Geht doch zurück nach früher, wenn’s euch hier nicht passt! Das Retroreaktionäre

#reblogged (ursprünglich im Jahr 2013 auf Tumblr veröffentlicht)

Retro ist so eine Sache: hübsch stimmungsvoll und gleichzeitig hässlich reaktionär: Früher war keinesfalls alles besser, man kann sich nur nicht mehr so genau daran erinnern. Die Gedächtnislücken werden mit einer idealisierten Vorstellung der individuellen Biografie wie auch der gesellschaftlichen Vergangenheit aufgefüllt.

Menschen haben früher weniger Convenience Food gegessen, stimmt, dafür haben sie, solange sie über die nötigen finanziellen Mittel verfügten, alles an Fleisch, Zucker und Fett in sich reingestopft, was sie kriegen konnten. – Außer sie lebten auf dem Monte Verità oder in anderen lebensreformerischen Gralsburgen.

Es gab früher noch nicht so viel Chemie in Nahrung, Kleidung und Umwelt, stimmt, aber eben auch herzlich wenige wirksame Impfstoffe und Medikamente. – Machen wir halt zehn Babys, wir wissen ja eh nicht, wie nicht, außerdem sterben etwa neun von ihnen im Kindesalter.

Menschen hatten früher bessere Umgangsformen, stimmt, aber das galt nur für die herrschende Klasse und deren Dienstboten.

Junge Leute hatten früher noch Respekt vor dem Alter und die Älteren lebten inmitten der Familie, stimmt, na ja, nicht so ganz, da gab es zum Beispiel die so genannten Auszugshäuser, wohin die alten Bauern nach Übergabe des Hofes übersiedeln mussten.

So weit, so rückwärtsgewandt. Neuerdings präsentiert sich aber auch die Gegenwart mit nostalgischem Zuckerguss überzogen. Mit Instagram und Lana del Rey kann man nun auch die Jetztzeit atmosphärisch überarbeiten, leicht entrücken und verklären. Der letzte technologische Stand in Sachen Programmierung und ästhetischer Chirurgie hilft also mit, so zu tun als ob. Schon merkwürdig, wenn Hund, Katze, Kind, Partner, »mein Haus, mein Auto, mein Boot« instagrammiert viel schöner aussehen als in der physischen Realität, zumal dies alles ja ganz ohne ihr Zutun und meist auch Wissen geschieht. Kosmetik bearbeitet jetzt nicht mehr nur Objekte, sondern auch deren Wahrnehmung.

Einige Jugendkulturen tun ja bereits seit den Achtzigern so, als sei die Welt in den Fünfzigern stehen geblieben, als ein Mann noch ein Mann und eine Frau noch ein berufsunfähiges Sex– und Mutterschaftsobjekt war. Das mag emotional rocken, wenn die Eltern Hippies sind, ästhetisch betrachtet ist es aber anspruchslos.

Gemein ist allen, gemein sind alle Retroströmumgen darin, dass sie die, beschränkt man sich auf Friedenszeiten, gesellschaftlich repressivste Phase der Moderne, dehistorisieren und zeitlos machen: das deutsche Biedermeier und den englischen bzw. US-amerikanischen Viktorianismus, »die gute alte Zeit«, als Menschen begannen, sich wie seelenlose Automaten und Marionetten zu fühlen, entfremdet von Familie, Arbeit und Selbst, erstarrt im schönen Schein von Anstand, bürgerlicher Moral und Etikette. Im Biedermeier konnte man Dinge entweder RICHTIG machen oder FALSCH, man konnte NORMAL sein oder VERRÜCKT, GUT oder BÖSE. Diese Entweder-Oder-Dichotomien haben bis weit ins 20. Jahrhundert fortgewirkt und sind erst in der Postmoderne – zumindest theoretisch – verabschiedet worden. Praktisch leben sie in vielen Individuen und sozialen Systemen bis heute fort.

Eines dieser Systeme bildet die Firma Manufactum gemeinsam mit ihren Kunden. Ich spreche nicht von Menschen, die einmal etwas bei Manufactum kaufen, weil sie das Produkt kurios finden oder es woanders nicht so hochwertig gefunden haben. Ich rede von den Leuten, für die Manufactum und die wie für Manufactum gemacht sind.

Diese Menschen sprechen eine eigene Sprache, der ein bildungsbürgerlicher Jargon ist: fremdwortreich, koppelwortlos steht sie da, als habe es nie eine Rechtschreibreform gegeben; unnötig zu erwähnen, dass hier ein »dass« noch ein »daß« ist. Der Fremdwortreichtum soll klangvoll sein und sprachwertig wirken, aber auch unbefugtes Betreten des Manufactumterritoriums verhindern:

Verstehst du nicht, was hier steht, so bist du ungebildet, verdienst nicht viel und kannst dir unsere Produkte zweifelsohne nicht leisten [also manufuck off!].

Verstehst du es nicht, obwohl du Kohle hast, bist du neureich und hast keinen Sinn für unsere klösterlichen Quäkermöbel, die viel zu schade für einen Proleten wie dich sind [also manufuck off!].

Biedermeierlich korrekt werden die gesellschaftlich konstruierten Geschlechtergrenzen von anno dazumal manifestiert: Es gibt eine männliche und eine weibliche Manufactumdomäne: die richtige Ausstattung von Auto (für ihn) und Werkstatt und die richtige Weihnacht (für sie).

Mit Dünkel hält man bei der Beschreibung der richtigen Weihnacht im Katalog und auf der Webseite fürwahr nicht hinterm Berg:

»Es gibt zwei ernstzunehmende Baumschmucktraditionen. Die erste stammt aus dem Biedermeier, der letzten geschmackssicheren Epoche der vergangenen 200 Jahre. […] Der Kritik an der gründerzeitlichen Üppigkeit, die den Tannenbaum unter einer Unmenge von Kitsch fast verschwinden ließ, entsprang die zweite Tradition. Sie führte zum ›weißen Baum‹ […].« (Quelle: http://www.manufactum.de/christbaumschmuck-c-1748)

Wehe wer anders, falsch schmückt – so jemand ist einfach nicht geschmackssicher und auch nicht ernstzunehmend (Prolls halt).

Sehr lustig und fast schon wieder rührend sind die verzweifelten Produktdesigner- und Texterversuche, absolute Unzulänglichkeiten zu kaschieren oder komplett überflüssige Produkte zu retten. Das »Wackelholz in Form eines Holzschiffchens«, etwa, das sich »bereits die keltischen Priester zunutze machten, die den unterseits ellipsoid geformten Drehkörper angeblich erfunden haben – und zwar zum Beeinflussen von Entscheidungen« (Quelle: https://www.manufactum.de/schneeschuhe-michigan-usa-p1463955).

Wäre Manufactum irgendwie ironisch, könnte man das ein oder andere Produkt als Steam Punk verstehen, etwa den »in Deutschland gefertigten« »Eiskratzer Bronzeklinge«, aber da ist keine Ironie.

Manufactum macht alles richtig. Ganz im Ernst. Ein  geniales Produkt und Marketingkonzept für Leute, die etwas Besseres sind. Bei denen selbst der Blaumann beige ist. »Es gibt sie noch, die guten Dinge«, der Slogan von Manufactum, sagt auch: Hier kaufen Menschen, die genau wissen, was richtig ist. Richtig gut. Richtig gut gemacht. Richtig richtig. Und das ist falsch. Falsch in meiner von Widersprüchen bestimmten subjektiven Welt.

 

 



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