Kristin Over-Rein: Ich bin eine norwegische Unternehmerin und habe 2017 BoldBooks gegründet

Die folgenden Fragen unserer Interviewreihe werden seit 2009 regelmäßig von interessanten Menschen beantwortet, die »was mit Büchern« bzw. Publishing machen, und hier im Blog veröffentlicht. Dadurch entstehen Beiträge, die zum einen Aufmerksamkeit auf Buchmenschen und Publisher*innen lenken und die zum anderen Veränderungen und Herausforderungen in den unterschiedlichsten Bereichen des Publishing sichtbar werden lassen. Unser Ziel damit ist es, die Menschen noch enger in den Kontakt und Austausch zu bringen.

Wer sind Sie und was machen Sie mit Büchern oder im Bereich Publishing?

Kristin Over-Rein: Ich bin eine norwegische Unternehmerin und habe 2017 BoldBooks gegründet

Ich bin eine norwegische Unternehmerin in der Buchbranche. Ich wollte etwas in einer Kulturindustrie verändern, die ich für altmodisch und ungerecht halte.

Mir ist es unbegreiflich, dass die Autoren, die den eigentlichen Wert eines Buches kreieren, diejenigen sind, die am wenigstens davon haben. Sie bekommen oft nur um die 10-15 Prozent des Buchverkaufserlöses und verschenken sozusagen ihr geistiges Eigentum lebenslang an die Verlage.

Deswegen habe ich 2017 BoldBooks gegründet, um unabhängigen Autoren dabei zu helfen, Zugang zu den gleichen Experten und Dienstleistungen zu erhalten, die sie über die Verlage bekommen würden, wie Lektoren, Korrektoren, Coverdesign und Buchdruck. Autoren können in ihr eigenes Buchprojekt investieren und ein Buch veröffentlichen, das den gleichen Standards entspricht wie Bücher aus Verlagen. Schon nach 200-300 verkauften Büchern erreichen sie die Gewinnschwelle und erhalten 100 Prozent der Einnahmen. Darüber hinaus behalten sie ihre Rechte und die volle Kontrolle über den gesamten Prozess.

In den vergangenen Jahren haben wir es geschafft, die Qualität der Bücher im Eigenverlag hier in Norwegen zu verbessern. Wir haben Unterstützung von Innovation Norway, The Norwegian Arts Council und Research Council und von 450 privaten Investoren erhalten, darunter auch zahlreiche Autoren. Jetzt starten wir international durch mit Deutschland als erstem Land außerhalb Norwegens.

Passend zum Launch in Deutschland ist auch unser Wettbewerb »Bold and Untold« gestartet, bei dem Self-Publishing-Autoren ihre Buchidee oder ihr Manuskript einreichen können. Zu gewinnen gibt es BoldBooks-Stipendien im Gesamtwert von 15.000 Euro. Die Gewinner werden in einer Kombination aus Publikumsabstimmung und Jury-Entscheidung gekürt.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?

Im Moment arbeiten wir von zu Hause aus. Das derzeit 9-köpfige Team trifft sich für regelmäßige Updates via Video. So stellen wir sicher, dass wir mit unseren Projekten und Aufgaben weiterkommen und uns auf den neuesten Stand bringen. Ich arbeite operativ und strategisch, spreche mit Kunden, Medien und Investoren, nehme an Brainstormings und Workshops teil. Meine Arbeit ist sowohl idealistisch als auch kommerziell. Als Startup entwickeln wir uns kontinuierlich weiter, sowohl mit Business, IT als auch mit dem Markt, sodass kein Tag dem anderen gleicht. Ich liebe meine Teammitglieder und all das, was wir mit tatsächlich sehr geringen Ressourcen erreicht haben. Ich ziehe Energie aus den kreativen und innovativen Aktivitäten in einer Branche, die reif für Disruption ist.

Wie verändert sich Ihre Arbeit (z.B. durch die fortschreitende Digitalisierung)?

BoldBooks ist 2017 mit einer einfachen Webseite mit vielen manuellen Backend-Prozessen an den Start gegangen. Wir haben viel experimentiert, getestet, sind gescheitert und haben dazugelernt. Da wir mehr Einblick in die Wünsche der Benutzer, sowohl der Autoren als auch der Freiberufler, erhalten haben, verbessern wir die Plattform konstant weiter. Wir automatisieren die Dinge, die automatisiert werden können, aber wir haben auch verstanden, dass Autoren den persönlichen Kontakt und Austausch mit uns und anderen Autoren brauchen und lieben.

Welche Erfolge konnten Sie in letzter Zeit feiern?

Uns freut es zu sehen, dass immer mehr Autoren, denen wir geholfen haben, Anerkennung für ihre Bücher erhalten, sowohl durch staatliche Unterstützung, Medienaufmerksamkeit als auch durch Platzierungen in Bestsellerlisten. Das inspiriert sowohl uns, als auch andere Autorenkollegen. Deshalb teilen wir ihre Erfolge in sozialen Medien und Artikeln.

Wo hakt es? Was ist eine Herausforderung, für die Sie eine Lösung suchen?

Jetzt, wo wir auf den deutschen Markt wollen, wird uns bewusst, dass es eine schwierige Kombination ist mit einem ausländisches Konzept von einem jungen Unternehmen in einer konservativen Branche durchzustarten. Erst Recht mit dem Ziel, sowohl Vertrauen als auch Aufmerksamkeit zu bekommen. Aber ich hoffe, dass deutsche Autoren sehen, dass wir einen Beitrag leisten können, indem wir die Standards des Self-Publishing anheben, wie wir es in Norwegen getan haben. Sowohl das norwegische Kultusministerium als auch das Ministerium für Handel und Industrie haben uns wahrgenommen und haben uns gegenüber Anerkennung für unsere Arbeit ausgesprochen. Man kennt ja das Zitat: »First they ignore you, then they laugh at you, then they fight you, then you win.« Das sind wir.

Wo finden wir Sie im Internet?

Unsere Website ist boldbooks.com und Sie erreichen meine deutschen Kollegen unter kontakt@boldbooks.de

Wenn Sie mich direkt kontaktieren möchten, geht das per E-Mail kristin@boldbooks.no oder mein LinkedIn-Profil.

Wen sollten wir auch mal fragen? Wer macht Zukunftsweisendes im Publishing?

All die unabhängigen Autoren, die mutig genug sind, nicht auf die Stimmen der Zweifler zu hören, die sagen, dass Sie das Logo eines großen Verlags auf Ihrem Buch brauchen, um Großes zu erreichen. Die meisten Leser nehmen nicht vorrangig wahr, welcher Verlag hinter dem Buch steht, das sie gerade lesen. Sie interessieren sich für den Inhalt und den Autoren. Und wenn der Autor mit den gleichen Experten zusammenarbeiten kann wie auch Verlage, welchen Mehrwert liefern dann noch Verlage?

Die Abschlussfrage darf natürlich nicht fehlen: Welches Buch hat Sie zuletzt beeindruckt?

Ich bin beeindruckt von Nicole Bergmann, die mutig genug war, eine Pionierin zu werden, indem sie als erste Deutsche ein Buch mit Dienstleistungen von BoldBooks veröffentlichte. Sie hat ein Buch über die persönliche Finanzierung von Jugendlichen geschrieben (Raus aus dem Finanzdschungel). Das ist ein Thema, das ich versuche, meinen eigenen Kindern beizubringen, da dieses Thema in der Schule nicht vertreten ist. Es ist so ein wichtiges Buch, das auch die nächste Generation von Unternehmer:innen inspirieren kann.

 

Foto (c) Kubrix, Markus Anfinnes


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