Mithu Sanyal: Postmigrantische Existenzen führen ein Nischendasein in der deutschen Literatur

Die folgenden Fragen unserer Interviewreihe werden seit 2009 regelmäßig von interessanten Menschen beantwortet, die »was mit Büchern« bzw. Publishing machen, und hier im Blog veröffentlicht. Dadurch entstehen Beiträge, die zum einen Aufmerksamkeit auf Buchmenschen und Publisher*innen lenken und die zum anderen Veränderungen und Herausforderungen in den unterschiedlichsten Bereichen des Publishing sichtbar werden lassen. Unser Ziel damit ist es, die Menschen noch enger in den Kontakt und Austausch zu bringen.

Wer sind Sie und was machen Sie mit Büchern oder im Bereich Publishing?

Mithu Sanyal: Postmigrantische Existenzen führen ein Nischendasein in der deutschen Literatur

Ich bin Mithu Sanyal, Schriftstellerin, Literaturkritikerin und Kulturwissenschaftlerin, was wahrscheinlich bereits den zweiten Teil der Frage beantwortet: Ich schreibe Bücher, lese sie, schreibe dann darüber und vor allem lebe ich mit ihnen zusammen in jedem Zimmer meiner Wohnung und sie schlafen nachts bei mir im Bett.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?

Da Arbeiten und Leben bei mir miteinander verschmelzen gibt es keinen klaren Anfang und (leider auch) kein klares Ende eines Arbeitstags. Wenn ich nicht gerade Interviews gebe oder führe, setzte ich mich morgens mit einer Tasse Tee und einem Klappstuhl vor das Haus auf den Bürgersteig und beantworte E-Mails. Dann gehen immer Nachbar*innen vorbei und wollen sich unterhalten und irgendwann fliehe ich nach drinnen. Ich habe zwei Arbeitsplätze, einen an meinem Schreibtisch, wo mein altes oranges MacBook, das aussieht wie eine Handtasche und nicht mehr ins Internet kommt, auf mich wartet, und das Sofa mit dem internetfähigen Laptop.

Wie verändert sich Ihre Arbeit (z.B. durch die fortschreitende Digitalisierung)?

Die Zeit, die ich für das Beantworten von E-Mails aufwende wächst immer mehr, ich habe inzwischen eine Social-Media-Assistenz, weil ich es einfach physisch nicht mehr alleine schaffe. Und dann kommt natürlich Zoom. Zoom hat mich während der Corona Krise gerettet, weil die meistens Lesungen und Podiumsdiskussionen ins Internet umgezogen sind. Gleichzeitig leide ich unter Zoom, unter der großen Nähe ohne so viele Aspekte von Nähe. Nach jeder Sitzung fühle ich mich vollkommen ausgelaugt.

Welche Erfolge konnten Sie in letzter Zeit feiern?

Im Februar erschien mein erster Roman »Identitti«. Die Reaktionen darauf – vor allem die E-Mails von Menschen, die mir schreiben, dass sie sich endlich in einem deutschsprachigen Roman repräsentiert fühlen – machen mich so glücklich und brechen mir gleichzeitig das Herz. Wie kann es sein, dass Leute wir wir – also im weitesten Sinne postmigrantische Existenzen – ein solches Nischendasein in der deutschen Literatur führen?

Wo hakt es? Was ist eine Herausforderung, für die Sie eine Lösung suchen?

Ich bin wahnsinnig dankbar, welche Unterstützung ich von Leser*innen und Rezensent*innen bekomme. Aber die Welt der Literaturpreise ist eine andere Sache. Ich bin eine der Unterzeichnerinnen, die unter dem Hashtag #allzuweiß einen offenen Brief zu den Nominierungen für den Preis der Leipziger Buchmesse geschrieben haben. Ein Blick auf die Literaturförderung und die Auszeichnungen für Literatur zeigt, dass Menschen wie wir immer noch nicht als selbstverständlicher Teil der deutschen Literatur wahrgenommen werden. So wurde ich z.B. viermal für den Literaturförderpreis der Stadt Düsseldorf vorgeschlagen und habe ihn nie bekommen, nicht einmal in Jahren, in denen kein*e Schriftsteller*in ausgezeichnet wurde und der Preis statt dessen an eine*n Übersetzer*in ging, nicht einmal mit einem Ausschnitt aus meinem Roman, der sofort auf der SPIEGEL Bestsellerliste landete. Das ist kein Zufall. Das ist auch nicht böse gemeint. Aber es ist ein Zeichen für Blinde Flecke.

Wer sollte Sie ggf. kontaktieren? Welche Art von Kontakten wäre hilfreich?

Möchten Sie eine Schriftstellerin fördern, die nicht zu einem Aufenthaltsstipendium von ihrer Familie weggehen, sondern in ihrem Leben bleiben und ihren zweiten Roman schreiben will? Sind Sie daran interessiert, Ihre Jurys diverser zu gestalten? Oder auch ihre Literaturpreise?

Wo finden wir Sie im Internet?

www.sanyal.de

Wen sollten wir auch mal fragen? Wer macht Zukunftsweisendes im Publishing?

Ich liebe Lütfiye Güzel, das Mädchen aus der Gedichte-Fabrik. Güzels Lyrik ist eindringlich und kompromisslos und ihre go-güzel-publishing ist im besten Sinne des Wortes Punk.

Die Abschlussfrage darf natürlich nicht fehlen: Welches Buch hat Sie zuletzt beeindruckt?

So, so viele. Ich bin sehr beeindruckt von Robin Wall Kimmerer, Biologieprofessorin und First Nation American, die beide Wissenstraditionen in einer erhellenden Weise miteinander verflechtet. Passenderweise heißt ihr aktuelles Buch »Geflochtenes Süßgras. Die Weisheit der Pflanzen« und vermittelt uns einen neuen Blick auf »die Natur«. Wahrscheinlich ist das das radikalste Buch, das ich jemals gelesen habe. Die deutsche Übersetzung erscheint am 19. Juli im Aufbau Verlag.

 

Foto (c) Guido Schiefer


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