Ich hoffe, der Börsenvereins-Vorsteher ist nicht nur mir peinlich …?

Verschiedentlich habe ich darauf hingewiesen, dass der Buchbranchen-Verband Börsenverein des Deutschen Buchhandels den Buchmarkt falsch abgrenzt. Dort wird sich fokussiert auf die traditionellen Marktteilnehmer. Autoren kommen gar nicht vor, sind demnach also offiziell gar kein Teil des Buchmarktes. Das ist im Zeitalter des allerorten stattfindenden Selfpublishings absurd. Doch nicht nur die Autoren werden vom Buchbranchen-Verband gern ignoriert. Wir reden nicht umsonst von Prosumenten, d.h. jeder Autor ist Leser und jeder Leser ist Autor.

Leser wiederum sind Kunden. Auch diese scheinen aber in der traditionellen Denkwelt einiger Börsenvereins-Repräsentanten keine Rolle zu spielen:

Wann immer der Vorsteher des Börsenvereins, Prof. Dr. Gottfried Honnefelder, zu Buchmesse-Eröffnungen und ähnlichen Anlässen eine Rede hält, bin ich sehr gespannt, was er dieses Mal wieder raushauen wird. Es gab schon etliche absurde Äußerungen, die ich hier im Blog z.T. aufgegriffen habe. Auch zur Eröffnung der Frankfurter Buchmesse 2011 vor einigen Tagen war es also wieder soweit. In deren Rahmen brachte er aus meiner Sicht seine Kernbotschaft und seine vermutliche Denkwelt dahinter exakt auf den Punkt:

„Die Gesellschaft braucht kein neues Urheberrecht – sie braucht Regeln für die Freiheit im Netz“.

Ich lese heraus: Liebe Kunden, Eure Welt und Eure Bedürfnisse sind mir egal, wenn Euer Tun und Nutzen der neuen Möglichkeiten meine Interessen tangiert, dann werde ich das in meinem Sinne „regeln“. Suggeriert wird auch einmal mehr, es gäbe keine Regeln – Stichwort Internet „als rechtsfreier Raum„, in dem die „Internetgemeinde“ wie ein Haufen Banditen haust.

Entweder Prof. Honnefelder vertritt hier singuläre Standpunkte, dann wäre er stark zu hinterfragen, oder er vertritt die Konsens-Meinung seiner Stakeholder, dann wäre diese stark zu hinterfragen. Wenn Letzteres zutrifft, sollten sich die Unternehmen mal fragen, ob das wirklich der Weg in eine erfolgreiche Zukunft ist …

Schon heute stellen wir fest, dass die Branche ein Problem hat, gute Leute zu finden. Ich wundere mich nicht, wenn „branchenfremde“ (um einen der vielen witzigen Buchbranchen-Termini zu nutzen) Leute Statements wie das von Prof. Honnefelder lesen, bei denen eine ganze Denkwelt mitschwingt, und dann zu dem Schluss kommen: „geht sterben“. Zumindest werden sie in einer solchen Branche nicht unbedingt arbeiten wollen. Entsprechend stellt auch die Personal-Expertin Kirsten Steffen fest, wobei sie sicher schon sehr professionell-zurückhaltend formuliert:

„Die Branche muss aufpassen, dass sie für Talente weiterhin attraktiv bleibt.“

Folgenden Satz von Kirsten Steffen lese ich auch als Ratschlag an den Börsenvereins-Vorsteher:

„Die digitalen Themen erfordern eine Kompetenzentwicklung des gesamten Personals“

Ich finde es unglaublich, dass sich der Börsenvereins-Vorsteher seit 5 Jahren mit Statements wie dem oben zitierten als die Buchbranche repräsentierend darstellen darf. Und das in einer Zeit des großen Wandels, wie es ihn seit Jahrhunderten nicht gegeben hat. Mir ist das peinlich. Ich finde es auch unglaublich schade, dass manche Unternehmen dadurch vielleicht wirklich falsche Vorstellungen von den Herausforderungen der Zeit bekommen. Vielleicht haben sie dadurch wirklich das Gefühl, sie müssten sich nicht bewegen, um die eigene Zukunft neu zu erfinden. Als wäre die Aufgabe einzig, möglichst harte „Regeln für die Freiheit“ anderer, die die Chancen nutzen, zu etablieren. Jan Tißler bringt das transportierte Denken gut auf den Punkt:

Ja, leider typisch. Nicht denken: „Wow, was können wir daraus machen?“. Sondern: „Wow, wie können wir das verhindern?“ :-/

So geht wertvolle Zeit verloren, der die Unternehmen später hinterherlaufen und -trauern werden.

Wohin ein Denken wie das durch den Börsenvereins-Vorsteher formulierte eine Branche gesamthaft führt, zeigt – sorry, wieder einmal – der Musikmarkt. Sean Parker, u.a. Mitgründer von Napster und heute bei Spotify involviert, bezeichnet im Video unten in der Rückschau zwar als den größten Fehler von Napster, dass sie rein auf P2P gesetzt und nicht mit den Labels gesprochen hätten. Allerdings beschreibt er auch das Scheitern der Musikindustrie, deren Markt von 48 Milliarden auf 12 Milliarden Dollar Umsatz geschrumpft ist, weil sie sich jahrelang gegen den Wandel gesperrt hat. Er beschreibt das für den Musikmarkt, was ich auch für den Buchmarkt erwarte: Bewegen werden sich viele Unternehmen und Akteure erst, wenn es richtig weh tut. Aus meiner Sicht wäre es Aufgabe des Börsenvereins, den Wandel nicht weg- oder kleinzureden, wie es durch den Vorsteher seit Jahren geschieht, sondern die eigenen Mitglieder zu ermahnen, sich schneller zu bewegen. Das wäre ein sinnvoller Beitrag. Unterstützenswerte Ansätze von Börsenvereins-Mitarbeitern gibt es ja auch, die die Aufmerksamkeit viel mehr verdient hätten.

(Video, 30 min.)

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