Jerry J. Smith aka Anke John: Ich sehe in den Augen der Kinder, ob eine Story funktioniert

Die folgenden Fragen unserer Interviewreihe werden seit 2009 regelmäßig von interessanten Menschen beantwortet, die »was mit Büchern« bzw. Publishing machen, und hier im Blog veröffentlicht. Dadurch entstehen Beiträge, die zum einen Aufmerksamkeit auf Buchmenschen und Publisher*innen lenken und die zum anderen Veränderungen und Herausforderungen in den unterschiedlichsten Bereichen des Publishing sichtbar werden lassen. Unser Ziel damit ist es, die Menschen noch enger in den Kontakt und Austausch zu bringen.

Wer sind Sie und was machen Sie mit Büchern oder im Bereich Publishing?

Jerry J. Smith aka Anke John: Ich sehe in den Augen der Kinder, ob eine Story funktioniert

Ich bin Schriftstellerin, Spaziergeberin und Synchronstimme. Mein Name ist Anke John und ich lebe bei Leipzig, wo ich unter den Namen Jerry J. Smith und Frau Fabulus Bücher für Erwachsene und Kinder schreibe, mit Menschen spazieren gehe, welche Geschichten teilen und hören wollen, Trickfiguren meine Stimme leihe, regelmäßig als Vorlesepatin für Kitakinder lese und immer wieder Projekte entwickle, die, genauso wie meine Geschichten, anderen dabei helfen möchten, glücklicher mit sich selbst zu sein.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?

So etwas gibt es bei mir zum Glück nicht, einer der Gründe weshalb ich mein Leben so liebe. Ich bin alleinerziehend und arrangiere meine Projekte und das Schreiben um mein Privatleben herum. Das liegt zum einen daran, dass ich gelernt habe, was im Leben wirklich zählt. Zum anderen arbeite ich wesentlich motivierter und erfolgreicher, wenn ich keine festen Zeiten habe und mich selbst immer wieder neu organisieren kann. Es ist genau diese Freiheit, die es meiner Neugier und Energie ermöglicht, immer wieder Dinge zu hinterfragen und Neues auszuprobieren. Ich liebe die Abwechslung, ich schreibe gern parallel an verschiedenen Geschichten, während ich zeitgleich an neuen Projekten bastle. Aber ich brauche beides, die Ruhe des Schreibens gleichermaßen wie das geschäftliche Organisieren und Leute treffen.

Wie verändert sich Ihre Arbeit (z.B. durch die fortschreitende Digitalisierung)?

Die Pandemie hat der Digitalisierung einen gehörigen Schub verpasst und auch viele Autoren zum Streaming gebracht, was nicht jeder von ihnen im gleichen Maße genießen kann wie eine echte Lesung. Denn Autoren sehen im Stream weder die leuchtenden Augen des Publikums, noch hören sie den Applaus oder spüren die gespannte Stille. Und das ist tatsächlich etwas, wovon die meisten Autoren emotional leben. Auch ich sehe erst in den Augen der Kinder, ob eine Story funktioniert. Dieses Feedback beeinflusst alle weiteren Geschichten und das gerät durch die Digitalisierung etwas ins Hintertreffen. Natürlich gibt es auch Autoren und Leser, die Lesungen aus den verschiedensten Gründen meiden, für diese können Streams eine fantastische Alternative bieten. Ich glaube, für die meisten Leser sind (Live-)Streams etwas überaus Praktisches. Sie sehen und hören alles, können nebenher problemlos laut sein oder umherlaufen und müssen sich weder anziehen, noch vor die Tür. Das hat schon was. Da jedoch viele Buchmenschen, Leser und Autoren, wie ich Haptiker sind und persönliche Treffen lieben, werden Livelesungen zum Glück nie aussterben.

Welche Erfolge konnten Sie in letzter Zeit feiern?

2021 wurde die Veröffentlichung meines Kinderbuches »Eulilia und der pupsende Pips« mit einer Live-Lesung im Fernsehen bekannt gegeben, was Eulilia & Pips schnell bei vielen Kindern ein neues Zuhause schenkte. Dennoch blieb es mir, wie vielen anderen auch, durch die Pandemie und den Wegfall von Lesungen, versagt, persönlich mit den Lesern zu reden. Eine Interaktion, die, wie oben erwähnt, für viele Autoren zum schönsten Teil des Jobs gehört. Aus diesem Mangel heraus, rief ich noch im selben Jahr »Die Spaziergeberin« ins Leben – ein Spaziergehservice, der dabei hilft, zumindest etwas Lebensfreude, Gesellschaft und Geschichten miteinander zu teilen. Diese Idee hat den Puls der Zeit derart getroffen, dass es einen kleinen Hype auslöste und ich gehäuft Anfragen für eine Spaziergeber-Partnerschaft bekomme, welche ich natürlich von Herzen unterstütze. Zudem wurde »Eulilia und der pupsende Pips« in diesem Sommer von der GehörGäng als Hörbuch vertont, und ich durfte einer kleinen Ameise für eine Puppentheater-Webserie meine Stimme leihen, die vor allem ukrainischen Kindern erste wichtige Worte auf Deutsch beibringt. Ein riesiger Spaß, der dazu führte, dass ich nun professionell mit meiner Stimme arbeite und auch eigene Formate für Kinder entwickle.

Wo hakt es? Was ist eine Herausforderung, für die Sie eine Lösung suchen?

Prinzipiell, so ist mein Empfinden, leben zu viele Menschen nicht mehr in voller Kraft ihr eigenes Leben. Sie funktionieren und passen sich an, um zu überleben. Dafür nehmen sie unfassbar viel hin. Auch in der Buchbranche. Ich möchte Menschen motivieren, sich selbst nicht in diesem Kampf zu verlieren, wieder neugierig zu sein, regsam, offen und hinterfragend. Anfang des Jahres habe ich zum Beispiel ein Projekt gestartet, um einen neuen Vertriebsweg für Verlage zu erschließen, bei dem allen am Ende mehr Geld in der Tasche bleibt, ganz besonders den Autoren. Sie erschaffen die Basis jeden Buches und die gehört gestärkt. Die meisten Autoren schreiben neben ihrem 40h Brotjob, weil sie vom Schreiben nicht leben können, während es Agenturen, Druckereien etc. meist sehr wohl können. Die Menschen nehmen es hin, weil es schon immer so war. Und insgeheim verfluchen sie das System. Dabei sind sie Teil davon. Wenn etwas nicht passt, sollten wir versuchen, es zu ändern oder gehen, und es nicht frustriert dulden. Im Job wie auch privat. Autoren, Verlage, Buchhändler, Lektoren, Vertriebler … jeder trägt seine Sorgen mit sich herum und viele passen sich an, um Aufträge zu bekommen. Ich halte es für gesünder, wenn wir das System hinterfragen und unseren Bedürfnissen anpassen, nicht andersherum. Mir fehlen die ehrliche Kommunikation und die Bedarfsanalyse aller Beteiligten auf Augenhöhe. Viele Branchen driften auseinander, weil Geld wichtiger als die Sache geworden ist und kaum einer mehr mit Leidenschaft für selbige kämpft, weil genau das fehlt: Zusammenhalt. Wir müssen tun, woran wir glauben, lösungsorientiert und ungezähmt. Zusammen! Ich wünsche mir, dass mehr Menschen sich nicht therapieren, damit sie hineinpassen, sondern wenn überhaupt, damit sie mehr ihrem Charakter entsprechend leben und handeln.

Wer sollte Sie ggf. kontaktieren? Welche Art von Kontakten wäre hilfreich?

Es wäre schön, eine/n Mitstreiter/in zu haben. Jemanden aus der Branche, der schon lange dabei ist und in sich ruht, entspannt ist und dennoch groß denken kann. Jemanden, der meinen Tatendrang mit ausgeglichener Expertise ergänzt und von meiner Energie profitieren kann.

Wo finden wir Sie im Internet?

Auf www.ankejohn.de, www.die-spaziergeberin.de und natürlich Facebook, Instagram, Google & Co.

Wen sollten wir auch mal fragen? Wer macht Zukunftsweisendes im Publishing?

Viele tiefgründige und wertvolle Einblicke zum Thema Publishing wird Ihnen ein Interview mit dem fantasieexzessiven Sprachhedonisten Christian von Aster bringen. Er sollte unbedingt gehört werden.

Die Abschlussfrage darf natürlich nicht fehlen: Welches Buch hat Sie zuletzt beeindruckt?

Da ich eher Fach- und Sachbücher sowie Kinderbücher lese, ist mein letzter Roman schon eine Weile her. Was dabei einem Roman tatsächlich am nächsten kommt, ist Stephen King‘s »Das Leben und das Schreiben« … ein wirklich kluges und packendes Buch über gelebte Literatur!

 

Foto (c) privat


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