Karla Reimert Montasser: Jeder Tag am Haus für Poesie kreist um Poesie

Die Fragen unserer Interviewreihe werden seit 2009 regelmäßig von Menschen beantwortet, die »was mit Büchern« bzw. Publishing machen. Dadurch entstehen Beiträge, die zum einen Aufmerksamkeit auf Buchmenschen und Publisher*innen lenken und die zum anderen Veränderungen und Herausforderungen sichtbar werden lassen. Unser Ziel ist es, die Leute damit noch enger in den Austausch zu bringen.

Wer sind Sie und was machen Sie mit Büchern oder im Bereich Publishing?

Karla Reimert Montasser: Jeder Tag am Haus für Poesie kreist um Poesie

Ich heiße Karla Reimert Montasser, ich bin Dichterin und verantwortlich für den Bereich Poetische Bildung/Partizipation am Haus für Poesie.

Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?

Meine tägliche Aufgabe ist es, neue Zugänge zur Poesie zu schaffen und mit meinen Kolleg:innen am Haus für Poesie unterschiedlichste Formen zu erfinden, wie sie genossen, gelernt, gelehrt und gelebt werden kann. Ein typischer Arbeitstag beinhaltet die Arbeit mit Kindern, Jugendlichen, Jungen Erwachsenen und Menschen mit Behinderungen, aber auch mit Veranstalter:innen und Festivals, der Verwaltung Berlins, Stiftungen, Institutionen auf Bundes- und Landesebene und der Politik. Aber jeder, wirklich jeder Tag kreist nur um Poesie. Das ist ein riesiges Privileg.

Wie verändert sich Ihre Arbeit (z.B. durch die fortschreitende Digitalisierung)?

Ein großes Geschenk der Pandemie waren die vielen neuen Online-Formate. Für die Poetische Bildung am Haus für Poesie zum Beispiel das POEDU von Kathrin Schadt, eine monatliche Werkstatt für Grundschulkinder aus aller Welt, und natürlich der kyber lyrikklub, unser selbstverwaltetes Projekt für alle, die gern dichten. Mit der Digitalisierung des Formats haben wir bemerkt, dass viele zu uns gekommen sind, die vorher nicht da waren oder da sein konnten. Menschen, die zu alt, zu krank, zu weit weg, aber auch beispielsweise zu religiös oder einfach zu schüchtern waren, empfinden Online-Veranstaltungen oft als befreiend und schätzen die Barrierearmut. So ist Poesie noch viel deutlicher das, was sie immer ist: ein Weltgespräch.

Welche Erfolge konnten Sie in letzter Zeit feiern?

Ein großer Meilenstein der Poetischen Bildung ist die Seite www.lyriklab.org, die seit Dezember online ist. Zum einen geht es bei lyriklab darum, einen interaktiven und intuitiv spielerischen Zugang zu Lyrik zu ermöglichen. Zum anderen soll die Seite aber auch Aktivitäten der Poetischen Bildung und Lehrmaterialien zugänglich machen. Unter den Kategorien Wachsen. Ausprobieren. Lehren. Entdecken. sind diese beiden zentralen Ansätze in unterschiedlichster Form versammelt, wodurch Poesie in ihrer ganzen Bandbreite sichtbar werden soll. Um einen niedrigschwelligen Zugang zu Lyrik zu ermöglichen, wurde parallel der Instagramkanal @_lyriklab ins Leben gerufen. Der Kanal ergänzt die Webversion, indem er Lyrik in kurzen Zitaten, Schreibübungen, Illustrationen und poetisch-philosophischen Fragen an die Community unmittelbar und visuell ansprechend vermittelt.

Karla Reimert Montasser: Jeder Tag am Haus für Poesie kreist um Poesie

Wo hakt es? Was ist eine Herausforderung, für die Sie eine Lösung suchen?

Unter anderem stellen wir uns gerade folgende Fragen: »Wie können unterrepräsentierte Gruppen besser integriert werden?« »Wie kann ›aufsuchende Ausbildung‹ für junge Stimmen besser und offener gestaltet werden?« »Wie können die Lücken in Didaktik und Ausbildung von Lehrkräften geschlossen werden?« »Wie können die unterschiedlichen Genres von Page Poetry, Spoken Word und visueller Poesie besser verzahnt werden?« Das berührt immer auch Fragen nach neuen Förderinstrumenten (zum Beispiel für Dichter:innen mit Behinderung oder auch mit Fluchterfahrungen), nach Jurybesetzungen, nach kultur-, bildungs- und kunstpolitischer Gesetzgebung.

Wer sollte Sie ggf. kontaktieren? Welche Art von Kontakten wäre hilfreich?

Das Haus für Poesie versteht sich als Ankerinstitution für alle Dichter:innen. Meine Stelle wurde unter anderem dafür geschaffen, damit alle, die Lust aufs Dichten oder Fragen zur Arbeit am Haus haben, sich bei uns melden können. Mein Traum ist es, dass wirklich niemand mehr mit einem sprachkünstlerischen Talent allein gelassen wird. Daher freuen wir uns über wirklich jeden Kontakt.

Wo finden wir Sie im Internet?

www.haus-fuer-poesie.org / www.lyriklab.org

Wen sollten wir auch mal fragen? Wer macht Zukunftsweisendes im Publishing?

Fragt doch mal bei Wortbau e.V., der Selbstvertretung schreibender Schüler:innen, nach ihrem coolen TikTok-Projekt.

Wen sollten wir auch mal fragen? Wer macht Zukunftsweisendes im Publishing?

Ich übersetze seit einigen Jahren »dream flowers«, das Gesamtwerk der Sufi-Lehrerin, Kinderpsychologin, Autorin, Musikerin und Widerstandskämpferin gegen den Nationalsozialismus Noor Inayat Khan, die im Alter von 30 Jahren im Konzentrationslager Dachau ermordet wurde. In Frankreich und in Großbritannien ehrt man sie mit eigenen Briefmarken, Schulen, Büsten, Ausstellungen und den höchsten militärischen Auszeichnungen. In Deutschland ist sie noch fast unentdeckt. Allein ihre Lebensgeschichte ist atemberaubend. In Moskau 1914 geboren, Tochter des indischen Sufilehrers Hazrat Inayat Khan und seiner amerikanischen Frau Ora Ray Baker, aufgewachsen und als Musikerin und Autorin ausgebildet in Frankreich, Flucht nach England, dann, nachdem sie von den Gräueln erfuhr, die Juden in Konzentrationslagern angetan wurden, als SOE-Agentin zurück nach Frankreich, wo sie als Funkerin half, den D-Day vorzubereiten, teilweise als einziger verbliebener Kontakt. Ihre Märchen, Erzählungen, Gedichte und die dramatische Odyssee »Aéde« sind ein großes humanistisches und spirituelles Werk. Und das Besondere: es ist vor allem eins: ein Werk für alle Menschen, auch für Kinder.

 

Foto (c) Katrin-Born

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