Gunter Dueck beschreibt einen typischen Blogger und dessen Problem der mangelnden Breiten-Wirkung

Prof. Dr. Gunter Dueck ist einem breiteren (Blogger-)Publikum durch seinen Vortrag auf der re:publica 2011 bekannt geworden. Ich hatte den Vortrag damals live gesehen, fand ihn auch interessant, aber nicht so weltbewegend, wie er für viele gewesen sein muss. Auf jeden Fall ist Dueck durch ihn selbst hip geworden, was ich im Ergebnis wiederum gut finde, weil er ja viel Substanzielles beizutragen hat in der deutschen Blogosphäre, die sich nicht unbedingt durch übermäßige Intellektualität auszeichnet.

Hier im Interview charakterisiert Gunter Dueck jedenfalls recht treffend, wie ich finde, welcher Typ Mensch unter Bloggern häufig vorkommt. Es geht um den Ausschnitt des eingebundenen Beitrages im Zeitraum ca. 3:12 min. bis 9:36 min.


(via Frank Krings)

Er hat dazu auch eine Kolumne geschrieben auf seiner Website:

Und bei den Einsendungen nach der re:publica lauteten über 50 Prozent INFP. Dieser „Typ“ ist dabei ganz selten, man schätzt seine Häufigkeit um die drei Prozent, ich habe auch schon Schätzungen von einem Prozent gesehen. Er kommt bei Frauen deutlich häufiger vor als bei Männern.

Hier gibt es eine Definition von INFP:

INFPs are sensitive, caring, creative, private, smart and original. Their actions are driven by their value system, and they have a hard time doing things they don’t feel right about. (…)
Special INFP personality traits:

  • Not very realistic and practical
  • Original dressing style
  • Nurturing and supportive
  • Hate conflict and criticism
  • Very flexible
  • They find day to day activities unfulfilling

Gunter Dueck weiter:

INFPs sind in Menschenmengen eher unauffällig und kommen oft nicht zu Wort, da fressen sie gepressten Zorn über die Blasenpräsentierer in sich hinein, bis sie schließlich doch etwas dazu sagen MÜSSEN, was dann aber schon von fortgeschrittener Gesichtsröte durchzogen ist. Na klar, für andere meckern sie einfach ziemlich viel. Deshalb mögen INFPs lieber private Gespräche zwischen Ich und Du, wo das Zu-Wort-Kommen-Problem des Zaunkönigs unter den Vögeln nicht vorkommt und nur noch Sinnvolles mit dem anderen INFP besprochen werden kann.

Könnte das nicht auch ein Grund sein, warum Sascha Lobo soviel hoch-emotionale Ablehnung erzeugt, während doch ein gleichgültiges Ignorieren eigentlich das naheliegende Vorgehen sein müsste, wenn man ihn doof findet?

Aus dem Rückzugsverhalten eines typischen Bloggers, wie es Gunter Dueck beschreibt, folgt natürlich auch eine mangelnde Wirkung in der Breite der Gesellschaft:

Wenn aber ein INFP-Blogger WIRKUNG erzeugen will, muss er die Psyche der lauten sinnsorgloseren Anderen beeindrucken, so dass sie Follower werden und liken. Dann muss ein INFP in die feindliche Welt, dort aber gibt es viele auch feindlich-befremdliche Diskussionen, in denen fast keine Antwort wärmt oder „aus der Seele spricht“. Da wird der Zaunkönig traurig, dass der Adler ihn nicht hört und die Spatzen ihn laut verspotten. Da fliegt er wieder ins Unterholz, ins Web, wo die Blogger sind.

Dazu passt wiederum Sascha Lobos erfahrungsbasierte Feststellung in seinem 2011er re:publica-Vortrag, dass die Blogger als Digital-Elite, die sie ja sein müssten, in Deutschland völlig versagt hätten, weil sie es nicht schafften, von der Allgemeinheit wahrgenommen zu werden. (Das sehe ich auch so.) Ich habe hier das Video so eingebunden, dass nur der betreffende 2-minütige Teil der Lobo-Kritik abgespielt wird:

Das unterstreicht Gunter Dueck in seiner Kolumne, die in Gänze sehr lesenswert ist:

Die Blogger KENNEN den Sinn und die wertvolle Zukunft. Gleichzeitig fühlen sie sich unverstanden, nicht ernst genommen und wirkungslos in der Masse der Menschen. Diese Problematik ist eng verbunden mit der introvertierten Sinn-Psyche. Sie bringt Sinn hervor, preist ihn schriftlich oder künstlerisch oft erfolgreich an, verkauft ihn aber nicht an Kunden. Bloggen ist oft wie eine wertvolle Ausstellung von Wertvollem, das aber niemand im Wohnzimmer haben will. Dort aber gehört es hin. Hey, Blogger, geht mit Eurem Licht in Platons Höhle und zeigt es den im Dunkel Angeketteten. Macht aus Sinn eine Praxis! Predigt nicht nur Ethik, sondern bildet eine breite Kultur! Überschreitet den Rubikon zu den normalen Menschen!

Diesem Aufruf kann man sich nur anschließen und er ist auch 2012 noch notwendig und wertvoll.

  • Liegt da nicht irgendwo ein Denkfehler in der Argumentation? Man kann auch nicht von den Fischen erwarten, dass sie aus dem Wasser steigen und uns von der Schönheit der Ozeane erzählen. Fische können das nicht, schon allein weil sie Kiemen und keine Lungen haben.

    Ähnlich sehe ich das mit den tendenziell eher introvertierten Bloggern: Von ihnen zu verlangen, zu guten Verkäufern zu mutieren oder Geschäftsmodelle zu entwickeln, heisst einfach die falsche Zielgruppe mit einer bestimmten Erwartungshaltung zu konfrontieren. In den USA sind Blogs ganz offensichtlich nicht die Domäne der introvertierten Sinn-Sucher geblieben, sondern haben auch sehr extrovertierte Typen wie den von Dir oft zitierten Gary Vaynerchuk angezogen. Andere Beispiele wären Michael Arrington, Robert Scoble oder Henry Blodget.

    Für mich bedeutet das, dass nicht die Blogger sich ändern müssen, sondern dass der Social-Media-Bereich bei uns mehr Menschen mit einer anderen Persönlichkeitsstruktur anziehen muss! Solange das nicht geschieht, kann Sascha Lobo lange den Mahner auf der re:publica geben, ändern wird sich nichts…

    • Matthias, an deiner Argumentation ist was dran. Über die Gründe kann ich
      auch nur spekulieren. Vielleicht ist in den USA das Bloggen über
      digitale Themen auch stärker mit realen (Miss-)Erfolgsgeschichten,
      realen Startups, ihren Erfahrungen und Hoffnungen verbunden. Weit über
      Silicon Valley hinaus. In Deutschland ist Theorie und Praxis weiter
      auseinander, bzw. die eigene Praxis oft kein Diskussionsgegenstand.
      Dafür haben wir aber ganz viele Blogs zur Vorratsdatenspeicherung,
      veganer Ernährung, Post-Trans-Gender-Themen usw. :)

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  • Volker Ruröde

    Ich bin selber ein INFP-Blogger und finde mich hier treffend beschrieben.
    Sinn erzeugen und Wertvolles leisten finde ich erstrebenswert, aber über den Rubikon zu den normalen Menschen? Ich weiß nicht…