Liebe ist uncool

herzlogo»Warum habt ihr ausgerechnet Liebe als Thema für das Orbanism Festival gewählt?«, wurden Leander Wattig und ich 2015 ziemlich häufig gefragt. – Falling in love, sich verlieben, #fil15, das ist doch kein Thema für Berlin, bitteschön, da kommt doch kein einziger Startup-Hipster hin …

Das Schlechte an <3-Themen ist, dass die eigene Filterblase so was absolut uncool findet, denn niemand ist gern die, die jetzt emo ist.

Das Gute an <3-Themen ist, dass die eigene Filterblase so was absolut uncool findet, denn manchmal möchte man ausdrücklich nicht mit den üblichen Verdächtigen sprechen.

Letzteres gilt immer dann, wenn es um gesellschaftliche Veränderung geht. Beim Urheberrecht geht es ja auch nur auf den ersten Blick um ästhetische und nicht um gesellschaftliche Fragen. Tatsächlich aber sind mittlerweile fast alle Menschen künstlerisch tätig, ob sie es wissen oder nicht. Jede Person, die Inhalte im Netz teilt, setzt sich damit ins Verhältnis zum Urheberrecht. Dafür wollten wir mit unserem Remixfestival ein Gefühl schaffen. Auch für die Möglichkeiten, die in diesen neuen zugänglichen Publishingstrukturen liegen.

Nun hätte aber die Aufforderung »Hey, denkt mal gemeinsam mit uns übers Urheberrecht nach: Diskussionsbefehl!« ungefähr so viel Begeisterung hervorgerufen wie eine Facebookwerbung oder ein gesponserter Tweet. Man kann Menschen nicht für etwas zwangsinteressieren. Was man aber kann, ist, Menschen in Situationen zu versetzen, die entsprechendes Interesse in ihnen wachrufen. Ich nenne dies »performative Aufklärung«.

Wer es ernst meint mit dem Vorsatz, alle ansprechen zu wollen, muss sich erst einmal von Konzepten wie ›cool‹ oder ›intellektuell‹ verabschieden, denn diese sind ex-, nicht inklusiv. Wer breitenwirksam etwas in Gang bringen und verändern will, muss zugänglich wirken. Dies darf man nicht mit Populismus verwechseln, denn es geht nicht darum, Sachlagen zu verkürzen, sondern darum, Menschen ihre eigenen Erfahrungen machen zu lassen. Diese Erfahrungen können dann in gute, schlechte oder gemischte Gefühle münden, was in jedem Fall besser ist als die gegenstandslose Angst, die auf fehlender Erfahrung und Vorurteilen beruht.

Für das Orbanism Festival, bei dem man, statt zu diskutieren, Kreativität, Teilen und Urheberrecht am eigenen Leib erfahren sollte, suchten wir das zugänglichste Thema überhaupt und kamen auf Liebe: Jede*r verbindet mit Liebe etwas, es muss ja nichts mit Herzklopfen und Schmetterlingen im Bauch sein.

Außerdem ist Liebe absolut uncool. Perfekt.

Ist man erst mal programmatisch auf Liebe eingestellt und damit offiziell uncool, wird alles ganz einfach. Man lässt Fünfe gerade sein, die Ironie stecken und freut sich auch über Festivaleinreichungen, bei denen man sonst die Augen verdrehen würde. Weil man wirklich vom hohen Ross runtergestiegen ist und Kontexte geschaffen hat, in denen man jenseits von Marketinggeseier »auf Augenhöhe« unterwegs ist.

Ich glaube, so ähnlich geht es auch Menschen, die Liebesromane schreiben … Menschen, die Cover für Liebesromane gestalten … Menschen, die Liebesromane verlegen … Menschen, die Liebesromane in Buchhandlungen verkaufen … Menschen, die Liebesromane lesen. Die sind absolut uncool. Aber sie haben Spaß, bilden riesige Communitys mit supernetten Leuten und – du musst jetzt tapfer sein, Filterblase – sie verdienen auch noch richtig Geld mit ihrer Arbeit. Halten wir deshalb einfach mal fest: Das gute Buch ist in den Augen der meisten Menschen nicht dasjenige, was den Buchpreis gewinnt.

Gut, dass die Herzenstage auf der #fbm16 zeigen werden, wie schön und groß uncool ist. Meine Hoffnung ist, dass irgendwann alle verstehen, dass sich die ganze Frankfurter Buchmesse als so etwas wie die Herzenstage der Literatur betrachten lässt. Im Orbanism Space trifft man deshalb auch das Goethe-Institut UND die Herzenstage.

Übrigens: Fast alle Buchmenschen sind emo, und die wenigen Ausnahmen könnten auch genauso gut mit Autos handeln.

Seid doch lieber alle zusammen gegen die YouTuber. Oder seid mal gar nicht gegen jemanden oder etwas. Macht euch locker, gönnt euch und lasst den anderen ihr Ding. Dann klappt es auch mit der Zukunft.


Anzeige (falls eingeblendet)

Kommentar schreiben