Thema: Gastfreundschaft

Kottbusser Tor – ein Text zur Gastfreundschaft von Tania Folaji

Kottbusser Tor – ein Text zur Gastfreundschaft von Tania Folaji

1980 war ich Punk. Strikteste Ablehnung von allem fand ich gut und richtig. Die größten Probleme machten mir zu der Zeit die Schulpflicht, nicht erst seit dem verordneten Gespräch mit einem Berater im Berufsausbildungszentrum. Das Gespräch endete sehr schnell, als ich den Berufswunsch Rentnerin angab und der Berufsberater mich und meine Ratte, die Virus hieß, bat zu gehen, bis ich die nötige Reife mitbrächte. Ich fühlte mich mit vierzehn, fünfzehn auf allen Ebenen unverstanden und ich hasste die Welt.

Rostock, Caroline – ein Text zur Gastfreundschaft von Zoë Beck

Rostock, Caroline – ein Text zur Gastfreundschaft von Zoë Beck

Caroline liebt es, wenn Menschen zu Besuch kommen. Sie hat drei Kinder und einen Mann, sie arbeitet, sie macht den Haushalt, sie bekleidet Ehrenämter, aber sie scheint erst wirklich glücklich, wenn dazu noch Besuch kommt. Ich glaube, sie liebt die anderen Welten, die durch die Menschen von außen zu ihr nach Hause kommen. Sie will alles genau wissen, je weiter etwas von ihrer Lebenswirklichkeit entfernt ist, desto besser. Ich selbst war für sie gleichzeitig nah und fern, Dinge wie Bücher schreiben kannte sie mindestens von ihrem Mann, aber was ich schrieb und dass ich noch fürs Fernsehen arbeitete, das war neu und spannend. Und für mich war neu und spannend, wie offen jemand für Besuch sein kann. Wie schnell ich Teil einer mir bis dahin fremden Familie wurde und über Jahre bleiben durfte. Man bot mir an, so oft nach Rostock zu kommen und so lange zu bleiben, wie ich wollte. Anfangs noch – in den ersten zwei, drei Tagen – versuchte ich, nicht groß aufzufallen, ich verdrückte mich in mein Zimmer und aß außerhalb, bis ich merkte, dass ich dadurch mehr auffiel, als wenn ich mich in die Küche stellte und für alle, die gerade anwesend waren, kochte. Nie lag in all den Jahren ein „Fisch und Besuch stinken nach drei Tagen“ in der Luft. Manchmal hatte Caroline zwischen den vielen Besuchen nicht genug Zeit, die Bettwäsche zu wechseln, dann zog sie einfach frische über die alte, und wenn ich dann mein Bett neu bezog, fanden sich drei, vier Bezüge übereinander. Ich schrieb drei Bücher in dieser Zeit, und als ich damit fertig war, zogen sie fort, nach Wien, wo ich ebenfalls willkommen war, ich und alle anderen, auch wenn es in Wien etwas beengter war, aber Platz für Besuch, das muss sein, das ist Caroline so selbstverständlich wie Küche und Bad. Ich lernte sie und ihre grenzenlose Gastfreundschaft 2004 kennen. Ich fahre immer noch jedes Jahr nach Rostock, obwohl sie und ihre Familie nicht mehr dort leben. Aber das warme Gefühl, nicht nur willkommen, sondern zu Hause zu sein, hallt bis heute nach.