Was soll denn dieses ORBANISM. Und überhaupt.

Nächsten Monat bin ich zehn Jahre selbstständig, das ist ein guter Anlass, mal ein paar Zeilen dazu zu schreiben, was ich eigentlich so treibe und warum. Ich habe das Gefühl, das ist mal sinnvoll, weil so richtig blickt ja keiner mehr durch. Wen es halt interessiert. Obwohl ich das überhaupt nicht gern mache, was wirklich Persönliches öffentlich preiszugeben, also nicht nur ein Selfie mit lustigem Spruch. Es ist ja auch irgendwie eitel. Doch ohne geht es hier wohl nicht.

Ich bin jetzt also seit Studienende 2007 selbstständig, und es lief eigentlich immer gut. Ich kenne nicht viele Leute, die vom Fleck weg so eine Durchdringung in ihrer Branche geschafft haben und mit so vielen Themen vorn dran waren, wie es bei mir Anfang der 2010er in der Buchbranche der Fall gewesen ist. Auch in der Folge war ja dies und das los. Trotzdem habe ich mich, wenn ich ehrlich bin, die ganze Zeit über als scheiternd empfunden.

Schon als Kind habe ich Menschen bewundert und als Vorbild gesehen, die ihr Ding machen und die überhaupt wussten, was „ihr Ding“ ist. Ich brauchte schon immer dieses totale Brennen für eine Sache, um zufrieden zu sein. Man muss ja nicht gleich Mozart sein, der mit vier Jahren schon am Klavier saß, aber doch die Richtung. Ich hatte als Jugendlicher zwar immer meine entsprechenden privaten Steckenpferde, aber nie den einen „Traumjob“ vor Augen.

Die Buchwelt habe ich aber stets geliebt, weil sie für alles tiefe Wissen dieser Welt steht, und so kam ich auch zu meinem Studium. Mein Antrieb war, Dinge zu verstehen und darüber „mein Ding“ zu finden. So ergab sich auch der direkte Sprung in die Selbstständigkeit, weil mir das der schnellste Weg zu sein schien, Erfahrungen zu sammeln und die digitale Welt zu begreifen, die im Studium selten Thema gewesen war, aber doch künftig alles beeinflussen würde.

Entsprechend habe ich auch Gas gegeben, um meine Brötchen zu verdienen und übers Bloggen die aufkommende Social-Media-Medienwelt zu erfassen. Ich habe dann über die Jahre so ziemlich alles Mögliche ausprobiert und oft gedacht: das ist es jetzt. Erst dachte ich, ich werde der große Berater. Dann dachte ich, ich werde der große Vortragsredner. Dann der große Lehrbeauftragte. Alle diese Dinge haben mir auch wahnsinnig viel Spaß gemacht und tun es noch, aber wiederum nur, wenn ich für die dortigen Themen brenne und es einem größeren Ziel dient, wie ich dann immer wieder realisiert habe.

Aber dieses „mein Ding“ als Thema hatte ich eben nie so richtig greifbar für mich selbst. Immer nah dran, aber doch weit weg. Immer suchend. Social Media und Marketing und Bücher und Medien, okay, klar, aber was eigentlich genau. 2013/14 rum gab es dann noch ein paar private Struggles, die mir länger nachhingen und mich ablenkten, und irgendwann wusste ich überhaupt nicht mehr, wofür ich den ganzen Kram eigentlich mache. In der Phase habe ich dann Christiane Frohmann getroffen und wir starteten ORBANISM mehr aus einem Gefühl der Gemeinsamkeit und einer groben Zukunftsrichtung heraus, ohne das damals genau benennen zu können. Wir haben in der Folge auch ein paar Umwege gedreht, wie sich das gehört. Irgendwann letztes Jahr ist für mich aber endlich der Knoten geplatzt.

Seit 2009 habe ich endlos viel Zeit in meine Vernetzungsaktionen wie „Was mit Büchern“, #pubnpub und den Virenschleuder-Preis gesteckt, meistens ohne damit Geld zu verdienen, aber getrieben von dem Gefühl, dass die Richtung gut ist. Inzwischen bin ich einen Gutteil meiner Zeit damit beschäftigt, Veranstaltungen zu planen und zu organisieren. Aber „mein Ding“ ist eben nicht primär Veranstalter zu sein, sondern das Veranstaltungsthema auf höherer Ebene zu beackern – als Publisher. Das habe ich im Sommer 2016, auf einer Wiese an der Ostsee liegend, begriffen. Bei einem selbst dauert das ja zuweilen ein bisschen länger, zumal als Pommer.

Ich brauchte, wie gesagt, schon immer dieses absolute innere Commitment für eine Sache, um zufrieden zu sein. Dabei frage ich mich stets, ob mich das Thema wohl noch mit 80 begeistern wird. Ob es zugleich auch über die persönliche Ebene hinaus relevant und nachhaltig ist. Hier habe ich im beruflichen Kontext zum ersten Mal das Gefühl, dass beides in der Kombination so richtig der Fall ist und das macht mich sehr glücklich.

Kurzum: Ich möchte Menschen als Publisher unterstützen und sichtbarer machen, die ihrerseits Menschen zusammenbringen und dadurch positiv wirken. Ich möchte das auf Dauer tun, bis ich umfalle. Ich finde das auf 1.000 Ebenen wichtig, die hier vielleicht zu weit führen. Vor allem geht es mir um die Frage, wie man damit wirkliche Veränderung unterstützen kann, egal ob auf wirtschaftlicher oder gesellschaftlicher Ebene.

Das geht nach meiner Überzeugung am besten dadurch, dass man den Effekt physisch-realer Begegnungen nutzt, die trotz des Internets in der Wirkung unschlagbar sind, aber durch digitale Tools sehr stark unterstützt werden können. Bekanntlich ist jedes Unternehmen heute ein Medienunternehmen und künftig wird jedes Medienunternehmen auch ein Veranstalter sein. Für solche Begegnungen ist es wichtig, dass man zum einen Events als Plattform für die jeweilige Interessensgemeinschaft möglichst durchlässig macht. Mein Bild ist dabei immer der schüchternste Teilnehmer von allen, der niemanden kennt und wenig Ahnung hat. Die Veranstaltung sollte so gestaltet sein, dass auch diese Person Anschluss findet und mit Gewinn nach Hause geht. Zum anderen sollte man die Meinungsführer unterschiedlicher Communitys über entsprechende übergreifende Veranstaltungen zusammenbringen und in echte Gespräche führen. So kommt es am ehesten zu einem Austausch und Effekt über Filterblasen hinweg, weil sie dann jeweils in ihr Netzwerk ausstrahlen. Das finde ich alles sehr wichtig, und es passiert heute noch viel zu selten und viel zu wenig.

Die Beschäftigung mit dem Meta-Thema Veranstaltungen und Begegnungen in Gemeinschaften wird für mich allein schon deshalb nie ihre Faszination verlieren, weil es letztlich mein eigenes Thema ist. Ich war selbst als Kind übertrieben schüchtern und introvertiert. Kommunikation bei sozialen Anlässen habe ich mir durch Beobachtung und über den Kopf erschlossen. Man verliert sein Grundmuster aber nicht, was mir die Leute oft nicht glauben, weil man ja jetzt so viel mit Menschen macht. Aber noch heute ist es so, dass ich mich auf Veranstaltungen, wo ich niemanden kenne, sehr schwer tue. Das wird wohl immer so bleiben, wenngleich ich das inzwischen ganz gut überspielen kann. Und da fällt mir eben immer wieder auf, wie wenig solchen Leuten oft geholfen wird. Auf Grundlage dieser Erfahrungen habe ich all die Jahre auch meine eigenen Veranstaltungen immer möglichst integrativ konzipiert und geplant, die letztlich auch mein persönliches Training sind und es mir selbst leichter machen in Kontakt zu kommen.

Christiane teilt diese Überzeugung und entsprechend bauen wir ORBANISM jetzt auf. Wir können nicht alles besser und wir wissen nicht alles besser. Was wir aber gut können, ist beobachten, sammeln, kuratieren und neue Kontexte herstellen. Wir tun dies für das Feld der Veranstaltungen und Live-Aktionen im Bereich Publishing, Medien und Kultur, das sich noch sehr stark entwickeln wird. Wir haben auch nicht den Anspruch, 300 eigene Veranstaltungen im Jahr zu organisieren. Hier wollen wir uns langfristig eher mit einem Organisationsprofi, einer Agentur o.ä. zusammentun, um das in Kooperation aufzuziehen. Überhaupt ist jetzt der beste Zeitpunkt uns anzusprechen und lose oder fest bei uns anzudocken.

Ich habe jede freie Minute in diesem Jahr an orbanism.com geschraubt und da finden sich jetzt schon viele Elemente zumindest als Grundlage, die Teil dessen sind, wie wir uns ORBANISM als „Verlag für Veranstaltungen im Bereich Medien und Kultur“ vorstellen. Es gibt ein Veranstaltungsverzeichnis, wo wir gute Events für Kreative sammeln und das sich in alle Richtungen kreuzfiltern lässt: Stadt, Location, Veranstalter, Referenten, Eventformat, Thema, Art des Zugangs und ob es ein Rahmenevent zu einem größeren ist. Wir bauen ein Anbieterverzeichnis und eine Jobbörse auf. Vor allem aber entwickeln wir Veröffentlichungen bei ORBANISM PUBLISHING wie etwa das erste E-Book zur „Gastfreundschaft“ unter Christianes Leitung sowie ein Online-Eventformat-Lexikon. Wir haben auch alle bestehenden Publishing-Imprints wie den Frohmann Verlag und „Was mit Büchern“ eingebracht und pflegen diese jetzt unter dem ORBANISM-Dach. More to come und step by step.

Vor allem geht es mir aber um den Erfahrungsaustausch, weshalb ich dieses Jahr auch den Virenschleuder-Preis in ORBANISM AWARD umbenannt habe und ihn vom allgemeinen Social-Media-Marketing mehr in Richtung Live-Marketing und Events ausrichte. Das Procedere der öffentlichen Nominierungen, die uns beim Mitlesen alle schlauer machen, bleibt. Der ORBANISM AWARD ist ein Labor wie auch der ORBANISM SPACE auf der Frankfurter Buchmesse, die anderen eine Plattform bieten sollen. Solche Ansätze finde ich großartig.

So, diese Statusmitteilung ist nun länger geworden als geplant, aber ich wollte all das mal ein bisschen einordnen. ORBANISM ist für mich nicht irgendein Projekt, mit dem ich zufällig um die Ecke komme. Es steht für alles, was ich die nächsten Jahre machen möchte und werde, auch wenn sich das im Detail noch ausformen wird. Hoffentlich zusammen mit euch. Ich freue mich darauf. Sehr.

 

 

Foto: Jasmin Schreiber