Endlich beendet die Buchbranche ihre „Umsonstkultur“ der Zitate aus Presserezensionen

100 vorbildhaft „Kreative“ wie Dieter Gorny, Gottfried Honnefelder und Hans-Peter Friedrich protestieren aktuell im Handelsblatt lautstark gegen die „Umsonstkultur“ im Internet. Denn Sie, die Sie das hier im Internet lesen, wollen ja doch nur alles für umme abgreifen. Ich stimme aber zu: In der Debatte um die „Umsonstkultur“ ist wirklich so einiges umsonst. Umsonst wird beispielsweise betont, dass die allermeisten Beteiligten gar nicht für die Abschaffung des Urheberrechts, sondern für eine Anpassung sind. Sie sind für eine Anpassung schlicht deshalb, weil sich die Welt um uns fundamental gewandelt hat und sich immer weiter wandelt. Dennoch wird seitens solcher „kreativ“ Argumentierenden in der allgemeinen Urheberrechts-Debatte beständig erst ein Abschaffungswille unterstellt und dieser sodann heftig attackiert. Angesichts dieser Rhetorik ist der Dialogwunsch unübersehbar. Doch als verrückt gilt heute ja bekanntlich nicht der, der den Wandel ignoriert, sondern der, der ihn nüchtern registriert:

Revolutions create a curious inversion of perception. In ordinary times, people who do no more than describe the world around them are seen as pragmatists, while those who imagine fabulous alternative futures are viewed as radicals. The last couple of decades haven’t been ordinary, however. Inside the papers, the pragmatists were the ones simply looking out the window and noticing that the real world increasingly resembled the unthinkable scenario. These people were treated as if they were barking mad. Meanwhile the people spinning visions of popular walled gardens and enthusiastic micropayment adoption, visions unsupported by reality, were regarded not as charlatans but saviors.

Jedenfalls können sich die Befürworter der Betonierung des Status quo freuen, dass ein weiterer Sieg errungen wurde. Es ist absehbar, dass mit der „Umsonstkultur“ bei Libri und in vielen Buchverlagen aufgeräumt wird. Endlich wird seitens der verkappten Piraten in der Buchbranche auf die perfiden Zitate aus Presserezensionen verzichtet:

Der Online-Buchhändler und Grossist Libri will nach dem Perlentaucher-Urteil vom Herbst auf Nummer sichergehen und Urheberrechtsstreitigkeiten vermeiden. Man habe sich entschlossen, bis auf Weiteres alle Zitate aus Buchrezensionen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) und der Süddeutschen Zeitung (SZ) aus der eigenen Titel-Datenbank zu löschen
(…)
Die Libri-Juristen warnen die Buchverlage zugleich in dem Rundbrief, nicht leichtfertig ihre Werbetexte mit Verweisen auf Besprechungen in der Presse zu schmücken. Der gute Rat lautet: „Wenn Sie weiterhin von Zitaten aus Veröffentlichungen anderer Rechteinhaber in Ihren werbenden Texten Gebrauch machen möchten, sollten Sie mit dem jeweiligen Rechteinhaber die Übernahme des Zitates im Vorfeld rechtssicher abklären.“

All das ist natürlich ausschließlich positiv für alle Beteiligten und überaus praktisch in der täglichen Arbeit. Jedem Zitat seine rechtssichere Abklärung! So viele krisenfeste Geschäftsmodelle wie das der Anwälte haben wir in Zeiten des Internets schließlich nicht und die wenigen Erfolgsmodelle wollen wir doch nicht gefährden. Zudem sind Anwälte bestimmt auch „Kreative“ – oder so.

3 Kommentare

  1. Oct

    Eigentlich schade um die Frankfurter Allgemeine (FAZ) und die Süddeutsche (SZ). – Na gut: Wir müssen sie halt vergessen!

  2. Tobi S.

    Da würde ich mich als findiger Rechtsanwalt mal auf die Filmindustrie einschließen. Die DVD-Hüllen sind doch voller Testimonials… Und ob da wirklich jedes Zitat rechtssicher abgeklärt wurde… Das Ganze ist ähnlich wiederlich wie die Abmahnwelle für Impressumsgestaltung vor ein paar Jahren.

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