Erleben wir jetzt eine Buchbranchen-Debatte über das Recht zu vergessen?

Vor einer Woche war ich wieder auf der Eröffnung der Leipziger Buchmesse und hörte mir dort mit Interesse die Auftaktrede des Vorstehers des Buchbranchen-Verbands Börsenverein des Deutschen Buchhandels, Prof. Dr. Gottfried Honnefelder, an. Interessant fand ich sie deshalb, weil diese Reden ja immer politische sind. Es kommt also weniger auf den Unterhaltungswert an, der ja meist ohnehin eher gering ist. Vielmehr kann man solchen Reden oft das entnehmen, was verbandsseitig (künftig) durchgesetzt werden soll.

In der Rede von Prof. Dr. Gottfried Honnefelder ging es, wie schon erwähnt, nicht nur um das rätselhafte „Prinzip Buch“, sondern auch um das Vergessen. Das Vergessen? Ja, er sprach davon, dass das Vergessen in der Geschichte ein wichtiger Relevanzfilter gewesen sei und man sich daher überlegen müsse, wie man auch im Internet ein Vergessen ermöglichen könne. Leider finde ich keinen Volltext der Rede, weshalb ich das nur aus der Erinnerung wiedergeben kann.

Was ich mich jedenfalls frage, ist, ob wir in der Buchbranche nun neben der Piraterie-Debatte in den nächsten Monaten eine Debatte rund um das „Recht zu vergessen“ erleben werden? Das könnte ich mir gut vorstellen, weil die Thematik gut instrumentalisierbar ist. Provisorisch weise ich daher an dieser Stelle schonmal auf Wortmeldungen von Mike Masnick und Marcel Weiß hin, die sich des Themas bereits überzeugend angenommen haben:

Mike Masnick schreibt:

In the last few months, we’ve written a few times about the EU’s bizzare fascination with a „right to be forgotten,“ which is a bizarre attempt to create laws that would let individuals demand that anything they don’t like about themselves be deleted from the internet. The argument supporting this is always that it’s a form of a „privacy“ right, but that’s not true. A right to privacy is about keeping your private info private. This „right to be forgotten“ is usually about trying to block public info. (…) This is really about censorship. (…)

Marcel Weiß schreibt:

(…) Digitale Inhalte haben kein Verfallsdatum, weil sie digital sind. Es existieren praktisch keine Kopien, sondern nur Originale, weil keine Unterschiede auszumachen sind. (…) Verfallsdaten bei digitalen Inhalten setzen voraus, dass wir andere zum Vergessen zwingen. Denn die haben schließlich auch die gleichen Originale in ihren Speichern, sei es der Google Cache, das Internet Archive oder der Freund, der die auf Facebook hochgeladenen Fotos auf seiner Festplatte abgespeichert hat. (…)

Bildquelle: Namensnennung Bestimmte Rechte vorbehalten von striatic

8 Kommentare

  1. Hallo Leander,
    vielleicht wird die Sache etwas weniger rätselhaft, wenn man sich vergegenwärtigt, dass in Gottfried Honnefelders Berlin University Press letzten Herbst das Buch „Delete“ von Prof. Viktor Mayer-Schönberger erschienen ist (übersetzt von meiner Wenigkeit). Das Buch ist übrigens erheblich vielschichtiger und vorsichtiger als diese Technokraten-Witzidee vom digitalen Radiergummi, die seit Monaten durchs Netz geistert. Und ich hatte den Eindruck, dass das Thema Herrn Honnefelder ernsthaft beschäftigt, sodass ich seine Rede nicht als „Schleichwerbung“ abtun möchte.
    Wenn die Buchbranche nun tatsächlich eine Debatte über dieses Thema erleben sollte, ist zu hoffen, dass sie weder von Technokraten noch von pergamentfixierten Kulturpessimisten geprägt wird. Das hätte Mayer-Schönberger nicht verdient.

  2. Jens Best

    Kürzlich lachten wir über Radiergummi-Aigner.

    Ich persönliche lächle auch über Prof. Mayer-Schönfelder. Nachdem ich die Möglichkeit hatte mit ihm zu diskutieren, bin ich vollensvon seinem wissenschaftlichen Ansatz nicht mehr überzeugt. Seine ganze Beweisführung/Herleitung ist flawed und in einigen Punkten willkürlich. Und ehrlich gesagt ist seine österreichisch-pastorale Vortragsart auch anstrengend und verdichtet den Eindruck, dass hier jemand unter dem Mantel der Wissenschaft eine Meinung propagieren will.
    Nichtsdestotrotz ist es lobenswert, dass er es versucht.

    Aber das was uns jetzt blüht, ist wesentlich bedrohlicher als ein netter Professor. Es braut sich eine neue unklare Front zusammen, die versucht das unsicherere Gefühl vieler Menschen geschickt zu instrumentalisieren. Es gibt durch die digitale Ebene der Realität (aka The Web) eine Verunsicherung in der Kultur. Dieser kann man positiv-kritisch begegnen. Aber die alten Mächte benutzen sie manipulativ, um den unfreien Status-Quo zu halten und damit ihre verkommene Macht.

    Warum gibt es eine G8 Arbeitsgruppe zum Thema „The Right to be Forgotten“?
    Warum gibt es ab dem 14.April einen „Wettbewerb“ ausgeschrieben vom Bundesinnenministerium zum Thema „Vergessen im Internet“?
    Warum schwafeln immer mehr Vertreter des überkommenen Systems, wie ein Herr Honnefelder, von diesem „Vergessen als notwendigen, unabdinglichen, ja gar konstituierenden Teil unserer Kultur?

    Aigner und Mayer-Schönfelder waren nur die Stimmungskasperl im Vorprogramm. Wir werden 2011 sehen, wie das alte System versuchen wird in der verunsicherten Bevölkerung mit dem „Vergessen als Kulturgut“ Stimmung gegen das offene, freie und kollaborative Web zu machen.
    Wir sollten uns Gedanken machen, wie wir uns dieser gefährlichen Propaganda und Macht konstruktiv und auch resistent entgegenstellen.

  3. A propos Propaganda: Jemanden, der sich – selbst durchaus computer- und netzaffin – jahrelang mit einem Thema wie dem Verhältnis von Erinnern zu Vergessen auseinandergesetzt hat und eine gesellschaftliche Diskussion darüber befördern will, mal eben als Stimmungskasperl abzutun, für den die Wissenschaft Deckmantel ist und der sich vor den Karren irgendwelcher dunklen Mächte spannen lässt, finde ich reichlich arrogant und alles andere als konstruktiv. (Mit 20 hätte ich das vielleicht cool gefunden.)

  4. Jens Best

    @Andrea Kamphuis

    Die Vorträge von Mayer-Schönberger zeigen seine tendenziöse Art Ergebnisse auf einen vorab gewünschten Punkt zuzuspitzen. Das wäre als Diskussionsbeitrag sicher sinnvoll. Als wissenschaftliche Arbeit kann ich es nicht anerkennen, wenn jemand fünf von sechs Ansätze der Aufgabenbewältigung ohne tiefergehende Begründung für obsolet oder unmöglich erklärt, um dann zu seiner Lieblingsthese obendrein einen schwachen Abgang hinzulegen.

    Doch auch wenn er sowohl in den Diskussionen in Deutschland als auch beim MIT sehr schnell mit Punkten konfrontiert wurde, zu denen er nur ausweichend antwortete, schätze ich den Versuch von Mayer-Schönberger eine Lösung auf eine zeitgenössische kulturelle Herausforderung zu finden. Diese ist dann zwar völlig reaktionär und erfasst nicht den eigentlichen Kern der Herausforderung in der Entwicklung, aber immerhin markiert er mal einen Stand der Diskussion damit.

    Die G8 Arbeitsgruppe, die EU-Arbeitsgruppe und die Arbeitsgruppe im BMI und andere Verbände und Einzelpersonen, die, ohne Mayer-Schönfelders Expertise, nun die Schlagworte „right to be forgotten“ bzw. „Vergessen im Internet“ benutzen, um eine wichtige und gute kulturelle Herausforderung in ihrem Sinne zu instrumentalisieren, sind genau die propagandistischen machtversessenen Scharlatane, als die man sie sehen sollte.

    Auch Peter Fleischer führte kürzlich in seinem Blog aus, dass „the right to oblivion“ (wie es im französischen Originaltext der EU-Gruppe lautet) als ein Mittel der Zensur gesehen werden kann. Ein tatsächlich sehr perfides Mittel, weil es auf das kulturelle Unbehagen setzt, das viele Menschen momentan berechtigterweise tatsächlich durch das Web empfinden.

    Anstatt sich aber aufklärerisch kritisch mit dieser Entwicklung zu beschäftigen, wird „The right to be forgotten“ auf eine Ebene mit den Massnahmen gegen Cyberterrorism und childporngraphy gesetzt, die, wie wir ja wissen, faktisch der Unterdrückung der freien und offenen Webkultur dienen.

    Es geht also nicht um Propaganda oder das Heraufbeschwören irgendwelcher dubioser „dunklen Mächte“, sondern es stellt eine sich entwickelnde Kampflinie dar, die von den Status-Quo-Verteidigern konstruiert wird, um Stimmung gegen unpassende Aspekte der Webkultur zu machen.

    Das „Recht zu Vergessen“ ist eine anti-aufklärerische Haltung, die versucht die kulturellen Herausforderung des Webs mit den Methoden der Angst und Verwirrung für die Sicherung der eigenen Einflussebene zu benutzen.

  5. @Jens Best

    Was ist eigentlich aus den guten alten Konservativen geworden? Heute gibt es offenbar nur noch üble Reaktionäre und progressive Aufklärer und dazwischen nichts.

    Zunächst einmal wäre es sinnvoll, genau zwischen einen „Recht zu vergessen“ und einem „Recht, vergessen zu werden“ zu unterscheiden. Und dann: Auch mich haben nicht alle Argumente Mayer-Schönbergers gegen die sechs „alten“ Strategien überzeugt; vor allem habe ich den Eindruck, dass er unsere kognitive Anpassungsfähigkeit unterschätzt. Auch mit (zwar nicht vollkommener, aber doch besserer) Kontextualisierung ließen sich m. E. viele Probleme lösen.

    Ein Statement, das aus dem Buch leider nicht so klar hervorgeht, lässt sich durchaus aus dem Autor herauskitzeln, wenn man ihn danach fragt: Texte und andere Informationen, auf die andere bereits Bezug genommen haben und die zum Verständnis des entsprechenden Diskurses notwendig sind, sollten von Löschungen ausgenommen sein. Man kennt das ja aus Foren, in denen (Ex-)Mitglieder die Löschung ihrer Beiträge verlangen, was u. U. wichtige Diskussionen total unverständlich machen würde. So etwas wäre für die Kultur äußerst schädlich.

    Daher gehen bei mir sämtliche Alarmlampen an, wenn z. B. Börsenvereinsjustiziar Christian Sprang für die Autoren vergriffener Bücher das Recht einfordert, ihre veralteten Werke sozusagen endgültig in der Versenkung verschwinden zu lassen. Veröffentlicht ist veröffentlicht, und wenn der Kenntnisstand zum Thema heute ein ganz anderer ist, so heißt das noch lange nicht, dass die Autoren ihre heute als irrig erkannten Äußerungen quasi ausradieren dürften. Das würde nicht nur Historikern, sondern *allen* Menschen das Leben schwerer machen, da es zu Geschichtsklitterung und einer weiteren Dekontextualisierung aller Publikationen führt, die irgendwie auf dem alten Zeug aufbauen – und sei es, indem sie es kritisch überwinden.

    Es gibt einen weiteren Aspekt in Mayer-Schönbergers Buch, der mir hartnäckiges Unbehagen bereitet, den ich aber bisher noch nicht richtig artikulieren konnte. (Hat was mit seinen beiden Standardbeispielen Stacy Snyder und vor allem Andrew Feldmar zu tun, die ich grundlegend anders bewerte.) Vielleicht sollte ich das noch nachholen …

  6. Jens Best

    @Andrea Kamphuis

    Ja, so einen (Wert)Konservativen, der/die im digitalen Informationszeitalter angekommen ist, fände ich auch mal schön. Dann könnten die ganzen Progressiven endlich mal anfangen, die Zukunft zu gestalten anstatt den ganzen Unsinn der Reaktionären wieder zurechtzurücken.

    Die Beispiele von Mayer-Schönberger sind so herrlich professoral weltfremd, dass er sich damit nur zusätzlich disqualifiziert. Bin gespannt, wie seine halbausgegorenen Schriftwerke von den Reaktionären in 2011 noch ausgenutzt werden.

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