sich nicht als Destination, sondern als Plattform begreifen und die Chancen nutzen, welche Programmierschnittstellen (APIs) bieten. (…) Aus dem Buch-Verlagsbereich sind mir noch nicht viele Beispiele bekannt, bei denen APIs gezielt sogar für die Produktentwicklung genutzt werden. Natürlich nutzen Verlage APIs auf ganz einfache Weise, indem sie YouTube-Videos und Facebook-Widgets einbinden. Auch im Vertrieb werden APIs durch mobile Buch-Slider und -Shops wie Book2Look immer häufiger genutzt (oft ohne dass der Begriff API erwähnt oder gedacht wird). Doch im Bereich der Produktenticklung kenne ich als prominentes Beispiel im deutschsprachigen Raum nur den API-Wettbewerb von Springer, dessen erster Durchgang im Juli 2011 abgeschlossen wurde.

Tina Harseim hat mich nun darauf hingewiesen, dass der wissenschaftliche Springer Verlag die zweite Runde seiner „API Challenge“ gestartet hat. Diese setzt auf die verfügbaren Springer-APIs auf:

We have created three APIs for developers to access our freely available content:
Springer Metadata API – Provides metadata for over 5 million online documents (e.g. journal articles, book chapters, protocols).
SpringerImages API – Provides images and related text for over 300,000 free images available on SpringerImages.
Springer Open Access API – Provides metadata, full-text content, and images for over 80,000 open access articles from BioMed Central and SpringerOpen journals.
Springer APIs provide a variety of different output formats, including XML and JSON.

Der Wettbewerb soll diesmal sehr konkret gehalten werden:

Springer Metadata API
Goal: Develop an application that provides a novel search solution based on an analysis of trends in the metadata.
SpringerImages API
Goal: Develop an application that uses image recognition to analyze, compare, or search images.
Springer Open Access API
Goal: Develop an application that uses semantic modeling to interpret characteristics of individual full-text documents and/or to analyze relationships among full-text documents.
Mashups of our APIs with open sourced (and non-copyrighted) data are encouraged.

Alle weiteren Infos gibt es bei dev.springer.com

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Marketing-Interview: Hans-Joachim Jauch, Geschäftsführer des Oldenbourg Industrieverlags und des Vulkan Verlags

Die Interview-Reihe „Ich mach was mit Marketing“ soll dazu dienen zu zeigen, wie interessante Menschen in interessanten Märkten die (z.T. neuen) Möglichkeiten des Marketings für sich und ihr Unternehmen nutzen. Wer Lust hat, auch ein Interview beizusteuern, kann mich einfach kontaktieren oder mir direkt die Antworten und ein Foto von sich zusenden. (Jedoch behalte ich mir vor, nicht alle Zusendungen zu veröffentlichen.) Die bisherigen Interviews finden Sie hier.

Heute stellt sich Hans-Joachim Jauch vor:

Wer sind Sie und „was machen Sie mit Marketing“?

Wenn ich die aktuellen Rollen betrachte, dann bin ich Familienvater, Medienmanager, Buchautor, Info-Nerd, Community-Organizer, Reisender und Freizeit-Abenteurer. Hin und wieder gleichzeitig, meist sequenziell. Als Frühaufsteher und Zeitmanager kann ich einiges in den Tag packen.

Im Hauptberuf fungiere ich als Geschäftsführer der verbundenen Medienunternehmen Oldenbourg Industrieverlag (OIV) und Vulkan Verlag (VV). Wir sind Anbieter von hochwertigen Fachinformationen für Ingenieure, Techniker und das technische Management. Zu den Schwerpunkten gehören die Automatisierungstechnik, der Anlagenbau, die industrielle Nutzung von Energien sowie die Ver- und Entsorgungstechnik.

Für mich bedeutet Marketing ganzheitliche Unternehmens- und Produktführung. Somit bin ich als Geschäftsführer oberster Marketingverantwortlicher.

Was ist das Besondere an Ihrem Markt/Ihrer Zielgruppe?

Unser Kerngeschäft ist die Wissensvermittlung durch das Bearbeiten und Verkaufen von hochwertigen, fundierten und verlässlichen Informationen für die Branchen. Diese Informationen zeichnen sich in allen wichtigen Medienformen durch hohen Nutzwert, Praxisrelevanz und gute Verständlichkeit aus.

Besonders ist unsere Nähe zu den Zielgruppen. Wir erstellen kaum eigenen Content. Wir motivieren jedoch auf sehr persönliche Art Ingenieure und Wissenschaftler, uns Fachinhalte zu liefern. Beim OIV gibt es seit über 150 Jahren „User Generated Content“. Aus den Branchen kommen selbstverständlich auch die Anzeigen sowie die Leser. Damit ergibt sich ein Funktionsdreieck: Jeder Kunde kann Leser, Inserent und Autor sein. Wir als Medienunternehmen bieten passende Kommunikationsplattform (Bücher, Zeitschriften, Veranstaltungen, Web etc.).

Was ist das Besondere an Ihren Marketing-Aktivitäten?

Die Teilhabe der Zielgruppen an der Produktentwicklung ist sehr stark verankert. Unsere Zeitschriften haben Herausgeber-, Beirats- und Schriftleiter-Gremien, die in regelmäßigen Abständen tagen. Die Blätter sind den wichtigen Gesellschaften, Hochschulen und Verbänden z.B. über Organschaften verbunden. Viele Artikel müssen sich zur Qualitätssicherung dem Peer-review-Verfahren, also einer Experten-Bewertung, unterziehen.

Wir sind in Nischen tätig. Marktaktiv zu sein, bedeutet für OIV/VV fast immer Direktmarketing. Oft sogar mit hochrangigen Entscheidungsträgern im Vier-Augen-Gespräch. Natürlich nutzen wir ein CRM-System. Jeder persönliche Kontakt sollte sympathisch und imagefördernd sein, denn wir wollen in unseren Schwerpunktbranchen der bevorzugte deutsche Medienpartner national und international agierender Unternehmen sein.

Wie messen Sie Erfolg?

Keine Zweifel, wir sind ein Wirtschaftsunternehmen, dessen Erfolg am betriebswirtschaftlichen Ergebnis gemessen wird. Darüber hinaus hat sich OIV und VV auf den Fahne geschrieben, den Wissenstransfer für die globale Industrialisierung und Versorgung zu fördern. Da ist es ein Erfolg, wenn man uns, wie kürzlich geschehen, auf europäischer Ebene bittet, eine Kommunikationsplattform einzurichten.

Persönlich messe ich den Erfolg am Freiheitsgrad, den ein Unternehmen hat. Nur erfolgreiche Unternehmen können das tun, was sie für richtig halten und manches testen. Fehlt der Erfolg, fahren an allen Ecken Schranken hoch.

Welche Ihrer Marketing-Maßnahmen der jüngsten Zeit war besonders erfolgreich oder interessant?

Unsere Kunden haben nicht zu wenig Information. Im Gegenteil, sie werden überhäuft und abgelenkt. Aufgabe von OIV/VV ist es, für exquisiten User Generated Content zu sorgen. Dafür sind die Leser auch bereit zu zahlen. Ingenieure sind konservativer als man annehmen könnte. Papier spielt noch die primäre Rolle. Webseiten und HTML-Newsletter stehen teils im Ruf, Minderwertiges zu bieten. Wir steuern mit werbefinanzierten, elektronisch verteilten Qualitäts-ePapers im PDF-Format gegen. Und positionieren Print bewusst für die Entscheider im hochpreisigen Premiumsektor. Ein solches Premium-Druckerzeugnis muss auch ein haptisches Erlebnis sein.

2010 haben wir das sehr erfolgreich in der Automatisierungssparte umgesetzt. Mit einem radikalen Relaunch wurde die Zeitschrift „atp edition“ in allen Belangen -inhaltlich, vom Layout und der Ausstattung her – hochwertig durchgestaltet und der Abopreis auf 490,- Euro verdreifacht. Über 80 Prozent der Bezieher haben diese Preiserhöhung 2010 akzeptiert. Über 90 Prozent bezahlten die Abo-Rechnung für 2011 und es kommen stetig Neuabonnenten hinzu. Das atp-Modell ist inspiriert vom Freemium-Konzept, das der WIRED-Chefredaktuer Chris Anderson ausführlich in seinem Buch „Free“ vorstellt. Wie haben die Marketingaktion mit allen Beteiligten, auch Teilen der Zielgruppe, generalstabsmäßig geplant und durchgezogen. Das war eine sehr schöne Erfahrung für das Team.

Wie sieht ein typischer Tag bei Ihnen aus?

Früh aufstehen. Täglich mindestens 45 Minuten Sport. Anständig frühstücken. Fahrt ins Büro oder zum Flughafen. Menschen treffen. Planen, kommunizieren, delegieren, motivieren, kontrollieren und bewerten. Sich informieren und weiterbilden. Heimfahrt. Abendessen. Infos aus dem Familennetzwerk aufnehmen und kommentieren. Physischer oder digitaler Kontakt zu Freunden. Lesen und unter Pseudonym schreiben (siehe zum Beispiel amzn.to/jl0edh). Noch vor 24 Uhr ins Bett.

Wo finden wir Sie im Internet?

Mich persönlich finden Sie bei Facebook, Twitter, Xing und Google+. Ich habe eine bescheidene private Webseite. Und das ganze Programm dann nochmals für mein Autoren-Pseudonym „Maximilian Buckstern“. Der schreibt auch ein Blog unter ebookstern.blogspot.com. Buckstern wurde für meinen persönlichen eBook-Selbstversuch geboren. Inzwischen führt er ein beträchtliches Eigenleben. Dazu gehört die gedruckte Version von „Bücher gratis für iPhone, Kindle und Co.“, die im August durch Wiley-VCH in den Buchhandel kommt. Und Buckstern hat jetzt einen kleinen Bruder, dessen Name und Werk aber noch nicht verraten wird. Nur soviel: Sein Ratgeber ist in diesen Tagen bei Amazon/Kindle in der Rubrik „Lebensführung“ veröffentlicht worden und gut eingestiegen. Damit geht ein weiterer eBook-Marketing-Selbstversuch an den Start. Diesmal für eine andere Zielgruppe.

Danke!

Bildquelle: Hans-Joachim Jauch

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Website-Relaunch der S. Fischer Verlage als Beispiel für fehlende Abo-Möglichkeiten

Noch immer habe ich häufig den Eindruck, dass viele Unternehmen ihre Websites als eine Art Magazin gestalten, das zwar optisch ansprechend ist, aber nicht an jeder Stelle von der Mediennutzung der Zielgruppen her gedacht ist. Diese nutzen das Netz heute zunehmend als Abo-Service, um so effizient und zeitsparend Informationen zu beziehen, welche sie zuvor häufig noch über Social-Media-Systeme (vor-)filtern lassen.

Aufgefallen ist mir das wieder beim Ansehen der neuen Website des bekannten Publikumsverlages S. Fischer. Thomas Reisch, Marketingleiter der S. Fischer Verlage, dazu:
„Das Portal ist nicht nur schön, übersichtlich und frisch geworden, es wartet auch mit zahlreichen neuen Features auf. Es ist bestimmt nicht übertrieben zu behaupten: Unter den Verlagswebsites ist unsere Site derzeit ‚state of the art“

Erstem Teil stimme ich zu. Aber ist die Website wirklich „state of the art“?

Es gibt dort etliche statische Seiten, die Informationen zu den Autoren, Büchern, S.-Fischer-Verlagen und etlichem mehr bieten. Es gibt einen Service-Bereich, wo man bspw. Info-Material herunterladen kann. Weiterhin findet sich Buchverlagstypisches wie Unterseiten zum Handel und zu den Rechten. Natürlich lassen sich Bücher über die Website auch kaufen, was ja neben der Informations-Funktion ein sinnvolles Ziel der Website ist.

Doch bekanntlich interessiert sich ansich niemand für Unternehmens-Websites. Dieses Interesse muss erst geschaffen werden. Sehr geeignet dafür sind dynamische Informationen zu den Interessensgebieten der Stakeholder, über die sie auf die Website gelockt werden können. Was dynamische Seiten oder Inhalte-Quellen betrifft, habe ich auf der Website einen sehr verlags-typischen Newsletter-Bereich und einen Presse-Newsletter gefunden. Im Newsletter-Bereich können sogar PLZ-spezifisch Informationen zu Veranstaltungen bezogen werden – via E-Mail. Das ist zwar der wichtigste Kanal, aber hier wäre es schön, als Nutzer anderer Abo-Kanäle als E-Mail auch Alternativen geboten zu bekommen. Bei Random House bspw. kann man diese Informationen auch via RSS-Feed beziehen. Darüber hinaus könnten diese Informationen auch via Twitter, Facebook, Google+ etc. angeboten werden, sodass man auch jene erreicht, die diese Kanäle bevorzugen, wovon es ja immer mehr Leute gibt.

Ein weiterer Bereich mit dynmischen Inhalten sind die Termine. Hier finde ich prima, dass die Adress-Daten direkt mit Google Maps verknüpft sind. Ebenso wäre es aber praktisch, wenn man die Termin-Daten gleich exportieren und in das jeweilige genutzte Terminplanungs-Tool importieren könnte. So müssten Interessierte die Termine nicht abtippen. Außerdem wäre es praktisch, die Veranstaltungen auf den Social Networks wie Facebook und Xing angelegt zu sehen. Das hätte den Vorteil, dass Verknüpfungen mit anderen Diensten einfach genutzt werden könnten. Beispiel: In Facebook angelegte Veranstaltungen, an denen man teilnimmt, werden auf Wunsch automatisch von anderen beliebten Plattformen wie Plancast übernommen.

Weitere wichtige Bereiche mit dynamischen Inhalten auf der neuen Website von S. Fischer sind die Reiter Aktuelles und Aktuelle Meldungen. Hier sucht man als Besucher wahrscheinlich zuerst nach Neuigkeiten. Doch hier bietet der Verlag gar keine Möglichkeit, die Nachrichten zu abonnieren – nicht einmal den E-Mail-Kanal. Das heißt aber, dass man jeden Tag auf die Website gehen und schauen müsste, ob es neue Nachrichten gibt. Das macht man vielleicht bei Spiegel Online, aber nicht auf der Website eines Verlages. Insofern wird hier aus meiner Sicht Potenzial verschenkt. Zumindest ließe sich hier (mangels Alternativen) nochmal explizit auf den Newsletter hinweisen.

Neben diesen offensichtlichen Punkten wäre es aus meiner Sicht zudem sinnvoll, wenn Verlage wie S. Fischer, die ja ein sehr breites Programm haben, nicht alle News über einen Kanal schleusen würden, sondern das Informations-Abonnement-Angebot thematisch aufbrechen würden. Schließlich wollen sie auch die Leser erreichen, welche sich aber nicht für alle Bereiche des Verlagsprogrammes interessieren, sondern primär für ihre eigenen Interessen. Ähnlich wie S. Fischer also separate Info-Abos zu Veranstaltungen in einzelnen Postleitzahlgebieten anbietet oder Newsletter speziell zu wichtigen Autoren wie Carlos Ruiz Zafón und Cecilia Ahern könnte der Verlag ja auch Newsletter, RSS-Feeds, Twitter-Accounts etc. zu einelnen Themengebieten anbieten, sodass sie die Wahrscheinlichkeit erhöhen, überhaupt Abonnenten zu gewinnen. Die Erfahrung lehrt, dass Informationsangebote gar nicht relevant genug sein können angesichts der unzähligen Informationsströme, in welche die Internet-Nutzer heute eintauchen können.

Also: Warum nicht direkt auf der jeweiligen Autoren-Seite eine Abo-Möglichkeit über alle relevanten Kanäle bieten für die Infos, Neuerscheinungen, Events etc. zu diesem Autor? Warum nicht direkt auf jeder Themenseite wie bspw. hier die entsprechenden Abo-Möglichkeiten bieten zu den genau dem Themenbereich? Warum nicht direkt auf der Themenseite zudem andere Abos bieten, die zum Themeninteresse des Nutzers passen? Bei S. Fischer böte sich das Mitangebot von Newslettern etc. der anderen Holtzbrinck-Verlage wie Rowohlt an. Warum nicht Multimedia-Material wie Videos direkt auf der Website durch die Nutzung von YouTube o.ä. abonnierbar machen? …

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Tücken des Facebook-Marketings am Beispiel des Verlags Kiepenheuer & Witsch

Eines Morgens wurde in Facebook-Land ein neuer Administrator ernannt. Genau genommen gestern. Die Gründe dafür waren mannigfaltig. Und dann. Ging. Alles. Ganz. Schnell. Neuer Administrator bekommt Bestätigungsmail. Alter Administrator entfernt sich selbst, weil hat ja Nachfolger gefunden. Jedoch: Neuer Administrator hat keine Rechte, weil hat kein Privat-Profil bei FB. Neuer Administrator erstellt sich ein solches Profil. Neuer Administrator hat noch immer keine Rechte. Neuer Administrator ist gar nicht neuer Administrator, ist GAR kein Administrator. Alter Administrator ist aber der alte, ist also AUCH GAR kein Administrator mehr. Niemand ist Administrator der KiWi-Seite. Facebook sagt, ohne Administrator keine Seite, sofort abschalten! Admin a.D. & Admin in spe schreiben Hilfe-Mails an Facebook. Hilfe! Hilfe! Hilfe! Facebook antwortet nicht. Seite bleibt weg.

Hier ist die neue Seite des Verlags Kiepenheuer & Witsch, mit hundert Administratoren und einem Ersatzmann an ihrer, genau, Seite, und keiner aus dieser Adminarmee wird jemals wieder entfernt werden. Sagt bitte allen, die sich dafür interessieren, Bescheid. Danke und aufs Neue: Herzlich Willkommen!

Euer Redaktionsteam von Kiepenheuer & Witsch

Gefunden auf der neuen Seite des Verlags – via Steffen Meier.

Wie Anton Philipp Reclam um 1830 freiwilliges Bezahlen erfolgreich nutzte

Modelle des freiwilligen Bezahlens sind dank Flattr & Co. ja in aller Munde. Nachdem ich mit dem Radiosender KPFA schon auf ein Beispiel aus dem Medienbereich gestoßen bin, bei welchem Crowdfunding seit über 50 Jahren erfolgreich betrieben wird, habe ich nun ein weiteres interessantes Beispiel gefunden – diesmal aus dem Buchbereich. Der Gründer des Reclam Verlags, Anton Philipp Reclam, hat nämlich vor ca. 180 Jahren solch ein Modell erfolgreich genutzt. Hier muss ich kurz ausholen, um den Kontext zu skizzieren:

Anton Philipp Reclam wurde 1807 in Leipzig geboren. Im Jahre 1828 lieh sich der 21-Jährige 3.000 Taler von seinem Vater. Von dem Geld kaufte sich Reclam in Leipzig das Literarische Museum, eine Leihbibliothek mit Lesekabinett, und gründet einen eigenen Verlag („Verlag des literarischen Museums“). Erst später, 1837, nannte Anton Philipp Reclam seinen Verlag um in Philipp Reclam jun.

Diese Zeit war zugleich eine politisch bewegte. In den Jahren 1830/1831 kam es zum Novemberaufstand, dem ersten größeren Aufstand der Polen nach dem Wiener Kongress, der einen unabhängigen Staat Polen zum Ziel hatte. Sein Staatsgebiet hatte Polen durch die Polnischen Teilungen 1772, 1793 und 1795 an Russland, Preußen und Österreich verloren. Der Novemberaufstand scheiterte letztlich jedoch. Zu den Folgen ist bei Wikipedia nachzulesen: „Zahlreiche politische Emigranten aus Polen zogen durch Deutschland nach Westeuropa (‚Große Emigration‘). Insgesamt verließen etwa 50.000 Soldaten und Politiker das Land. Die meisten kehrten später nach Polen zurück. (…) Auf dem Weg nach Westen wurden die Aufständischen vor allem in Sachsen, Baden und Bayern herzlich empfangen. Es gab eine ‚Polenbegeisterung‘ und es bildeten sich vielerorts Polenvereine. Der Novemberaufstand wurde als Teil einer nationalen gesamteuropäischen Bewegung gesehen. Auf dem Hambacher Fest wurde neben der schwarz-rot-goldenen deutsche Fahne auch die weiß-rote polnische Fahne gehisst. Von den Studentenverbindungen wurde in der Folge die Pekesche als Teil der studentischen Tracht übernommen.“

In dieser Situation machte Reclam etwas, was uns heute sehr neu und modern vorkommt, was aber schon damals gut funktionierte. Ich zitiere aus dem Buch: 100 Jahre Reclams Universalbibliothek, 1867-1967, Reclam Verlag, Leipzig 1967:

Ein besonders glücklicher Griff gelang ihm mit dem Polengedicht „Die letzten Zehn vom viertem Regiment“ von Julius Mosen. Reclam war mit Mosen befreundet und verlegte auch sein Gedicht (…) Mosen (…) besang darin den Heldenmut und das tragische Ende des vor Warschau gefallenen vierten polnischen Regiments. (…) Reclam setzte keinen Preis für das Gedicht fest (…)

Diesen Werbetext veröffentlichte Reclam am 11.01.1832 im Leipziger Tageblatt:

Wir bestimmen keinen Preis. Auch der Pfennig ist uns willkommen, und wir werden redlich über die Einnahme Rechnung ablegen.

Reclam schaffte, was auch heute bei solchen Ansätzen das Ziel ist: Maximierung der Reichweite, während man gleichzeitig trotzdem Geld für die Sache verdient:

Das Gedicht wurde ein ungeheurer Erfolg. Binnen weniger Tage waren mehrere tausend Exemplare davon verteilt, und Reclam mußte immer neue Auflagen herausbringen. Wie ein Zeitgenosse erzählt, wurde in Leipzig, „wo man ging und stand, auf allen Wegen und Ecken das Lied gelesen“, und ein polnischer Oberst soll gesagt haben, daß „das Gedicht für die Sache der Aufständischen mehr wert gewesen sei als ein ganzes Regiment“. (…) das Gedicht war inzwischen vertont worden (…) Reclam nahm bis Ende Februar 1832 für „Die letzten Zehn vom vierten Regiment“ die beachtliche Summe von hundertsechs Talern ein und stellte sie dem Leipziger Verein zur Unterstützung hilfsbedürftiger Polen zur Verfügung.

Zum Abschluss des Projektes zeigte Reclam mit einer Zeitungsmeldung vom 25.02.1832 abermals, wie klug er mit dem Thema und insbesondere mit der notwendigen Transparenz umging:

Bekanntmachung. 106 Thlr. 6 Gr. 1 Pf.+ als Einnahme für das Gedicht ‚Die letzten Zehn vom 4ten Regiment von J.Mosen‘ (…) habe ich an das Comité zur Unterstützung heimathloser Polen abgeliefert. (…) Dieser Pfennig wurde mir mit der Unterschrift: ‚Von einer armen Polenfreundin‘ übersandt; ich erwähne dieß nur deshalb, um zu beweisen, daß ich auch die kleinste Unterstützung dankbarst angenommen habe.

Ansichten des Verlegers Ralph Möllers zu DRM, Preisbindung für E-Books und dem künftigen Verhältnis Autor-Verlag

Derzeit organisiere ich zusammen mit der HTWK Leipzig eine Ringvorlesung in Leipzig. Unser erster Referent war der Verleger des Terzio Verlags, Ralph Möllers. Er hat viel Interessantes in seinem Vortrag gesagt. Ein paar Highlights zu aktuellen und relevanten Themen, die Ralph Möllers im Gegensatz zu vielen anderen in der Buchbranche offen anspricht, habe ich mal herausgeschnitten. In der Summe sind die 3 Clips zu den Themen (1) DRM, (2) Preisbindung für E-Books und (3) das künftige Verhältnis Autor-Verlag nur 5 Minuten lang:

DRM (1:10 min.):

 

Preisbindung für E-Books (1:20 min.):

 

Künftiges Verhältnis Autor-Verlag (2:30 min.):