Jürgen Kalwa: Mein wichtigstes Spezialgebiet ist der Sport

Die Fragen unserer Interviewreihe werden seit 2009 regelmäßig von Menschen beantwortet, die »was mit Büchern« bzw. Publishing machen. Dadurch entstehen Beiträge, die zum einen Aufmerksamkeit auf Buchmenschen und Publisher*innen lenken und die zum anderen Veränderungen und Herausforderungen sichtbar werden lassen. Unser Ziel ist es, die Leute damit noch enger in den Austausch zu bringen.

Wer sind Sie und was machen Sie mit Büchern oder im Bereich Publishing?

Jürgen Kalwa

Ich arbeite seit 50 Jahren als Journalist, davon die letzten mehr als 30 Jahre frei – unter anderem für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die Programme des Deutschlandfunk und die Neue Zürcher Zeitung. Bücher schreibe ich erst seit meinem Ortswechsel in die USA Ende der achtziger Jahre. Allesamt Sachbücher, die Mehrheit mit dem Fokus auf Sport. Mich haben namhafte Athleten wie Tiger Woods, Lance Armstrong und Dirk Nowitzki beschäftigt. Aber das jüngste Buch, das im April erschienen ist, ein Sammelband mit Reportagen, Essays und Interviews und dem Titel »Der Stoff, aus dem die Helden sind«, demonstriert auf seinen 400 Seiten meine Bandbreite in der Auseinandersetzung mit Sport.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?

Er beginnt wegen des Zeitunterschieds von sechs Stunden zwischen meinem Wohnsitz an der amerikanischen Ostküste und Deutschland sehr, sehr früh. Was an den Redaktionsschlüssen der Tageszeitungen liegt. Und daran, dass man als fester freier Mitarbeiter möglichst rasch auf Anfragen per Email und Telefonate reagieren möchte. Man kann die von der Online-Welt vorgegebene Nachrichtenhetze nicht ignorieren. Der zweite Teil des Tages ist sehr viel ruhiger und erlaubt Zeit für Recherchen und das Aufgreifen von Anregungen aus dem Twitterkosmos, neue Themen anzudenken und vorzuschlagen. Oder auch für Interviews mit Protagonisten von Beiträgen. Zwischendurch gibt es Zeit für Dinge wie das Aufnehmen von Texten für Hörbuch-
Projekte. Seien es eigene (ich arbeite gerade an der Hörbuchfassung meiner Anthologie) oder die von interessierten Auftraggebern. Oder auch für die Beschäftigung mit Musik.

Wie verändert sich Ihre Arbeit (z.B. durch die fortschreitende Digitalisierung)?

Alles ist schneller geworden. Die Reflexe und Reaktionen, das Schreiben und das Redigieren der eigenen Texte. Das Recherchieren und der Einsatz von Tools wie Spracherkennung (für die Verschriftlichung von Interview-Aufzeichnungen) und vom Computer angefertigte Rohübersetzungen aus dem Englischen. Das Netz bietet aber auch qualitative Hilfen, wenn es um Ressourcen geht. Ich nenne mal als Beispiel den elektronischen Zugang zu Anklageschriften und Urteilsbegründungen in amerikanischen Prozessen, zu Materialien, die die Polizei und Staatsanwaltschaften in den USA der Öffentlichkeit zugänglich machen müssen. Früher musste man vor Ort sein oder jemanden vor Ort um Hilfe bitten. Heute kann man sich die Dokumente von zuhause aus besorgen. Was einfach klingt, läuft allerdings nicht auf eine Vereinfachung der Arbeit hinaus. Ohne umfangreiche Kenntnisse der Strukturen eines Landes und seiner Gesellschaft nutzen solche Materialien nur wenig. Mein Vorteil: Ich habe im Laufe der Zeit fast alle Bundesstaaten bereist. Viele von ihnen mehr als nur einmal. Dazu habe ich fast 1000 Menschen aus allen möglichen Themenbereichen und Regionen interviewt. Nicht nur Promis und Influencer, also die vordergründig interessanten Personen, sondern ganz viele Menschen im Hintergrund: Akademiker, Mediziner, Anwälte, Manager, Psychologen, Psychologen, Kreative.

Welche Erfolge konnten Sie in letzter Zeit feiern?

Feiern ist vermutlich zuviel gesagt. Aber ich habe es sehr genossen, aus Anlass der Veröffentlichung meines Helden-Buches eine Online-Veranstaltungsreihe mit angedocktem Livestream auf die Beine stellen zu können.

Mit sehr profilierten Mitwirkenden und sieben sehr reizvolle Themen aus meinem wichtigsten Spezialgebiet, dem Sport. Eine Lesereise durch Deutschland wäre sicher die sinnlichere Alternative gewesen. Aber das kam aus einer Reihe von Gründen – darunter den Kosten und der Schwierigkeit, Veranstalter zu motivieren – nicht zustande.

Wo hakt es? Was ist eine Herausforderung, für die Sie eine Lösung suchen?

Es hakt nicht an der Präsenz in den zu Beginn genannten Medien. Es hakt eher bei den Buchprojekten, für die ich mich stark mache. Ich kann mich gut erinnern, wie ich ein paar Jahre lang blauäugig einer Agentur in Deutschland zugetraut habe, meine Ideen an Verlage zu verkaufen. Das waren insgesamt vier ganz konkrete Projekte mit der Vorarbeit an vier ausführlichen Exposés und an vier Schreibproben. Fazit: vier Rohrkrepierer. Und der Grund, weshalb ich mein Lance-Armstrong-Buch schließlich als Selfpublisher herausgebracht habe. Wen übrigens die aufwändig gemachte Hörbuch-Produktion (mit Interview-Elementen und anderen Tönen und Musik) interessiert, darf sich gerne an mich wenden. Die stelle ich inzwischen gratis zur Verfügung. Nicht die Musik aus meiner eigenen Produktion. Die darf man gerne kaufen.

In jener Phase habe ich parallel einen kleinen, aber sehr guten und loyalen Verlag gefunden, der die beiden letzten Bücher herausgebracht hat. Eine positive Erfahrung, die mit der korreliert, die ich mit meinen Auftraggebern in den Medien gemacht habe. Wenn man sich kennt und gegenseitig schätzt, funktioniert das kreative Leben einfach viel besser.

Wer sollte Sie ggf. kontaktieren? Welche Art von Kontakten wäre hilfreich?

Aktuell würde ich mich über alle Menschen freuen, die sich für meine Bücher und ihre Themen interessieren und mehr wissen möchten. Seien es Podcaster, Blogger oder Repräsentanten etablierter Medien. Was neue Projekte betrifft, die mir durch den Kopf gehen, bin ich an einem Austausch mit Podcast-Produzenten mit Visionen und mit unverzagten Hörbuch-Verlagen interessiert. Ich suche Partner für meine Ambitionen als Sprecher und als kreativer Geist. Die jüngere Erfahrung hat mir eines klar gemacht: Die Entfernung zwischen den USA und Deutschland ist dank der Kommunikationstechnologie effektiv keine Barriere mehr für gut ineinander greifende Kooperationsmodelle. Man muss sich nur finden und den Sinn für gemeinsames Handeln entwickeln.

Wo finden wir Sie im Internet?

Ich habe eine Webseite, bin bei Twitter (@americanarena), auf Instagram (@americanarenainstapix) und unter meinem Namen auf Facebook, bei LinkedIn und Xing.

Wen sollten wir auch mal fragen? Wer macht Zukunftsweisendes im Publishing?

Mir fehlt da der Überblick, nicht nur in Deutschland, auch in den USA. Aber jemand, der mich seit langem immer wieder mit seinen Ideen und seiner Rigorosität beeindruckt, ist Hollow Skai. Seine Spezialiät ist Rockmusik. Aber sein Sinn für (Lebens)Kultur geht weit über den Tellerrand hinaus. Und dann darf man natürlich nicht Oliver Wurm vergessen. Der mit seinen Ideen für Spezial-Magazine einfach Spektakuläres abgeliefert hat und weiter abliefert.

Die Abschlussfrage darf natürlich nicht fehlen: Welches Buch hat Sie zuletzt beeindruckt?

»Joni Mitchell: In Her Own Words«. Ein Interview-Band, der in so gut wie jeder Zeile Überraschendes, Faszinierendes, Kluges, Nachdenkliches enthält, das das erstaunliche Leben dieser hochtalentierten und Grenzen sprengenden Poetin, Komponistin, Sängerin und Malerin verständlicher macht. Ihre Musik habe ich seit Mitte der siebziger Jahre intensiv verfolgt. Das Buch liefert die Argumente, was mich in ihre Arbeit hineingezogen hat. Das Buch ist zwar schon von 2014, aber überhaupt nicht gealtert (anders als Joni). Ich habe es als Hörbuch konsumiert. Etwas was ich seit einer Weile sehr gerne tue. Vor allem bei der Fahrt im Auto.

 

Foto (c) privat



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